Agatha Christie, wie sie leibt und lebt: Ein Verbrechen, viele Verdächtige, noch mehr Verdachtsmomente, Intrigen, viele falsche Spuren, und die richtige Spur ist in alledem gut versteckt... Schließlich ist Agatha Christie immer ganz in ihrem Element, wenn sie das Leben auf dem Lande minutiös in all seinen Verschrobenheiten ausbreiten kann, oder wenn sie en passant ironische Lektionen erteilt über die schickliche Damengarderobe auf dem Lande; und bei der Charakterisierung skurriler alter Damen fährt sie zur Hochform auf; nicht nur die herzige Emily Barton hat der Leser nach ihrer ersten Szene wie gemalt vor Augen... Bei der "Schattenhand" kommen sogar Shakespeareaner auf ihre Kosten; immerhin liest man unerwartete Anmerkungen zu "König Lear" von unerwarteter Seite.
Anfangs der 40er Jahre lässt sich der kriegsverletzte Flieger Jerry Burton zusammen mit seiner resoluten und anscheinend auch nicht unattraktiven Schwester Joanna der Erholung und Genesung wegen in Lymstock nieder, einem verschlafenen Nest im weiteren Umkreis von London. Das Städtchen Lymstock scheint tatsächlich good old English wie aus dem Bilderbuch zu sein, beziehungsweise wie aus dem Miss-Marple-Krimi... Allerherzigste Provinz also, "so rührend und so drollig und altmodisch", kommentiert Joanna das Dorf und seine Honoratioren, und sie kann sich "beim besten Willen nicht vorstellen, dass hier irgendetwas Böses passiert". Miss-Marple-Fans wissen es besser, und die Geschwister Burton merken das auch bald: Irgendjemand in Lymstock verschickt nämlich bösartige anonyme Briefe schockierenden Inhaltes, bald darauf vergiftet sich die Gattin des höchst respektablen Anwalts, und dann wird das Dienstmädchen jener Familie ermordet. Was könnte das etwas begriffsstutzige Dienstmädchen beobachtet haben, und für wen hätte ihre Beobachtung schlimme Folgen gehabt? Die Gerüchteküche des Städtchens brodelt, Vermutungen, Verdächtigungen en masse. Schließlich hat das englische Dorfleben jede Menge Eigenbrötler und seltsame Käuze zu bieten, und wer weiß, was die zu verbergen haben. Aber bevor alles aus dem Ruder läuft und die Polizei wieder mal einem raffinierten Mörder auf den Leim geht, spricht die bärbeißige Pfarrersgattin ein Machtwort: "Deswegen werde ich auch einen Experten heranziehen. [...] Nicht jemanden, der sich mit anonymen Briefen oder meinetwegen auch Mord auskennt. Ich meine jemanden, der die M e n s c h e n kennt. Begreifen Sie nicht? Wir brauchen jemanden, der etwas von N i e d e r t r a c h t versteht!" Und dann kommt sie endlich, die liebe Miss Marple, die das Dorfleben alles über die menschliche Natur und ihre Abgründe gelehrt hat. Der Leser hat sie und ihr Strickzeug lange erwartet, obwohl er sich in den bisherigen 166 Seiten sehr gut unterhalten hat.
Dies ist der einzige Schwachpunkt dieses Krimis, denn eigentlich hätte auch eine andere Romanfigur die Fäden zusammenführen können, notfalls Jerry Burton, der Berichterstatter in der Ich-Form, selber. Miss Marple kommt diesmal einfach zu kurz.
Meine These, warum Dame Agatha die "Schattenhand" zu ihren stärksten Krimis zählte, lautet in etwa so: Hier hat sie die Handlung noch logischer als sonst konstruiert, und auch der Roman ist nicht so schlicht aufgebaut, wie es zunächst scheint: Echte und vermeintliche Handlungsstränge werden geschickt angekündigt, und parallele Motive tauchen auf, die man leicht übersieht...
Leser, die von Anfang an sorgfältig auf die Details achten, haben bald den Verbrecher am Kragen -- vorausgesetzt, ihnen entgeht der allererste Hinweis nicht. Den breitet Christie (wie so oft) pritschbreit aus, aber sogleich lenkt sie den Leser gekonnt wieder ab, wenn der nicht aufpasst wie ein Schießhund. Hat man sich jedoch festgebissen, dann erkennt man zumindest ein paar der vielen echten Hinweise, die die grande dame zwischen die vielen falschen Spuren streut. -- Egal, ob man's merkt oder nicht: In beiden Fällen macht das Lesen Spaß; nicht nur wegen der vielen feinen Beobachtungen aus dem guten alten England, sondern auch, weil man entweder drauf wartet, in welche Sackgasse die Polizei jetzt als nächstes tappen wird, oder weil man sich vergnügt von einer Sackgasse in die nächste locken lässt.