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Die Schattenboxerin: Roman
 
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Die Schattenboxerin: Roman [Taschenbuch]

Inka Parei
3.6 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (10 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Berlin im Rückfall zu Wüste und Steppe

Inka Pareis beklemmendes Romandébut «Die

Schattenboxerin»

Hell, «die Frau mit der Pfeife», haust illegal und inzwischen ganz allein im desolaten Hinterflügel eines abbruchreifen Berliner Mietshauses. Bevor die Nazis ihr wahres Gesicht als Massenmörder zeigten, hatte es einer wohlhabenden jüdischen Familie gehört. Nichts geschieht in diesem verschimmelten Gemäuer an der Lehniner Strasse, das – wie so vieles in der ehemaligen «Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik» – beim «Aufbau des Sozialismus» glattweg übersehen wurde. Die junge Hell hat dessen Potemkinsche Dörfer nicht mitbekommen. Erst seit 1989, dem magischen Jahr der längst entzauberten deutschen Wiedervereinigung, lebt sie im Ostteil jener Stadt, nach der nun gern eine neue Republik benannt wird. Vorher, so jedenfalls meint sie jetzt, sei ihr Leben «an der westlichen Achse» der damals noch geteilten Kapitale «völlig unwirklich gewesen», eine «riskante und sorglose Täuschung» eben.

Gewaltsam ist sie aus dieser ihr nun restlos entfremdeten, illusionären Wirklichkeit herausgerissen worden: Durch eine Vergewaltigung auf der Flucht vor der Polizei bei den kampfartigen Kreuzberger Maidemonstrationen. Inka Parei, Jahrgang 1967, lässt nicht zu, dass ihre Ich-Erzählung sich in Erklärungen dieser Extremsituation verliert. Hell, die den ungenannten und darum um so brutaleren Schock durch Rückzug in die Ödnis (vergeblich) zu bannen hofft, bleibt sich selbst ausgeliefert in dem gespenstisch hässlichen Mikrokosmos des von ihr gleichsam als Festung empfundenen Hauses: Mit starrer Intensität nehmen ihre Augen den Verfall um sie herum wahr, der ihr inmitten des «Chaos der Verwahrlosung» in dieser östlichen Wohnhöhle bitterschöne Geschichten über die Geschichte erzählt. Kakerlaken und kleine Ratten wuseln durch die bizarre Elendsszenerie. An einem vernagelten Fensterkreuz hängt ein dreckverkrustetes FDJ-Hemd. Worte wären hier ohnehin fehl am Platz, nachdem auch «die Frau, die Dunkel heisst» und Hells «Aussenklo-Partnerin» war, das Weite und eine bessere Bleibe gesucht hat.

Das «Gefühl von Nacht»

Immerhin beschäftigt die Weggezogene noch den letzten Rest an Phantasie, welcher der in sich verpuppten Protagonistin verblieben ist. Möglicherweise handelt es sich sogar noch um ein Quentchen Gefühl, um ein Relikt fast zugeschütteter Spontaneität, die bei Hells vertrauten Ausflügen in die Trostlosigkeit ihrer näheren Umgebung gelegentlich nur noch als aggressiver Reflex auf mehr oder minder vermeintliche Bedrohungen aufblitzt: Wenn sie in die «staubigen, kellerartig beleuchteten Szenekneipen und schmutzigen Spiel- und Waschsalons» hineingerät oder hinauf auf die «schmutzigen Plasticstühle» des tristen Bistros des jovialen Rumänen Mirca, der vor Ceausescus Erben die Fliege gemacht hat. Überall lauert das Gemeine und Verkommene, auf das sie gegebenenfalls eben einschlägt, wie sie es im Osten gelernt hat.

Wer kaum mehr einen Pfennig in der Tasche hat wie Hell, kann sich seine Gesellschaft, soweit ihm überhaupt noch daran gelegen ist, nicht aussuchen. Von den «zwei schwulen Variété-Künstlern», der «Nonne einer indischen Sekte» und den «obdachlosen Alkoholikern», die das Vorderhaus in Beschlag genommen haben, wären «Antworten» auf Fragen ohnehin nicht zu erwarten. Hell bleibt zurückgeworfen auf ihr «Gefühl von Leere und Konzentration». Letztere unterstellt ihrer Weltabkehr in dem dauernden «Gefühl von Nacht» immerhin noch einen Grad von Erwartung. Und die füllt sich ein wenig durch das Auftauchen des «Mannes mit dem Rucksack», eines alten Schulkameraden der Dunkel. Diese von ihr sofort sexuell aufgesaugte Präsenz eines ebenfalls Einsamen bringt wachsende Bewegung in Hells Existieren. Kommt dieser ausgeflippte Stiefsohn eines unsympathischen Unternehmers doch geradewegs aus dem «schweinereichen» Westen um Bad Homburg – samt «Knarre und annähernd Hunderttausend im Gepäck».

