Klingt erstmal nach einer ganz interessanten Idee - Karrieretipps am Beispiel Schiller. Unter diesem Aspekt - der Frage, ob das Buch ein hilfreicher oder anregender Ratgeber in Sachen "Karriere" ist, betrachte ich es auch in der folgenden Rezension, denn der Buchtitel verspricht ja, es würde dem Leser eine "Strategie" aufgezeigt usw.
Für meinen Geschmack ist die Umsetzung des Ganzen recht oberflächlich und die Tipps sind so allgemein, dass sie einem erstens schon vorher bekannt sind und zweitens in dieser Form nicht viel weiterhelfen.
Zwei Beispiele:
___Schiller war immer in allem so bewundernswert leidenschaftlich und motiviert, was zu seinem großen Erfolg geführt hat. Folgerung: Auch für uns heute ist es wichtig, leidenschaftlich und motiviert zu sein, um Erfolge zu erreichen.
Schiller hat sich ungeachtet der Gefahren für seine Person sein eignes Denken nicht von Obrigkeiten verbieten lassen. Folgerung: Auch wir sollten heute unabhängig und kreativ denken.___
Eine zeitlose Idee - finden die Autoren. Ja, deshalb eher mäßig originell - finde ich. Dass Kreativität, Individualität und Co heute DIE Schlagwörter sind, ist bekannt... Der bloße Hinweis auf selbige wenig hilfreich für Leute, die sich ernsthaft mit ihrer beruflichen Entwicklung und allen schwierigen Fragen, die damit zusammenhängen, auseinandersetzen wollen und - übrigens - vielleicht nicht problemlos das Ideal des flexiblen, kreativen Menschen passen, das den aktuellen Karrierediskurs bestimmt (man muss auch sehen, dass das eine gewisse Ideologie unserer Zeit ist)...
Es bewegt sich alles auf einem oberflächlichen Level: Sei motiviert und willensstark, sei selbstbewusst, bilde Teams und Netzwerke, schaffe dir einen Ausgleich zum Job und ein nettes Umfeld, sei leidenschaftlich. Niemand wird bestreiten, dass diese Aspekte wichtig sind (das ist allgemein bekannt?!). Die bloße Aufforderung dazu dürfte aber wohl für die wenigsten Leser viel Erleuchtung bringen. Den meisten Raum nimmt auch die Schiller-Bewunderung ein...
Geschrieben ist das Buch in recht einfacher, konventioneller Sprache (was ja OK ist), mit einigen Wiederholungen aber und manchmal in den Schiller-Passagen schwer erträglich SCHWÜLSTIG bzw. mit vielen Ausrufen (soll wohl als "erlebte Rede" Schillers Gedanken wiedergeben... by the way: alles natürlich reichlich fiktiv), z. B.:
___"Welche Gnade des Schicksals, welches Glück, dass diese unvergleichliche Freundschaft so geboren wurde [...] welche Freude! Wahre Götterfunken hatten ihrer aller Herz entzündet ... Schiller kann sein Glück immer noch kaum fassen. [...] Konnte es eine größere, eine schönere Freude geben?"___
Ufff. Ja, schön für den alten Schiller, dass der so viel Glück hatte (- besser schreiben konnte er)... Und man muss laut dem Ratgeber die Leute ja mitreißen können - genau das versuchen die Autoren mit solchen schriftlichen ekstatischen Begeisterungsstürmen. In meinem Fall gelang es ihnen nicht.
Ein auf der Hand liegender Fakt wird von den Autoren hartnäckig ignoriert: nämlich dass man Schiller wohl ein GENIE nennen kann. Und da soll man sich dann mal eben ein Beispiel dran nehmen. Sind die Ursachen für Schillers Erfolg nicht eher in dessen künstlerischer Begabung, außerordentlicher Persönlichkeit, Charisma etc. zu suchen? Als ließen sich diese Dinge von Schiller mal eben auf uns übertragen (wenn man es dann im Kleinen versucht, wird es lächerlich - der leidenschaftliche und kreative (stürmerisch-drängerische) Büroangestellte???). Auch die (immensen) Unterschiede in der Zeit/Gesellschaft werden heruntergespielt, man hat aber oft das Gefühl eines ziemlich hinkenden Vergleiches...
Zum Thema Beruf/Karriere habe ich z. B. auch schon mal das Buch "Wishcraft" gelesen - in diesem geht es wirklich um die Karriere, es ist psychologisch geschult geschrieben, man bekommt wirklich ein paar Anregungen und wird motiviert, den eigenen Weg zu gehen. "Wishcraft" hatte für mich eine gewisse Tiefgründigkeit und Berücksichtigung der Individualität des jeweiligen Leser und es ging um die eigentlichen Fragen, was beim Schiller-Karriere-Buch in meinen Augen nicht der Fall war. Vielleicht muss man Schiller-Fan und darf keine Zynikerin sein. Als solche muss ich den Autoren aber doch sagen: So einfach, wie Sie es darstellen, ist es wohl nicht mit der Karriere und auch nicht mit den Karrieretipps. Mal sehn, ob trotz all meines Ungenügens, welches Ihr Ratgeber mir vor Augen geführt, aber in keiner Weise beseitigt hat, noch was aus mir wird ;-) (wie war das - Schiller: "23 und noch immer nichts für die Unsterblichkeit getan"... wie deprimierend...)