DER SCHATTEN DES SCHWARMS
Leser des Romans "Die Schmelze", die zuvor Schätzings "Der Schwarm" gelesen haben, laufen Gefahr, unterschwellig beständig zu vergleichen. Trotz so mancher Ähnlichkeiten zwischen beiden Romanen geht Isomäki aber doch einen ganz anderen Weg als Schätzing; weniger an science fiction orientiert (die faszinierende Schwarmintelligenz, die bei Schätzing für viele der ausserordentlichen Ereignisse verantwortlich zeichnet), sondern mehr basierend auf archäologischen, geologischen und sonstigen Fakten, die kennzeichnend sind für die tatsächliche Situation der Erde zu Beginn des 3.Jahrtausends.
FAKTEN AUS EINER ANDEREN WELT
Der Leser trifft auf ein Panorama von kulturgeschichtlichen Aspekten vieler Jahrtausender mit Schwerpunkt Indien und China, wird an interessante archäologische und geologische Befunde herangeführt die Kultur und Naturereignisse miteinander auf neue Weise verweben, begegnet Texten von Plato neben dem Gilgamesch Epos, den Veden oder der Kalevala (und vielen anderen); hört von Eis, Gletschern, Veränderungen am Nordpol und Südpol und erfährt etwas über die beunruhigende Verwundbarkeit von Atomkraftwerken in Küstennähe. Dies alles eingewoben und vernetzt in ein Gesamtbild, das eine faszinierende Vision von Grossereignissen auf der Erde entstehen läßt, die fesselnd und beunruhigend zugleich sind.
LOGIK UND UNLOGIK DES GESCHEHENS
In der konkreten Abfolge der Ereignisse innerhalb der Kapitel gibt es bisweilen --in den Details-- manche Brüche oder Ungereimtheiten. Diese können die Faszination des Lesens (bei kritichen Lesern) unangenehm stören. Doch bleibt das Gesamtbild davon unberührt. Die 'grosse Story' wird dadurch nicht falsch. Dazu ist die Idee zu gut in den tatsächlichen Fakten und dem heute verfügbaren Wissen verankert.
LÖCHRIGE PSYCHOLOGIE
Die Schilderung der Personen ist bisweilen grenzwertig, 'skizzenhaft'. Die Charaktere der einzelnen Personen bleiben eigentümlich blass. Dem einen mag das reichen; andere werden einen Schuss Lebendigkeit und personale Konkretheit vermissen.
ZUM NACHDENKEN
Wer das Buch zu Ende liest wird --trotz mancher Kritik im Detail-- mit einer gewissen Nachdenklichkeit zurückgelassen werden. Die Nachwehen grosser Naturereignisse in der Geschichte der Menschen sind zu stark und die Wahrscheinlickeit ihrer Wiederholung zu groß, als dass man das Ganze einfach wieder vergessen könnte. Die Verwundbarkeit unserer Hochtechnologie ist schon jetzt extrem und der deutliche Hinweis auf die grossen Risiken von küstennahen Kernkraftanlagen markiert nur eines dieser Risiken, wenngleich möglicherweise eines der größten. Originell finde ich die 'Rettungsaktion' für die Rolle des Buches in der menschlichen Kultur, die sich duch den ganzen Roman fast unauffällig hindurchzieht. Mich hat dieses Detail berührt.