Da es in Hells Hinterhof gerade wieder beklemmend nach Brandstiftung riecht, akzeptiert ihr Schutzinstinkt den dilettantischen kleinen Bankräuber, der auf der Suche nach seinem leiblichen Vater nach Berlin gekommen ist. Ja sie macht sich ebenso unüberlegt wie kompromisslos zu seiner Komplizin. Jedenfalls «läuft» mal wieder was, wenn auch als ein bisschen klischeegerechte Rebellion und Krimimärchen verpackt. Denn natürlich ist auch der Erzeuger des jungen Mannes eine funeste Erscheinung, und Hells Vergewaltiger kommt auch noch einmal ins Spiel. Dank ihrem ungewaschen schweissigen Bettgenossen, der damit gegen seine Herkunft aus der hessischen Nobelvilla anstinkt und der ausgerechnet auch noch den literarisch vielstrapazierten Namen März trägt. Doch – wen scheren diese Anfängerverkrampfungen der Inka Parei, wenn dabei am Ende doch eine bestechende Parabel jungdeutscher Verlorenheit herauskommt. Eine so zwingend verzweifelte Schau auf das geschichts- und gegenwartsbelastete Berlin in einer schneidend klaren, zupackend konkreten Sprache, der es auf ganz erstaunliche Weise gelingt, die Poesie des Schmerzes nicht auszusparen.

Vandalismusgeräusche

Inka Parei weiss, dass Literatur Weglassen bedeutet: Konzentration auf Bild- und Gedankensplitter, die das Niemandsland der «Tage ohne Belang» verunsichern, ist die Stärke dieser Chronistin einer morschen, brüchigen Welt, in der «Wachsen nichts anderes ist als Weitergehen, die Zeit zerteilen von Stein zu Stein und von Blatt zu Blatt». Darauf versteht sich das grotesk vereinzelte Individuum Hell immerhin noch, die in Berlin, dem makabren Zwitter aus verrottetem und neudeutsch aufgeputztem Grössenwahn, gerade noch zu überleben versucht. Nicht zuletzt durch ihr Kampfsporttraining bei der Chinesin Wang, durch ihre Versuche im «Schattenboxen», auch wenn es nur ein schemenhaftes Agieren hinter einer durchsichtigen Trennwand ist.

Ohne grosses verbales Aufgebot macht die Autorin das gestisch so eindringlich sparsame Gefecht des Durchhaltens ihrer scherenschnitthaft präzis konturierten Heldin nachvollziehbar. Wenn Hell manchmal durch die irrwitzig «boomenden» Viertel des heutigen Vorzeige-Berlin geht und dessen zeitentsprechende «Vandalismusgeräusche» hört, die Gewalttätigkeit rein materiellen Aufbruchs spürt, dann ahnt sie, dass sie selbst – und das ganz allein – den Ausbruch nach innen schaffen muss. Bei der Wiederbegegnung mit der Dunkel, letztlich ihrem positiven Schatten, setzt sie schliesslich dazu an. Ohne vereinigungsbeduselte Sentimentalität und ohne die Larmoyanz einer traumatisierten Frau will sie «Luft holen, Nase und Kinn der Dunkel entgegenstrecken und sie fragen, ob sie eine Mitbewohnerin braucht». Mit dieser ungeschönt spröden Annäherung dessen, was so fatal vorschnell, so plump unbedacht immer als zusammengehörig bezeichnet worden ist, hat Inka Parei mehr als nur die Talentprobe eines literarischen Débuts erbracht.

Ute Stempel -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Perlentaucher.de

Pressenotiz zu : Die Zeit, 11.11.1999
Noch ein Berlin-Roman. Manchmal findet ihn Katharina Döbler in ihrer Kritik etwas zu bemüht, etwa in der Wahl der Namen der beiden Frauen, die da in einem kalten Seitenflügel in Berlin gegenüberwohnen: "Hell" und "Dunkel". Aber Pareis Prosa besteche durch die Konstruktion und vor allem durch die extrem kalte und präzise Prosa mancher Passagen, etwa wenn Parei den Kampf der nach einer Vergewaltigung kung-fu-geschulten "Hell" gegen zwei Schutzgelderpresser erzählt: mit "klirrender Sachlichkeit" würden da die Körper und Wunden präsentiert. Auch in der Schilderung mancher Stadtlandschaften erkennt Döbler ein "großes Talent". Darum verzeiht sie auch die literarischen Schwächen des Romans.

© Perlentaucher Medien GmbH
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Pressestimmen

"Ein denkwürdiger Roman." (Die Welt )

Kurzbeschreibung

Ein spannender Großstadtkrimi von Bachmannpreisträgerin Inka Parei.

Ein verfallenes Haus in Berlin Mitte. Hier lebt Hell, ein junges Mädchen, das von asiatischer Kampfkunst begeistert ist und sich irgendwie durchschlägt im Berlin der Wendezeit. Als Hells Nachbarin, mit der sie ein Etagenklo teilt, spurlos verschwindet, macht sie sich auf die Suche, gerät in Lebensgefahr, verliebt sich in einen Bankräuber, wird von dunklen Erinnerungen verfolgt und kann am Ende nicht nur die Vermisste retten …


Der Verlag über das Buch

Inka Pareis »Die Schattenboxerin« ist ein stilistisch hinreißender, herber Großstadtroman von heute. Er redet nicht dem Mythos »New Berlin« das Wort, sondern entwirft schonungslos das Bild einer harten Slum-Metropole. Dies alles ist gekonnt verwoben mit einer eleganten Detektivgeschichte – das Debut einer vielversprechenden Autorin. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Klappentext

"Inka Parei gibt der Geschichte ungeheure Spannung, indem sie ihr Thema, das Unglück der Brutalität, mit den Mitteln des Actionfilms verhandelt."
Süddeutsche Zeitung

