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Die Schildkröten
 
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Die Schildkröten [Gebundene Ausgabe]

Veza Canetti

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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Nationalsozialismus für Anfänger

Veza Canettis nachgelassener Roman «Die Schildkröten»

Von Andreas Breitenstein

Nun hat sie der Zeitgeist vollends eingeholt. 102 Jahre nach ihrer Geburt, 36 Jahre nach ihrem Tod, 9 Jahre nach ihrer Wiederentdeckung können die meisten Rezensenten die Tinte nicht halten vor Sensationslust. Klaus Theweleit macht's möglich – jetzt hat auch Elias Canetti seine Leiche im Keller. In der Figur seiner ersten Gemahlin erfüllt sich nicht nur die rastlose Suche nach all den verkannten Genies unter den schreibenden Frauen, sie entspricht auch haargenau dem Klischee jener weiblichen Schattenwesen, die ihre eigene künstlerische Begabung dem Ruhm ihres Mannes zum Opfer brachten.

Veza Canetti habe sich 1963 in London das Leben genommen, heisst es nun plötzlich, ohne dass man Genaueres erführe. Hat sie sich nicht Veza Magd, Veronika Knecht, Martha (beziehungsweise Martina) Murner genannt, als sie in den dreissiger Jahren in der «Wiener Arbeiter-Zeitung» unter Pseudonym mit beachtlicher Resonanz sozialkritische Erzählungen über das Wien der armen Leute publizierte? Schrieb sie nicht mit Vorliebe von Erniedrigten und Beleidigten, von Frauen, die im Dienst an anderen oder in der Ehe scheitern? Hat nicht Elias Canetti die ihn orientalisch anmutende Schöne, die er 1924 in einer Vorlesung von Karl Kraus kennengelernt hatte, in seiner Autobiographie zunehmend marginalisiert und ihre Schriftstellerei gänzlich unterschlagen? Passt nicht dazu, dass er sich wenig mühte, ihr Werk postum bekannt zu machen, ja dass er 1993, kurz vor seinem Tod, die gesamte Korrespondenz mit Veza mitsamt seinen Aufzeichnungen aus dem Londoner Exil dem Feuer übergab? Und schrieb er nicht gar herablassend: «Um die Geste des grossen Vorhabens, die ich brauchte, nicht zu gefährden, behandelte sie ihr Eigenes, als wäre es nichts.»

JA, ABER

Indizien, gewiss – im Jahr 2024, wenn sich der Zürcher Nachlass öffnet, wird man wohl mehr wissen. Doch hätte Elias Canetti das nun edierte Manuskript des 1939 verfassten und in seinem Nachlass aufgefundenen Romans «Die Schildkröten» ja auch mit vernichten können. Doch war Veza eine erfolgreiche Schriftstellerin, als er noch für die Schublade schrieb. Doch starb sie, als er noch weit davon entfernt war, berühmt, geschweige denn Nobelpreisträger zu sein. Und nicht zuletzt der vorliegende Text selbst: Wäre dieser jemals so prominent publiziert worden, wenn ihm das Etikett «Canetti» abginge? Hätte er nicht vielmehr ein Dornröschendasein in einer germanistischen Reihe «Exilliteratur» gefristet? In bezug auf die Rezeption erscheint es denn auch symptomatisch, dass im Zeichen des anekdotischen Mehrwerts und der geschlechterpolitischen Korrektheit die Frage nach der Qualität des Romans vor lauter Wohlwollen kaum wirklich gestellt wird.

Wer an Veza Canettis bisher bekannt gewordener Prosa («Die gelbe Strasse», 1990; «Geduld bringt Rosen», 1992) und dem Theaterstück («Der Oger», 1991) die lakonische Prägnanz und die ironisch genaue Beobachtung schätzte, wird von der zähen Lektüre ernüchtert sein. «Die Schildkröten» – der Kriegsausbruch verhinderte, dass der von einem englischen Verlag bereits angenommene Roman veröffentlicht wurde – sind ein schwerfällig pädagogisches, symbolisch wie allegorisch überanstrengtes und mit meist dünner, mitunter kryptischer Bühnenkonversation überladenes Buch, das sich in Düsternis und Pathos ergeht. Antifaschismus ist sein Programm, gegen das man nichts haben kann, das aber auch keinen literarischen Rang verbürgt. So blockiert sich der unter dem Eindruck der Verfolgung und Flucht innert Wochen niedergeschriebene Text am Ende durch einen Kunstanspruch, der wie ein Abwehrreflex wirkt.

