Dieses Buch von Roman Grafe räumt in vorbildlicher Weise mit einer sich allmählich verselbständigenden, unseligen DDR-Romantik rigoros auf und zeigt die DDR schonungslos als das, was sie war: ein Unrechtsstaat mit einer willkürlichen, skrupellosen, machtbesessenen und zynisch Menschen verachtend paranoiden Verbrecherclique an ihrer Spitze. Ein Gruselkabinett, das sich nur durch eine Unzahl mehr oder weniger willfähriger Helferlein und Opportunisten an der Macht halten konnte. Bedrückend und gleichermaßen brillant beschrieben ist das alltägliche Repertoire schikanöser, teils schwerster Menschenrechtsverletzungen durch allseits präsente Terrororgane dieses Staates, welches sich zudem in der permanenten Verletzung der eigenen Gesetze formierte. Denn schließlich hatte auch die DDR die UNO-Charta für Menschenrechte ratifiziert.
Das Buch zeigt aber auch in erschreckender Weise die Wurstigkeit einer juristischen Bewältigung schwerster Verbrechen, ausgeführt durch DDR-Schergen, seitens bundesdeutscher Justizorgane - welche den berechtigten Anspruch von Opfern und ihren Angehörigen auf Gerechtigkeit mit Füßen tritt. So werden Fälle beispiellosen Zynismus beschrieben, in denen sich bundesdeutsche Justiz in Urteilsbegründungen auf ehemaliges DDR-Recht beruft und Verbrechen wie den Mord an Chris Geoffroy und anderen Grenztoten ungesühnt lässt.
So schließt sich in diesem Buch der Kreis zweimal nicht richtig bewältigter Vergangenheit von Epochen jüngerer schmutziger deutscher Geschichte - wurden doch - außer einigen wenigen, die Massen ruhig stellenden Schauprozessen - jeweils große Teile von Haupttätern völlig gesellschaftlich rehabilitiert, ohne auch nur ein einziges Sühnezeichen setzen zu müssen. Ganz im Gegenteil: feste Instrumentalismen vergangenen Unrechts dürfen sich erneut rekonstituieren, hoffähig machen und ihren auserkorenen Opfern - den sozial Schwachen und dialektisch dargestellt zu kurz Gekommenen - neue Paradiese vorgaukeln. Siehe die Linkspartei mit ihrem nicht unbeträchtlichen Anteil an Altkadern.
Dieses Buch trägt viel Klares bei zu einem besseren Geschichtsverständnis und zum Verstehen, wo die eigentlichen Wurzeln für die Ursachenkomplexe noch existenter Misere und eines Hintenan in den Neuen Bundesländern zu suchen sind: nicht in dem bösen, übergestülpten System Bundesrepublik - sondern in den noch immer durch und durch vergifteten Schaltstellen durch Angehörige des ehemaligen Regimes, die nach wie vor an entscheidenden Knotenpunkten in Amt und Würden sitzen - und unter Duldung durch bundesrepublikanisches Recht Generalamnestie genießen. Diese Duldung ist der eigentliche Schuldpart der Bundesrepublik. Das Stück Feigheit und Mutlosigkeit für etwas wirklich Neues - so wie es nach dem Ende der sowjetischen Zwangsannektion in vorbildlicher Weise zB das Estland in seinen neuen Verwaltungs- und staatstragenden Funktionen erschuf.
Nicht unbeachtet bleibt im Buch durch ihn auch eine Schmonzette wie der Film "Das Leben der Anderen" mit der Legendenbildung vom guten Stasi-Mann. Gute Nacht, Deutschland - und träume süß von solchen, Geschichte klitternden Raritätenkabinetten!
Weshalb das Buch von mir keine vollen fünf Sterne erhält, liegt darin begründet, dass Roman Grafe sich in seiner Abschlußbetrachtung aktueller "braver Anpassung" der Massen völlig ungeeigneter Vergleiche bedient - und seinerseits in einem Plädoyer ideologisch formatierte Unfreiheiten einfordert. Ein Opfer macht sich schreibend zum Täter.
So wird von ihm zB die Duldung der Massen gegenüber einer unlimitierten Höchstgeschwindigkeit auf deutschen Autobahnen gegeißelt - ebenso wie der nicht eingebremste ICE-Verkehr nach den Unfällen von Eschede und Fulda. Beides Beispiele, die völlig daneben sind - zumal mit irrationaler Ausmalung einer unversehrten, heilen und opferfreien Welt - wenn seine propagierte Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h existent würden.
Es ist seit Ikarus das Freiheitsstreben des Menschen, Zeit und Raum zu beherrschen. Wie widernatürlich generelle Eingriffe in solch archetypisches Verlangen ist, zeigte doch gerade für ihn in Perversion die fast unüberwindliche Unrechts- und Blutgrenze durch unser Land über Jahrzehnte!
Trotz diesem Wermutstropfen, der nicht mehr sein musste: Sehr lesenswertes Buch, weil es die Brille des Einlullens durch Geschichtsmärchen rigoros von der Nase zieht..