"Der ungefähre Fluchtpunkt des Romans ist die Rache. Dies gibt dem Buch seine untergründige Spannung und unterlegt es mit der Dramaturgie eines Krimis."
Die Zeit

"Die Schattenboxerin ist ein schönes Beispiel dafür, dass die Autoren und Autorinnen der so genannten jungen deutschen Literatur richtig gut und spannend schreiben können."
taz

Umschlagtext

Ein stilistisch hinreißender Großstadt-Roman von heute, das Debüt einer vielversprechnden Autorin. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Über den Autor

Inka Parei, geboren 1967 in Frankfurt am Main, lebt in Berlin. Ihr erster Roman „Die Schattenboxerin“ wurde 2000 mit dem Hans Erich Nossack-Preis ausgezeichnet und ist inzwischen
in 9 Sprachen übersetzt.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

1
Sie ist meine Nachbarin. Seit Jahren leben wir im gleichen Stockwerk. Ab und zu stoßen wir gemeinsam unsere schweren Schlüssel in die Gründerzeittüren. Dann verschwinde ich in meinem Hausflur, einem langen, schmalen Schlauch, belegt mit gelbem Hanf, kaum einen Meter breit. Und sie in ihrem, mit den noch im Einheitsbraun der vierziger Jahre gestrichenen Dielen. Die Farbe ist scheußlich. Matt glänzend und kaum zu entfernen, ähnelt sie dem Kot, den die Schäferhunde hier aufs Pflaster werfen, wenn sie von ihren Besitzern mit rostfarbenen Fertigfutterklumpen ernährt werden.
Seit einer Woche ist es still im Seitenflügel des ehemals vornehmen jüdischen Mietshauses in der Lehniner Straße, den wir als einzige noch bewohnen, sie und ich. Ein Trakt mit düsteren Berliner Zimmern, geformt wie Quadrate, denen man eine Ecke abgehackt hat, Zimmer mit drei Außenwänden, praktisch unbeheizbar, und das Klo liegt auf halber Treppe.
Vor Beginn des Winters sind die wenigen noch vorhandenen Mieter ausgezogen, meist in die Nähe irgendwelcher Verwandter, in den Plattenbau, mit Zentralheizung und Müllschlucker, draußen in Marzahn oder Hellersdorf. Zuletzt ging eine halb im Keller hausende, verwahrloste Greisin. Sie hatte sich seit zwanzig Jahren geweigert, ihr Quartier zu verlassen. Halbblind, die offenen Beine mit geblümten Lappen umwickelt, wurde sie Anfang November ins Altersheim gebracht.
Ich bin mir jetzt sicher, daß ich allein im Haus bin. Seit Tagen habe ich das Brüllen unserer gemeinsamen Wasserspülung nur noch selbst ausgelöst, meine Nachbarin ist nicht mehr da. Kein Schlüsselbundklappern, kein Hüsteln, keine fremden Schritte sind mehr zu hören. Gelegentlich wird die Hoftür von einem Windstoß erfaßt und ins Schloß geworfen. Sonst ist alles still, still wie Stein. Nur das Echo meiner Fußtritte hallt auf den zersplitternden Kacheln der Aufgänge. Ich schlage die Kapuze meines Anoraks hoch, schultere ein Bündel Plastiktüten und betrete den Hof. Mit einer langen Hakenstange bewaffnet, will ich den Abfall der vergangenen Woche fortschaffen. Seit im Sommer das letzte Mal Müllmänner hier auftauchten und die alten eisernen Tonnen fortnahmen, ist das ein Vorgang, der spezielles Werkzeug und nicht zu unterschätzende Geschicklichkeit verlangt. Ideal ist der späte Vormittag, wenn die Berufstätigen des Nachbargrundstücks nicht mißbilligend aus dem Fenster starren.
Ich trete an den Maschendrahtzaun, der seit Wiedereinführung des Privateigentums über den kleinen, gemauerten Sockel gezogen wurde, der ihr Grundstück von unserem trennt. Vorsichtig schiebe ich die Stange durch ein handgroßes Loch, bis der Haken den Plastikgriff des Müllbehälters umschließt, und öffne den Deckel, indem ich das Ende meiner Stange nach unten stoße. Dann muß ich die prall verschnürten, hellgrünen Beutel so hochwerfen, daß sie in spitzem Winkel jenseits des Drahtes nach unten fallen und bestenfalls in der Öffnung, oder doch wenigstens in ihrer Nähe landen.
Einige Minuten lang werfe ich Tüten über den Zaun und korrigiere ihre Lage. Dann drehe ich mich um, greife nach einem hinter mir stehenden Beutel mit Pfandflaschen. Und plötzlich sehe ich dieses Schild.
Gestern ist es noch nicht dagewesen.
Es ist an die grauverschorfte, mit Graffiti und nasser Brikettasche bedeckte Hauswand geschraubt. Ein glänzend neues Schild, das Schild einer Baufirma. Name und Adresse stehen eingerahmt unter dem Lackzeichen eines blauen Doppelhauses.
