Annette Kolb passt in keine Schublade. Das vorliegende Buch wurde als "München"- Roman, als Familiengeschichte, als Zeugnis der Zeit vor dem ersten Weltkrieg bezeichnet. Jedes dieser Urteile ist richtig und dennoch unvollständig, denn die Erzählung von der bayerischen, katholisch geprägten Familie Lautenschlager und der preußisch-protestantischen Familie Zwinger weist weitaus mehr Ansatzpunkte für Interpretation auf als die schlanke Handlung vermuten läßt. Da geht es um den Konflikt zwischen Bayern und Preussen, Differenzen zwischen Protestantismus und Katholizismus, gesellschaftliche Zwänge gegenüber dem Streben nach Individualität, nationaler Dünkel gegen die Europäische Idee. All diese Facetten ihrer Erzählung belebt Annette Kolb durch einen nüchternen und distanzierten Erzählton, der nie bewertend wird, dessen spielerische Knospen mitunter bei Naturbeschreibungen erwachen und den Leser zu fesseln vermögen. Dieses Buch kommt ohne Hauptperson aus, schert sich teils einen Kehrricht um Chronologie der Ereignisse, was die Autorin dem Leser jedoch in unerhört charmanter Weise nahebringt und findet auch kein eigentliches Ende. Die Handlungsstränge zerfließen.
Annette Kolb ist eine ebenso eigenwillige wie bemerkenswerte Autorin. Sie schreibt für ein anspruchsvolles Publikum, zweifellos, doch leicht macht sie es dem Leser nie, was érklärbar ist durch ihren perfekten aber schwer durchdringbaren Stil. Annette Kolb ist keine Schriftstellerin für ein Millionenpublikum, Aufmerksamkeit verdient diese überzeugte Europäerin jedoch dennoch weitaus mehr als ihr momentan zuteil wird. Ihre Erzählungen lohnen die Mühe des Lesens.