'Einzugestehen, dass man etwas nicht weiß, ist Wissen.'
Konfuzius
Ärzte sind keine unfehlbaren Götter in Weiß. Ein beeindruckendes Buch darüber hat der amerikanische Chirurg Atul Gawande geschrieben. Eingeteilt ist dieses Buch in drei Bereiche:
- Fehlbarkeit
- Mysterien der Medizin
- Ungewissheit
Im ersten Teil geht es vor allem um die medizinische Ausbildung, ausgehend von den Erfahrungen des Autors. Wie erwirbt man die notwendigen Fähigkeiten? Geschick und Selbstvertrauen kommen mit der Erfahrung. Nicht alles funktioniert auf Anhieb. Dies musste auch der Autor erleben. Üben, üben, üben ... ist angesagt. Und so verwundert es auch nicht, dass der Wille dran zu bleiben und Beharrlichkeit eine wichtige Rolle spielen. Und wenn Fehler passieren, wie kann man sie vermeiden? Wie kann man die Fehlerquote reduzieren? Ist Spezialisierung sinnvoll? Wie oft führt uns die Intuition in die Irre? Andererseits gibt es weiter hinten im Buch auch ein Beispiel, wo die Intuition ihm, dem Autor, geholfen hat einer Patientin mit einer sehr seltenen Krankheit zu helfen. Atul Gawande wägt den Einsatz von Computerprogrammen ab, und zeigt, dass sich Sorgfalt und Wachsamkeit in den winzigsten Details lohnen. Daneben spricht er auch die Fehlerkultur seines Berufsstandes an. Die Schwierigkeiten, dem Patienten gegenüber einen Fehler einzugestehen, und wie man dies aus juristischen Gründen formuliert: "Es tut mir leid, dass die Sache nicht so gut gelaufen ist, wie wir es uns erhofft haben." (81) Denn ein Geständnis wäre vor Gericht ein schlagkräftiger Beweis. Und wer setzt sich dem schon unnötig aus? Überhaupt beurteilt Gawande Gerichtsverfahren als "bemerkenswert wirkungsloses Mittel". Fehler passieren. Jedem. Irgendwann. In den USA gibt es deswegen die sogenannten Morbidity and Mortality Konferenzen, kurz M&M genannt. In der Regel in Lehrkrankenhäusern im wöchentlichen Turnus abgehalten, bieten sie den Ärzten die Möglichkeit miteinander frank und frei über ihre Fehler zu sprechen, und Lösungen zu finden, wie man etwas hätte vermeiden können, wie es besser gemacht werden kann.
Natürlich führt Gawande viele reale Beispiele an. Und er berichtet von seinen eigenen Fehlentscheidungen. Dies ist überhaupt das Bemerkenswerte an diesem Buch. Atul Gawande geht sehr offen mit seinen eigenen Entscheidungen und Erfahrungen um. Einerseits seinen beruflichen Erfahrungen, andererseits seinem privaten Leben als Familienvater. Wenn er von seinem Zögern spricht, eines seiner Kinder einem relativ unerfahrenen, jungen Arzt zu überlassen, weil er aufgrund seiner eigenen Erfahrungen von den Unzulänglichkeiten des Systems weiß, so versteht man ihn. Ein Dilemma. Natürlich müssen junge Ärzte Erfahrungen sammeln. Er selbst musste dies einst ja auch. Aber bitte nicht am eigenen Sohn...
Ein weiterer Aspekt in diesem ersten Teil sind Ärzte, bei denen sich Fehler häufen. Wie kommt es dazu? Wie kann man helfen? Gawande zeigt hier die Schwierigkeiten innerhalb des Berufsstandes diese Dinge anzusprechen, und rigoros dagegen vorzugehen.
Im zweiten Teil - den Mysterien der Medizin - werden Dingen angesprochen wie Freitag, der 13, Schmerzen, deren Ursache sich nicht ermitteln lässt, aufsteigende Röte, die sich nicht unterdrücken lässt, oder ein Mann, der nicht mehr aufhören konnte zu essen.
Ein interessanter Aspekt im dritten Teil sind Autopsien. Wie oft verzichtet man darauf, weil man meint, die Antworten bereits zu kennen. Weil man zuviel Selbstvertrauen in seine eigenen Fähigkeiten hat. Wie falsch man damit liegen kann, zeigt der Autor wieder an einem eigenen Erlebnis. Einem Fall, wo er von einer Lungenembolie als Todesursache ausgegangen war, und später feststellen musste, dass ein geplatztes Aortenaneurysma der Übeltäter war. Zu dumm nur, dass er zuvor einen Kollegen beschuldigt hatte. Irrtümlich beschuldigt hatte. Etwas genau untersuchen. Sich selbst in Frage stellen. Mit eigenen Augen sehen. Nichts anderes bedeutet Autopsie.
Des Weiteren geht es in diesem dritten Teil auch darum wie man Patienten bei der Entscheidungsfindung begleitet. Es geht um das Mitspracherecht der Patienten. Fälle werden geschildert, bei denen der Patient oder Angehörige versuchten, die Entscheidung abzuwälzen, um nicht mit einer Fehlentscheidung leben zu müssen. So wie einst der Autor bei seiner eigenen, zu früh geborenen Tochter zögerte, ob sie intubiert werden sollte oder nicht. Als 'Kindliche Regression' bezeichnen der Ethiker Jay Katz und andere dieses Verhalten. Dass es selbst einem Mediziner passiert, zeigt, dass es eine überaus menschliche Verhaltensweise ist.
Abgeschlossen wird das Buch mit ausführlichen Anmerkungen zu den einzelnen Kapiteln. Man findet dort Beiträge aus Fachzeitschriften oder Büchern, teilweise mit Kommentierung.
Der Schreibstil ist sehr gut lesbar. Aufgrund der vielen praktischen Beispiele lassen sich Fachausdrücke natürlich nicht vermeiden. Atul Gawande gelingt es jedoch, die medizinischen Sachverhalte auch für Laien verständlich zu erklären. Man wird deswegen nicht zum medizinischen Experten, sehr wohl entwickelt man indessen ein Verständnis für den medizinischen Berufsstand. Man sieht die Unwägbarkeiten und die Zwickmühlen. Und man erkennt die Beschränkungen, denen Menschen unterworfen sind.
Empfehlenswert nicht nur für Angehörige des medizinischen Berufsstandes oder medizinisch Interessierte. Die Ausführungen über Fehlerkultur, Entscheidungsfindung und die sonstigen beschriebenen Verhaltensformen sind auch auf andere Bereiche übertragbar.