Ich lehne mich an den Zaun, schließe die Augen, atme nasse Winterluft und stelle mir die Wand leer vor. Dann öffne ich die Augen erneut. Das Schild ist noch da.
Unwahrscheinlich, daß man dieses verfallene Haus einfach vergessen würde, während alle anderen nach und nach saniert werden. Es war vorhersehbar, daß ich mich hier nicht ewig würde verkriechen können, ohne Mietvertrag, von keiner Verwaltung gekannt oder registriert. Aber warum muß zur gleichen Zeit auch noch die letzte offizielle Bewohnerin hier verschwinden, die Frau, die Dunkel heißt und mein Flur-Gegenüber ist, meine Außenklo-Partnerin? Ausgerechnet jetzt läßt sie mich allein. Dabei ist sie in den letzten Jahren nicht ein einziges Mal länger weg gewesen, noch nicht mal für einen oder zwei Tage.
Ich sehe sie vor mir, wie sie langsam, die Unterarme vorschiebend, an den Resten des Treppengeländers entlang Einkaufstaschen hochbalanciert. Ein vorsichtiger, wahrscheinlich sehr ortsgebundener Mensch. Besuch hat sie nie. An den Klang ihrer Türklingel kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Nur an die kleinen Rituale der Eigenbrötler: Die schwarzen Schnürstiefel mit Schuhspitzen nach außen neben der Fußmatte aufstellen, immer links, und rechts den Ascheimer (ich selbst mache es umgekehrt). Abends zwischen acht und neun Uhr, wenn man nicht ausgeht, Sicherheitskette und Schloß laut einschnappen lassen, und manchmal vorher noch kurz die Tür öffnen und laut wieder verschließen, um sicherzugehen, daß man dem aus der Kühle des Treppenhauses hereinsickernden Gefühl von Nacht einen Riegel vorgeschoben hat.
Ohne viel über sie nachzudenken, ging ich davon aus, daß der Kreis, den sie um ihr Leben zieht, sich innerhalb ihrer fünfunddreißig Quadratmeter zugiger, aber fast mietfreier Behausung, der gemeinsamen Treppe, unseren Straßen um den Rosenthaler Platz und ein paar notwendigen Außenkontakten in anderen Bezirken bewegt. Daß sie einfach weg ist, bringt mich aus dem Gleichgewicht.
Noch dazu bin ich seit Tagen umzingelt von nachtaktivem Getier, von Asseln, Schaben und kleinen Ratten, die mir das Wohnrecht streitig machen. Und kürzlich habe ich den Fehler gemacht, das verödete Vorderhaus zu erkunden. Die im Erdgeschoß verschimmelnden cremefarbenen Polstergarnituren beugen sich jetzt nachts im Traum über mich und schnüffeln an einem vor Schmutz brettharten FDJ-Hemd, das im zweiten Stock am Fensterkreuz hing. Es ist oben am Hals mit meiner Haut verwachsen, so daß ich es nicht ausziehen kann, kurz gesagt: Ich verliere die Nerven.
Aus den steil nach unten hängenden Resten einer Regenrinne tropft Schmelzwasser auf meinen Scheitel, rinnt an der Innenseite meiner Ohren entlang in den Nacken. Ich hebe den Kopf, blicke hinauf, ins oberste Stockwerk. Nach einer Woche Durst wird der Farn in Dunkels Küchenfenster an den Spitzen schon strohgelb. Ich stelle mich auf die Zehen. Warum hat sie mich nicht wenigstens gebeten, ihre Pflanzen zu gießen? Durch die fettblinde Scheibe sehe ich verschwommen die Konturen einer Dose Kräutersalz, eine weißblau bedruckte Milchpackung und einen Laib Brot, den ich mir an der Schnittkante schon grün und pelzig vorstelle.
Mein Blick wandert zum nächsten Fenster hinüber. Hat sich da eben hinter der Scheibe etwas bewegt? Erschrocken lasse ich die Flaschen fallen und sehe mich nach allen Seiten um. Ich nehme Anlauf, schwinge mich auf die Teppichklopfstange und klettere auf die zweite, mannshohe Mauer, die den Hof abschließt. Wie Flammen züngeln blaugrüne Schatten durch das Wohnzimmer der Dunkel, unterlegt mit dem schwach hörbaren Baßteppich eines Nachrichtensprechers, der im Rhythmus der Bilder ansetzt und abbricht. Und jetzt gehen in Küche, Zimmer und Kammer die Lichter an. Kein Zweifel: Die Hand, die die Schalter berührt, muß lautlos sein, fleischlos. Sie muß einem Wesen gehören, das eine Woche ohne Heizen auskommt, seinen Darm nicht entleert und meine Nachbarin auf dem Gewissen hat.
Glasscheppernd flüchte ich mit meinen Pfandflaschen auf die Straße hinaus.

