In den 70gern wurde der Militärputsch in Chile inszeniert, in den 80gern demonstrierten in Danzig die Werftarbeiter und als die USA zum zweiten mal in den Irak einmarschierte schrieben wir schon das 21. Jahrhundert. Geschichte, aus Europa betrachtet, oder verschiedene Vorspiele für immer die gleichen Nachspiele wirtschaftlicher Art.
In allen Fällen wurde eine politische Situation, teilweise sogar künstlich, herbeigeführt, zur Destabilisierung eines Staatsgebildes benutzt, und hinterher eben dieser Staat zum Ausverkauf freigegeben.
Wer weiß schon, daß in den früheren 50gern z.B. Argentinien eine breitere Mittelschicht als die USA aufweisen konnte, daß in einem Nachbarland die Analphetenquote auf ca. 4% gedrückt worden war. Heute ist davon keine Spur mehr zu finden. Ein Putsch, Sondergesetzgebungen, Knebelungen der Gewerkschaften, der Presse, der Menschenrechte im Allgemeinen, "starke Männer", die sich anbieten, die "Ordnung" wiederherzustellen, sind die logische Folge. Welche Ordnung und wessen Ordnung? Die Industrien, die vorher mit Steuergeldern aufgebaut worden sind, werden anschließend ausländischen Gesellschaften zu Schleuderpreisen zur Privatisierung angeboten, damit "die Wirtschaft wieder läuft". Man kann das alles natürlich auch als gigantisches Enteignungsprogramm ärmerer Staaten sehen. Kredite für den Wiederaufbau können solche Länder beim IWF beantragen, und dort sind die Forderungen dafür auch ziemlich identisch: Abbau der Schulden durch Zusammenstreichen von Sozialprogrammen, Öffnung des Binnenmarktes für ausländische Gesellschaften und Privatisierungen. Ganz zu schweigen davon, daß die Auslandsschulden in Devisen und nicht in der Landeswährung zurückgezahlt werden müssen.
Naomi Klein untersucht die immer wiederkehrenden Abläufe dieser Umverteilungsmaschinerie von unten in die Taschen einiger Weniger und die Änderungen, die sich im Laufe mehrerer Jahrzehnte ergeben haben. "Genügte" in Chile noch ein Militärputsch mit Tausenden von Ermordeten, wurde im Irak bereits ein örtlich begrenzter Krieg zur Erreichung der Ziele geführt. Und sie untersucht das dahinterstehende Gedankengebäude, ein völlig entfesselter Kapitalismus, der nicht nur seine Opfer in den betroffenen Ländern und Staaten findet, sondern auch in den Ländern, die so kurzsichtig sind, dies mitzumachen und meinen, vordergründig davon profitieren zu können. Denn auch dort wird für dieses asoziale und amoralische Verhalten ein hoher Preis gezahlt: ein Staat, der sich aus seinen Verpflichtungen seinen Bürgern gegenüber hinausstiehlt, und meint, Fremdfirmen könnten z.B. das outgesourcte Gesundheitssystem oder Sicherheitssystem oder was auch immer, besser oder effizienter bearbeiten, wird spätestens an den auftretenden Folgekosten ersticken. Ein US-amerikanischer Großkonzern, der sowohl an den Militäraufträgen, also der Zerstörung, als auch an den Wiederaufbauprogrammen, also nach der Zerstörung, im Irak profitiert, hat als Dank für die Steuermilliarden seinen Firmensitz ins Ausland verlegt... Verdient wird also sowohl mit dem Krieg, als auch mit dem "Wiederaufbau", vorausgesetzt, man hat das nötige Kleingeld und kann sich Aktien dieses Konzerns leisten.
Diese Abläufe lassen für die Zukunft Böses ahnen. - Naomi Klein hat gründlich recherchiert, die Veränderungen in den Abläufen dargestellt und zeigt auch die Folgen und Bedrohungen, die ein wildgewordener Kapitalismus für einen Staat bedeuten kann. - Ein hochspannendes Buch, jedem zu empfehlen, der mehr über die Hintergründe und die Verflochtenheiten von Wirtschaft und Politik wissen möchte. Und ein Buch, das stellenweise sehr deprimierend ist, weil man sich unwillkürlich fragt, ob es einen Ausweg aus dieser historischen Sackgasse geben wird.