Reinhard Wolters legt mit diesem Buch ein hervorragendes aktuelles Werk vor über den Angriff cheruskischer Truppen unter Arminius auf Varus, der in unser kulturelles Gedächtnis unter dem Begriff "Varusschlacht" Eingang gefunden hat. Dabei berücksichtigt der Autor erfreulicherweise neueste archäologische Forschungen.
Nicht eine reine nacherzählende Beschreibung des Überfalls auf Varus oder ein langatmiges Urteil über dessen Lokalisierung bietet Wolters, sondern zunächst eine Vorgeschichte zwischen Rom und den germanischen Stämmen, Kurzbiographien des Varus und des Arminius, sodann eine Darstellung der Berichte römischer Autoren über die "Varusschlacht" (germanische Quellen besitzen wir bekanntlich nicht) und eine Beurteilung dessen tatsächlicher historischer Bedeutung. Erst im letzten Viertel des Buches kommt die Frage der Lokalisierung und die moderne Rezeption zur Sprache. Das antike Ereignis wird damit geradezu aus den (bisweilen nationalistisch motivierten) Überformungen herausgeschält, bevor dann ebendiese Überformungen in ihrer Logik dargestellt werden.
Das Interessante besteht also nicht in einer Antwort auf die Frage nach dem Ort (diese wird auf S. 157-162 knapp zugunsten von Kalkriese beantwortet, allerdings nicht ohne mehrere Unstimmigkeiten des archäologischen Befundes zu nennen), sondern in zweierlei wichtigen Gesichtspunkten bei der Beurteilung des Ereignisses. Zum einen macht Wolters aufgrund neuerer Bodenfunde in Deutschland (römische Militärlager bis nach Thüringen hinein, mit Waldgirmes [S. 65ff.] sogar eine römische Stadtgründung in Germanien) deutlich, dass Germanien 9 n. Chr. als römische Provinz betrachtet wurde, also Varus mit seinen Legionen in seiner Meinung nach relativ sicherem Reichsgebiet marschiert ist, sich außerdem von Verbündeten umgeben dachte: Immerhin hatte Arminius eine Karriere im römischen Militär hinter sich.
Zum anderen kann gezeigt werden, dass die in der Moderne wie ein Topos stets hervorgehobene Bedeutung der Varuskatastrophe den Zeitgenossen erst aus der Rückschau klar geworden ist: Die rasche Aufstockung der Truppen nach dem Verlust der Varuslegionen und die ausgedehnten Feldzüge des Germanicus bis 17 n. Chr. ließen die Römer zunächst nicht an eine Aufgabe der rechtsrheinischen Gebiete denken, der grundsätzliche Anspruch auf Eroberung ganz Germaniens wurde sogar auch noch Jahrzehnte nach Germanicus aufrechterhalten. Den Kreis schließt Wolters im "Epilog", der noch einmal auf Tacitus als unseren wichtigsten römischen Gewährsmann zurückkommt: Fordert Tacitus 98 n. Chr. noch zur Rückeroberung Germaniens auf ("Germania"), während Arminius nicht beachtet wird, so ist dagegen in den "Annalen" 20 Jahre später von Arminius als "Befreier Germaniens" die Rede, als endgültig klar geworden ist, dass man in Rom die Ansprüche auf Germanien aufgegeben hat und sich erst daher der Überfall auf Varus als Wendepunkt in den Beziehungen zwischen Römern und Germanen darstellte.
Es gelingt Wolters mit seinem Buch ganz Erstaunliches: Der Leser empfindet nicht die gewöhnlich in den Medien hochgekochte Frage nach dem Ort der Varusschlacht als das Interessante, sondern die Frage nach der tatsächlichen Bedeutung für die antike Geschichte, wobei er deren Umdeutung in der Moderne begreift. Damit stellt dieses Werk den weit überwiegenden Teil der Literatur zum Thema, die 2009 sicherlich eine neue Hochphase erleben wird, in den Schatten.