2
In Mircas Café, bei Pfefferminztee und Kartoffelsuppe, gelingt es mir, ruhiger zu werden. Der Wirt, ein blasser Rumäne mit schwarzem Haar, grinst mich an und schiebt einen Aschenbecher über den Tisch. Ich stopfe meinen Tabak in die Pfeife und lehne mich zurück im Sessel meiner Lieblingsnische, von der aus ich den gesamten Laden und einen naßgrauen Ausschnitt des Weinbergswegs überblicken kann.
Auf der Straße drängeln sich drei zerzauste Romakinder im Streit um die...

Auszug aus Die Schattenboxerin. von Inka Parei. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

1
Sie ist meine Nachbarin. Seit Jahren leben wir im gleichen Stockwerk. Ab und zu stoßen wir gemeinsam unsere schweren Schlüssel in die Gründerzeittüren. Dann verschwinde ich in meinem Hausflur, einem langen, schmalen Schlauch, belegt mit gelbem Hanf, kaum einen Meter breit. Und sie in ihrem, mit den noch im Einheitsbraun der vierziger Jahre gestrichenen Dielen. Die Farbe ist scheußlich. Matt glänzend und kaum zu entfernen, ähnelt sie dem Kot, den die Schäferhunde hier aufs Pflaster werfen, wenn sie von ihren Besitzern mit rostfarbenen Fertigfutterklumpen ernährt werden.
Seit einer Woche ist es still im Seitenflügel des ehemals vornehmen jüdischen Mietshauses in der Lehniner Straße, den wir als einzige noch bewohnen, sie und ich. Ein Trakt mit düsteren Berliner Zimmern, geformt wie Quadrate, denen man eine Ecke abgehackt hat, Zimmer mit drei Außenwänden, praktisch unbeheizbar, und das Klo liegt auf halber Treppe.
Vor Beginn des Winters sind die wenigen noch vorhandenen Mieter ausgezogen, meist in die Nähe irgendwelcher Verwandter, in den Plattenbau, mit Zentralheizung und Müllschlucker, draußen in Marzahn oder Hellersdorf. Zuletzt ging eine halb im Keller hausende, verwahrloste Greisin. Sie hatte sich seit zwanzig Jahren geweigert, ihr Quartier zu verlassen. Halbblind, die offenen Beine mit geblümten Lappen umwickelt, wurde sie Anfang November ins Altersheim gebracht.
Ich bin mir jetzt sicher, daß ich allein im Haus bin. Seit Tagen habe ich das Brüllen unserer gemeinsamen Wasserspülung nur noch selbst ausgelöst, meine Nachbarin ist nicht mehr da. Kein Schlüsselbundklappern, kein Hüsteln, keine fremden Schritte sind mehr zu hören. Gelegentlich wird die Hoftür von einem Windstoß erfaßt und ins Schloß geworfen. Sonst ist alles still, still wie Stein. Nur das Echo meiner Fußtritte hallt auf den zersplitternden Kacheln der Aufgänge. Ich schlage die Kapuze meines Anoraks hoch, schultere ein Bündel Plastiktüten und betrete den Hof. Mit einer langen Hakenstange bewaffnet, will ich den Abfall der vergangenen Woche fortschaffen. Seit im Sommer das letzte Mal Müllmänner hier auftauchten und die alten eisernen Tonnen fortnahmen, ist das ein Vorgang, der spezielles Werkzeug und nicht zu unterschätzende Geschicklichkeit verlangt. Ideal ist der späte Vormittag, wenn die Berufstätigen des Nachbargrundstücks nicht mißbilligend aus dem Fenster starren.
Ich trete an den Maschendrahtzaun, der seit Wiedereinführung des Privateigentums über den kleinen, gemauerten Sockel gezogen wurde, der ihr Grundstück von unserem trennt. Vorsichtig schiebe ich die Stange durch ein handgroßes Loch, bis der Haken den Plastikgriff des Müllbehälters umschließt, und öffne den Deckel, indem ich das Ende meiner Stange nach unten stoße. Dann muß ich die prall verschnürten, hellgrünen Beutel so hochwerfen, daß sie in spitzem Winkel jenseits des Drahtes nach unten fallen und bestenfalls in der Öffnung, oder doch wenigstens in ihrer Nähe landen.
Einige Minuten lang werfe ich Tüten über den Zaun und korrigiere ihre Lage. Dann drehe ich mich um, greife nach einem hinter mir stehenden Beutel mit Pfandflaschen. Und plötzlich sehe ich dieses Schild.
Gestern ist es noch nicht dagewesen.
Es ist an die grauverschorfte, mit Graffiti und nasser Brikettasche bedeckte Hauswand geschraubt. Ein glänzend neues Schild, das Schild einer Baufirma. Name und Adresse stehen eingerahmt unter dem Lackzeichen eines blauen Doppelhauses.
