Viele der angeführten Probleme sind zutreffend, und es war höchste Zeit, dass sie mal jemand ausspricht und auf den Punkt bringt. Es wäre sehr wichtig und wünschenswert, dass sich an der Situation der Familien und insbesondere der Mütter etwas zu deren Gunsten ändert. Dafür ist dieses Buch zu loben.
Nur wie soll das gehen? Letztendlich muss jede/r für sich entscheiden, wie er mit dem Spagat der Bewältigung eines Berufes bei gleichzeitiger Elternschaft umgeht. Eine Fraktion, zu der gehört Frau Radisch, entscheidet sich für sehr umfangreiche Fremdbetreuung ihrer Kinder und anspruchsvolle Ganztagsberufstätigkeit. Das kann man so machen. Die andere Seite zieht Selbstbetreuung vor und nimmt dafür berufliche und leider auch langfristige (nämlich die spätere Rente betreffend) finanzielle Nachteile in Kauf. Ich würde es sehr begrüßen, wenn die Politik in der Lage wäre, den nicht oder reduziert arbeitenden Elternteil rententechnisch so zu stellen, dass der Staat 10 oder 15 Jahre lang für den vollen Beitrag zur Rentenversicherung aufkäme. Das wäre ein wichtiger Schritt hin zur Anerkennung der Gleichwertigkeit von Erziehungs- und Familienarbeit mit Erwerbsarbeit. Es würde immer noch nicht die laufenden finanziellen Einbußen ausgleichen, muss es auch nicht, Kinder zu haben ist ein unbezahlbarer Wert an sich. Viele Diskussionen um Elterngeld und Ganztagsunterbringung könnten dann aber anders geführt werden.
Leider bezieht sich das Buch, und da befindet es sich in Einklang mit anderen Titeln seiner Art, sehr einseitig auf akademisch gebildete Frauen. Vielen Betroffenen stellt sich die Betreuungsfrage über den Kindergarten hinaus gar nicht, weil sie sich nicht in Einkommensgruppen bewegen, die es ihnen erlauben, dafür noch zusätzliches Geld auszugeben. Da rechnet sich nämlich die volle Erwerbstätigkeit gar nicht mehr! Ich weiß nicht, warum Publikationen dieser Art immer davon ausgehen, dass alle Arbeitnehmer Großverdiener sind. Frau Radisch schreibt, dass der Lebensunterhalt heute mit nur einem Einkommen nicht mehr zu bewältigen sei. Da wundert es mich, dass es immer noch Familien gibt, denen eben dieses gelingt, ohne dass sie sich in einer gehobenen Einkommensklasse befinden.
Geärgert habe ich mich über die Art und Weise, wie Frau Radisch über gescheiterte Beziehungen mit Kindern urteilt. Natürlich wäre es besser, wenn nicht so viele Ehen geschieden werden müssten und Kinder in ihrer Ursprungsfamilie mit Mutter und Vater verbleiben könnten. Dies wird wohl niemand ernsthaft in Frage stellen. Kein Paar mit Kindern, das sich seiner Verantwortung bewusst ist, wird sich leichtfertig und unüberlegt trennen. Dass es aber für Kinder weniger belastend sein soll, in einer Familie zu leben, in welcher die Eltern als Paar gescheitert sind, anstatt in einer irgendwie anders gearteten Familienform, unterstreiche ich nicht! Kinder haben sehr feine Antennen und merken durchaus, wenn die Eltern nicht im Einklang miteinander sind.
Darüber hinaus weist das Buch an einigen Stellen unzulässige Verallgemeinerungen und historische Unkorrektheiten auf (z. B. jeden Abend Wannenbad, jeden Morgen Dusche in den 60er Jahren?), die ich zu bezweifeln wage.
Frau Radischs Forderung nach einem Umdenken in der Wirtschaft unterstütze ich vollauf. Allerdings bezweifle ich, dass wir auf breiter Linie darauf hoffen dürfen. Solange das so ist, muss weiter jeder für sich entscheiden, wie er es in der Kinderbetreuungsfrage hält.