Der autobiographische Kern des Romans ist leicht zu erkennen, gleicht die Villa des jüdischen Grossschriftstellers Andreas Kain und seiner Frau Eva doch dem Haus in Grinzing, das die Canettis ab 1935 bewohnten. Wien in den Zeiten des nationalsozialistischen Dammbruchs bildet den Hintergrund der Handlung, bleibt jedoch ebenso ungenannt wie Hitler, was der Polemik gegen die «Bewegung» etwas Diffus-Unverbindliches verleiht. Hoch über der Stadt und tief in der Traumzeit eines Gartens liegt Kains Dichter-und-Denker-Klause, allein, das Gift von Machtwahn und Rassenhass dringt ein in Form des SA-Mannes Baldur Pilz, der die Wohnung des auf das Ausreisevisum für England wartenden Ehepaares usurpiert. Besänftigungsversuche fruchten nichts. Ausquartiert und gedemütigt, werden beide dem Unheil nur haarscharf entkommen. Durch ein Versehen wird in der Nacht, in der die Synagogen brennen, nicht Andreas Kain, sondern sein Bruder Werner verhaftet, ein stur und stolz an der Scholle hängender Geologe. Am Steineschleppen wird er im Konzentrationslager zugrunde gehen.

Von Sinnstiftung solcher und anderer Art wimmelt es im Text, allem voran ist es das Symbol der Schildkröte, das alle paar Seiten eine neue Auslegung erfährt. Einen ganzen Korb junger Schildkröten hat Kain davor bewahrt, ein Hakenkreuz eingebrannt zu bekommen – darüber hinaus scheint er weit über den Dingen zu stehen. In seinem (keineswegs ironisch geschilderten) hehren Dichtertum ist er eine einzige Leerstelle, wobei ihm die zwischen Hausfraulichkeit und Hysterie schwankende Eva an Blässe nicht nachsteht (sie erkennt sich in der Wehrlosigkeit der Schildkröten, die natürlich auch Werner charakterisieren). Baldur Pilz ist nichts als eine Knallcharge: Parteimitglied der ersten Stunde (ein «grosses Tier» mit «kleiner Nummer»), darf er Spatz und Hund und Kuh umbringen, um Schulkindern das Einmaleins des Herrenmenschentums zu erklären, in seiner neuen Wohnung stapelt er Munition, daneben hat er wie jeder rechte Schurke «hohle Wangen» und eine «unreine Haut». Der blonden Hilde aus der Nachbarschaft schliesslich obliegt es zu belegen, dass es mit der Rassenreinheit nicht ganz so einfach ist – sie entpuppt sich als Jüdin.

PLATTER IDEALISMUS

So bedeutungsschwanger der Roman daherkommt, so harmlos ist er. Zur Analyse des Nationalsozialismus trägt er wenig bei, die Figuren sind die Thesen ihrer selbst und deklamieren ihren Text in einer altväterischen Sprache, der angesichts des Horrors tragikomisch wirkt. Mit dem platten Idealismus, der die Figuren, aber auch den aufgeregt-parteilichen auktorialen Erzähler durchdringt, lässt sich die Dämonie des Nationalsozialismus schlichtweg nicht fassen. Immerhin überzeugt in einer der nach Decamerone-Art eingeflochtenen Binnenerzählungen der harte Realismus bei der Schilderung der Pogrome und auch die Klarsicht, mit der diesen eine apokalyptische Dimension vorausgesagt wird. Aus dem Verhältnis zwischen Kain und Eva mag man über die biblische Namenssymbolik hinaus autobiographische Schlüsse ziehen, im übrigen steht Psychologie an einem kleinen Ort.

Veza Canettis schriftstellerisches Talent – es blitzt auf in Kühnheiten wie «Im Weitergehen vergass sie ihr Gesicht in der Luft» (doch sollen auch die vielen Stilblüten nicht verschwiegen sein). Man nimmt sie als Autorin nur vordergründig ernst, wenn man sie einem Opfermythos anheimfallen lässt. «Die Schildkröten» sind ein elegisches Zeitdokument; wer sie aber zum Meisterwerk hinaufstilisiert, betreibt nicht Literaturkritik, sondern Thesenjournalismus.

Pressestimmen

"Ihr Talent ist offensichtlich und nicht gefangen in der paranoischen Welt, die Canetti in der "Blendung" aufreißt und aus der er selber nur mühsam entkam. ... So grauenhaft es ist, was Veza Canetti, sechzig Jahre danach, von einer Volksergreifung berichtet, es liegt eine seltsame Heiterkeit über diesem Buch." Willi Winkler, Süddeutsche Zeitung, 17./18.4.1999 "Elias Canetti hat von der "seitlichen" Methode seiner Frau gesprochen, "die das Wichtige in scheinbarer Eile streift, ohne es ganz auszusprechen." Weltanschauliche Bekenntnisse liegen ihr fern. Um so virtuoser beherrscht sie den szenisch-visuellen Draufblick, der alles in Handlung, in Dialog auflöst. Die liebevolle Genauigkeit und unpsychologische Naivität, mit der Veza Canetti die Menschen und was in ihnen brütet erfasst, erinnert aber auch an Kinderzeichnungen." Uwe Schweikert, Frankfurter Rundschau, 5.6.1999

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