Ich lehne mich an den Zaun, schließe die Augen, atme nasse Winterluft und stelle mir die Wand leer vor. Dann öffne ich die Augen erneut. Das Schild ist noch da.
Unwahrscheinlich, daß man dieses verfallene Haus einfach vergessen würde, während alle anderen nach und nach saniert werden. Es war vorhersehbar, daß ich mich hier nicht ewig würde verkriechen können, ohne Mietvertrag, von keiner Verwaltung gekannt oder registriert. Aber warum muß zur gleichen Zeit auch noch die letzte offizielle Bewohnerin hier verschwinden, die Frau, die Dunkel heißt und mein Flur-Gegenüber ist, meine Außenklo-Partnerin? Ausgerechnet jetzt läßt sie mich allein. Dabei ist sie in den letzten Jahren nicht ein einziges Mal länger weg gewesen, noch nicht mal für einen oder zwei Tage.
Ich sehe sie vor mir, wie sie langsam, die Unterarme vorschiebend, an den Resten des Treppengeländers entlang Einkaufstaschen hochbalanciert. Ein vorsichtiger, wahrscheinlich sehr ortsgebundener Mensch. Besuch hat sie nie. An den Klang ihrer Türklingel kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Nur an die kleinen Rituale der Eigenbrötler: Die schwarzen Schnürstiefel mit Schuhspitzen nach außen neben der Fußmatte aufstellen, immer links, und rechts den Ascheimer (ich selbst mache es umgekehrt). Abends zwischen acht und neun Uhr, wenn man nicht ausgeht, Sicherheitskette und Schloß laut einschnappen lassen, und manchmal vorher noch kurz die Tür öffnen und laut wieder verschließen, um sicherzugehen, daß man dem aus der Kühle des Treppenhauses hereinsickernden Gefühl von Nacht einen Riegel vorgeschoben hat.
Ohne viel über sie nachzudenken, ging ich davon aus, daß der Kreis, den sie um ihr Leben zieht, sich innerhalb ihrer fünfunddreißig Quadratmeter zugiger, aber fast mietfreier Behausung, der gemeinsamen Treppe, unseren Straßen um den Rosenthaler Platz und ein paar notwendigen Außenkontakten in anderen Bezirken bewegt. Daß sie einfach weg ist, bringt mich aus dem Gleichgewicht.
Noch dazu bin ich seit Tagen umzingelt von nachtaktivem Getier, von Asseln, Schaben und kleinen Ratten, die mir das Wohnrecht streitig machen. Und kürzlich habe ich den Fehler gemacht, das verödete Vorderhaus zu erkunden. Die im Erdgeschoß verschimmelnden cremefarbenen Polstergarnituren beugen sich jetzt nachts im Traum über mich und schnüffeln an einem vor Schmutz brettharten FDJ-Hemd, das im zweiten Stock am Fensterkreuz hing. Es ist oben am Hals mit meiner Haut verwachsen, so daß ich es nicht ausziehen kann, kurz gesagt: Ich verliere die Nerven.
Aus den steil nach unten hängenden Resten einer Regenrinne tropft Schmelzwasser auf meinen Scheitel, rinnt an der Innenseite meiner Ohren entlang in den Nacken. Ich hebe den Kopf, blicke hinauf, ins oberste Stockwerk. Nach einer Woche Durst wird der Farn in Dunkels Küchenfenster an den Spitzen schon strohgelb. Ich stelle mich auf die Zehen. Warum hat sie mich nicht wenigstens gebeten, ihre Pflanzen zu gießen? Durch die fettblinde Scheibe sehe ich verschwommen die Konturen einer Dose Kräutersalz, eine weißblau bedruckte Milchpackung und einen Laib Brot, den ich mir an der Schnittkante schon grün und pelzig vorstelle.
Mein Blick wandert zum nächsten Fenster hinüber. Hat sich da eben hinter der Scheibe etwas bewegt? Erschrocken lasse ich die Flaschen fallen und sehe mich nach allen Seiten um. Ich nehme Anlauf, schwinge mich auf die Teppichklopfstange und klettere auf die zweite, mannshohe Mauer, die den Hof abschließt. Wie Flammen züngeln blaugrüne Schatten durch das Wohnzimmer der Dunkel, unterlegt mit dem schwach hörbaren Baßteppich eines Nachrichtensprechers, der im Rhythmus der Bilder ansetzt und abbricht. Und jetzt gehen in Küche, Zimmer und Kammer die Lichter an. Kein Zweifel: Die Hand, die die Schalter berührt, muß lautlos sein, fleischlos. Sie muß einem Wesen gehören, das eine Woche ohne Heizen auskommt, seinen Darm nicht entleert und meine Nachbarin auf dem Gewissen hat.
Glasscheppernd flüchte ich mit meinen Pfandflaschen auf die Straße hinaus.

