Im erzkatholischen Irland schickt, wer auf sich hält, seine Kinder auf Klosterschulen, am besten auf ein Internat. St. Martin's ist ein solches Internat. Mitten in Dublin gelegen, scheint es doch eine Welt für sich zu sein, umgeben von hohen Mauern und verbunden mit unzähligen Regeln und Vorschriften. Einmal im Jahr gibt es die Besinnungswoche, während der die Schülerinnen schweigen müssen. Eine Ausnahme davon bildet die Beichte und hier beginnt eine Kette merkwürdiger Ereignisse, als die scheue Mary Olivier ohnmächtig aus dem Beichtstuhl kippt.
"Schule des Schweigens" erzählt die Ereignisse jener Woche, unterbrochen von Berichten über die Kindheit von fünf Schülerinnen, und wie es dazu kam, dass sie sich auf gerade dieser Schule trafen. Dieser Erzählstil ist zunächst gewöhnungsbedürftig, dann aber fesselnd, denn man weiß nie, über welche der Schülerinnen man als nächstes genaueres erfährt. Das irische Schulsystem und besonders die konfessionellen Schulen kommen bei Mary Stanley nicht besonders gut weg. Gehorsam und Disziplin ist das wichtigste, einfühlsame Lehrerinnen gibt es nur wenige. Man fragt sich, ob die Autorin selbst eine solche Schulzeit durchgemacht hat. Am Ende des Buches gibt es einen Sprung in die aktuelle Zeit, in der die Schulzeit zwar lange zurückliegt, aber keinesfalls vergessen ist. Die Hauptpersonen des Buches treffen sich wieder und erst jetzt erfährt man, was damals in St. Martin's wirklich passierte.
"Schule des Schweigens" (org. "Retreat") überzeugt durch eine einfühlsame Schilderung des Lebens in der Schule und der unterschiedlichen Auswirkungen des rigorosen Führungsstils auf die fünf Mädchen. Da ist zum Beispiel Mary Olivier, die schüchterne, die eigentlich Nonne werden will, Kitty O'Dowd, die gegen alles aufbegehrt und Anna McBride, mit Abstand die jüngste, die in einer Fantasiewelt lebt. Alles faszinierende Charaktere, deren Entwicklung zu verfolgen, manchmal schockiert, aber größtenteils hoch interessant ist.
Empfohlen für Freunde des psychologischen Romans.