Thüringen, kurz nach dem Kriegsende. Die fünfzehnjährige Erika, Friseur-Auszubildende, weigert sich, einer völlig verlausten sowjetischen Offizierin die Haare zu waschen. Und sie malt einem Stalin-Bild mit Lippenstift eine Schleife an den Bart, weil sie findet, der Diktator sehe so traurig aus. Dafür wird sie zu zehn Jahren "Sibirien" verurteilt. Zwar entgeht sie der Verschleppung in die Hölle Sibiriens, aber sie verbringt acht Jahre unter unvorstellbaren Bedingungen in ostdeutschen Gefängnissen, unter anderem in einem ehemaligen KZ. Und sie ist nicht nur ebensolchem Hunger ausgesetzt wie die Häftlinge unter der vorhergehenden Diktatur, sondern auch unglaublichen Demütigungen und Übergriffen durch russisches und deutsches Wachpersonal. Die Hoffnung auf vorzeitige Entlassung wird viele Male enttäuscht, und damit wächst die Verbitterung. Misshandlungen führen zu körperlichen Schäden, zum Beispiel dem dauerhaften Verlust des Geruchs- und Geschmackssinnes.
Als Erika entlassen wird und zu ihrer Mutter nach Westdeutschland übersiedeln kann, ist der Schrecken nur scheinbar ausgestanden. Die jahrelange Haft hat neben den körperlichen Beeinträchtigungen ein schweres seelisches Trauma hervorgerufen. Erika schließt zwar mehrere Ehen und hat drei Kinder, doch sie tut sich lange im Umgang mit Männern schwer, denn ihre Peiniger waren fast ausschließlich männlich. Zudem wurden ihr nicht nur unbeschwerte Jugendjahre und die Erfahrungen der Pubertät gestohlen, sondern auch die Chance, eine qualifizierende Ausbildung abzuschließen. Die äußeren Umstände - kleine Kinder, Mangel an finanziellen Mitteln - lassen dies auch später nicht mehr recht zu. Und immer wieder bricht die Wut über das Unverständnis der sie umgebenden Menschen durch: Die Gesellschaft will nicht akzeptieren, dass in einem Teil Deutschlands auch nach dem Holocaust unmenschliche Gräuel an der Tagesordnung waren.
Erst als Erika Riemann ihre Geschichte aufschreibt, kann sie ihre Erlebnisse verarbeiten und sich besser mit ihnen abfinden. Und durch den Mut, selbst die intimsten Demütigungen mit der Öffentlichkeit zu teilen, setzt sie ein Denkmal gegen Diktatur, Folter und jegliche Art von Misshandlungen.
Ich konnte dieses Buch nicht aus der Hand legen, es ist fesselnd von der ersten bis zur letzten Seite. Die Sprache ist ganz schlicht und natürlich, der Stil ebenso, und das Buch ist praktisch fehlerfrei. Es wäre sicher auch eine interessante Lektüre für Schulklassen, zumal es so eindringlich veranschaulicht, wohin extremistische Ideologien führen - eben nicht nur von rechter, sondern auch von linker Seite.