2
In Mircas Café, bei Pfefferminztee und Kartoffelsuppe, gelingt es mir, ruhiger zu werden. Der Wirt, ein blasser Rumäne mit schwarzem Haar, grinst mich an und schiebt einen Aschenbecher über den Tisch. Ich stopfe meinen Tabak in die Pfeife und lehne mich zurück im Sessel meiner Lieblingsnische, von der aus ich den gesamten Laden und einen naßgrauen Ausschnitt des Weinbergswegs überblicken kann.
Auf der Straße drängeln sich drei zerzauste Romakinder im Streit um die plastikgelbe Uhr, die sie aus einem Kaugummiautomaten gefischt haben, der Spielhölle für Kleinkinder: Sie werfen Zweimarkstücke hinein, und die Metallkrake mit kleinen Gehäusen am Ende der Tentakel kreist, greift aber meistens nur eine Kugel aus Zucker und Farbstoff. Von hinten nähert sich ein Junge, etwa achtjährig, und reißt den Hauptgewinn an sich. Während die Mädchen wegspringen, mit ruckartigen Bewegungen, mit unter dünnen Röcken steifkalten Gelenken, stopft er sich die Beute in den Schaft seiner Gummistiefel. Sein vernarbter Mund öffnet sich zum Grinsen, entblößt Goldzähne. Die Reste seiner vom Bürgerkrieg zerfetzten Nase zucken, als der Knirps mit hüpfenden Bewegungen aus meinem Blickfeld verschwindet.
Im Lokal ist um diese Tageszeit nicht viel los. Eine Milch mit Honig nippende Szenefrau in orangefarbenen Lederhosen und einem apfelgrünen gestrickten Oberteil ist der einzige Gast außer mir. Mein Freund Mirca bringt Milchkaffee. Mit umständlichen, schlotternden Bewegungen balanciert er die dampfende Schale bis zur Tischkante.
Kellnerische Eleganz kann man nicht erwarten von einem mittellosen Maler, der sich als Wirt ausgeben muß, um seine Familie zu ernähren. Neben der Theke führt eine Stiege in den ausgebauten Keller, in Mircas Galerie, zu den großformatigen Alpträumen von der Herrschaft Ceausescus. Menschen in kalten Prachtstraßen, mit teigigen Gesichtern und Ochsennacken, als wäre der Terror ein Hormon, das den Wuchs verzerrt, Kinderköpfe hinter den rostigen Gittern eines Heimfensters, halslos, leiblos, übereinandergestapelt wie Kohl: Wer die Stiege wieder hochklettert, hat für kurze Zeit eine Blässe im Gesicht, die der Mircas stark ähnelt. Gekauft hat noch niemand ein Bild, und ich kenne auch niemanden, der ein zweites Mal hinuntergegangen wäre.
Der Versuch, mir Informationen über die Dunkel zusammenzurufen, fällt kläglich aus, ich habe mich immer zu wenig für sie interessiert. Vielleicht liegt es daran, daß es Frauen wie sie und mich haufenweise gibt in dieser Stadt.
Einmal, im vorletzten Frühjahr, stand ich vor ihrer Wohnungstür. Ich suchte die Klinke auf der falschen Seite und hatte dabei das Gefühl, eine vertraute Bewegung seitenverkehrt auszuüben. Als müßte ich plötzlich linkshändig schreiben. In der Hand hielt ich an sie gerichtete Post, die mir der Briefträger, vielleicht verwirrt durch unsere Namen, versehentlich zugestellt hatte. Als sie auf der Schwelle stand und mich anblickte, zuckten wir beide zusammen. Seit Jahren leben wir Tür an Tür, nie hatten wir uns so nah gegenübergestanden. Mit dem Gefühl, in einen unkontrollierbaren Spiegel zu sehen, drückte ich ihr die Umschläge in die Hand und lief so schnell wie möglich zurück in meinen Flur.
Bei meiner Rückkehr in den Seitenflügel werde ich Dunkels Wohnung aufbrechen. Nach Jahren harten Trainings bei Meister Wang, einige Häuserblocks von hier entfernt, dürfte das Öffnen des Schlosses für mich kein Problem sein. Die Polizei zu rufen kommt nicht in Frage, schließlich wohne ich nicht legal in der Lehniner Straße. Man weiß auch nie, ob sie Hunde mitbringen. Meister Wang lehrt die Schüler nicht nur Faustschläge und Fußtritte, sondern auch die Sechsunddreißig Überlebensstrategien der Chinesen. Meister Wang hat mir das Warten beigebracht, nennt es Gefühl für den richtigen Zeitpunkt. Also warte ich. Sich kräuselnder Rauch ist mein Ruhigmacher und Zeitmesser für Strategie Nr. 4: Ausgeruht dem erschöpften Feind begegnen.

3
Schon zum zweiten Mal in diesen Tagen passiert mir das Mißgeschick, den falschen Tabaksbeutel einzustecken, statt des mit Vanille versetzten Orient zerstreut scharfen Französischen anzurauchen. Angeekelt werfe ich die Pfeife auf den Tisch, fixiere sie wie einen bösen Kobold, der mich anspringen will. Und wirklich. Ein häßliches Gesicht, das ich endlich vergessen wollte, formt sich erneut aus blauem Dunst, kriecht wie ein Flaschengeist aus dem Qualm und sieht mich an.
Ich gehe wieder die Straße entlang, an einem Frühlingstag des Jahres 1989. Ich bin wieder im alten, jetzt völlig unwirklichen Leben an der westlichen Achse der Stadt. Noch kenne ich nichts anderes. Noch fehlt mir der Eindruck, daß dieses Leben eine Täuschung war, riskant und sorglos. Gelebt auf Kosten des heutigen, für das ich an manchen Tagen kaum Kraft aufbringe.
Es ist ein heißer Tag, zu heiß für den Frühling. Kreuzbergs Straßen rund um den Görlitzer Bahnhof flirren vor Hitze und Sand. Der Sand weht von den Bahnhofsresten herüber, einer verwahrlosten, mit Gleispaaren durchsetzten Freifläche. Gekappt durch die Mauer hat der Schienenstrang seit Jahrzehnten seinen Sinn verloren, befindet sich im Rückfall zu Wüste und Steppe.
Es ist später Nachmittag. Das Viertel beginnt sich zu füllen. Bis aufs Dach vollgepackte Mittelklassewagen türkischer Familien suchen Parkplätze. Die Leute steigen aus, schlagen die Türen zu, schleppen müde Kleinkinder und die Reste ihrer Grillfeste in noch winterkühle Hauseingänge. Ein kleines Mädchen mit geschwärzten Vorderzähnen blickt von fast allen Fassaden, das Bild ist an den Rändern ausgefranst, gewellt vom Plakatleim. Einen Stock paramilitärisch geschultert, hält es Passanten seine Sprechblase entgegen: Heraus zum revolutionären Ersten Mai.
Kleine Gruppen, die sich vom Ende der Kundgebung schon gelöst haben, kommen vom Lausitzer Platz herüber, laufen scheinbar gelassen, ganz ohne Eile auf mich zu. Nur die Art, wie sie unbeirrbar die Richtung einhalten, verrät Spannung. Die Fahrer der vergitterten weißgrünen Wagen wirken gelangweilt. Gelegentlich halten sie an, schwatzen, krempeln sich die Ärmel ihrer ockergelben Diensthemden hoch, horchen Funkspruchfetzen ab. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite haben sich zwei Sechzehnjährige ihre roten Palästinensertücher um Mund und Nase gebunden und beginnen, rund um das Beet einer Straßenbegrünung Pflastersteine auszuheben.
Es gibt mehrere Möglichkeiten, sich dem voraussichtlichen Knotenpunkt zu nähern. Man kann von Südosten, von der Sonnenallee kommend, in die Wiener Straße einbiegen und dann langsam, von ihrem grünen Endpunkt her, in den staubigen, mit kellerartig beleuchteten Szenekneipen und schmutzigen Spiel- und Waschsalons gepflasterten Teil vordringen, der an den Eisenträgern der Hochbahn endet. Hier ist das strategische Zentrum, das beide Seiten erobern wollen. Oder man beginnt in der Oranienstraße, von wo aus man Adalbert- und Mariannenstraße kreuzt und sich ebenfalls, aber aus nordwestlicher Richtung, der Hochbahn nähert. Endpunkt meiner Laufstrecke ist immer der türkische Imbiß neben dem Grundstückskrater. Dort, wo im vorletzten Jahr zur selben Zeit der Supermarkt brannte.
In diesem Jahr habe ich mich für die Südost-Annäherung entschieden. Während ich so langsam wie möglich entlang der großen Bürgersteigplatten voranschreite, zähle ich mir immer wieder die fünf Seitenstraßen auf, hinter denen ich abbiegen und, falls es zu gefährlich wird, schnell verschwinden kann: Glogauer, Liegnitzer, Forster, Ohlauer, Lausitzer. Seitenstraßen führen in ruhiges Gebiet. Es ist möglich, von dort aus eine Haltestelle zu erreichen. In regelmäßigen Abständen nähert sich brummend und schwankend der gelbe Doppelstockbus, der den Kottbusser Damm entlang aus der Gefahrenzone fährt.
Ein dicker Mann mit bunt bedrucktem Hemd sichert die vergitterten Scheiben der Türkischen Bank mit Spanplatten, Zivilfahnder in Jeans und Sportjacken zerteilen die speckigen Plastikschnüre am Ausgang einer Pizzeria. Aus der Ferne hallt karibisches Trommeln durch die Straßenschluchten. Block für Block schiebe ich mich durch die Menschenmenge. Die Bürgersteige sind dicht gefüllt mit Dreadlocks, schlecht sitzenden Anzügen, dem hitzeflirrenden Synthetikstoff schwarzer Kopftücher, den rauhen, schlecht durchbluteten Händen von Straßenkämpfern, eiternden Nasenringen und nackten, weißen Waden über klobigen Stiefeln. Fast bin ich am Ziel. Nur die Lausitzer Straße trennt mich noch vom Ankara-Grill, wo man schon mittags so viele Plastikstühle aufgestellt hat, wie zwischen Türschwelle und Fahrradweg Platz finden, um an Herumstehende Kebab und warmes Flaschenbier auszugeben.
Hinter zwei Gestalten mit Wollmützen im Gesicht und Benzinkanistern will ich die Straße überqueren. Bremsen quietschen, eine Wagenkolonne biegt ein. Noch bevor sie hält, öffnen sich die Türen. Grün gepanzerte Gestalten springen auf die Straße und stellen sich vor mir auf, eine Reihe aus Plastikköpfen, Brustschützern und erhobenen Schilden. Neben mir setzt panisches Rennen in die Gegenrichtung ein und reißt mich mit.
Wäre ich stehengeblieben.
Einziger, wieder und wieder gemurmelter Satz in den Wochen danach, allein, mit schockhaft geweiteten, tränenlos trockenen Augen und den bitter schmeckenden Mundstücken erkalteter Pfeifen. Aber ich bleibe nicht stehen. Ich lasse mich mit den anderen über die Straße treiben, stolpere durch ein Gebüsch und klettere auf allen vieren den Hügel hinauf, ins Gelände des alten Bahnhofs hinein.
Auf der Anhöhe drehe ich mich um. Die Zipfel grüner Ketten schließen sich, geben die Querstraßen wieder frei. Unter mir hat ein Teil der wütenden Menge sich umgedreht und beginnt mit Steinwürfen den Weg zur Straße freizukämpfen. Hätte ich mich nur, wie die ungerührt glotzenden Anwohner, auf die Schwelle eines Hauseingangs, den Bordstein, auf einen mitgebrachten Schemel gesetzt.
Es wird dunkel. Ich trete auf Grasbüschel, die ich nicht sehen kann. Auf diesem Gelände gibt es keine Straßenbeleuchtung. Ich beschließe, in die Sandgrube abzusteigen, wo Gruppen im Schein entfernter Lagerfeuer vor Bongos und leeren Flaschen sitzen. Leises Fluchen. In meiner Nähe zuckt eine Feuerzeugflamme auf, und ich höre die Stimme einer Frau.
»Die ganze Nacht hab’ ich mal so gesessen. Nichts zu trinken, nichts zu essen, in die Büsche kacken. Aber die Bullen. Die bringen sich ihre eigenen Klos mit, zum Aufstellen.«
Einwurf eines kehlig erregten Basses: »Ja, Chemieklos!«
Dann wieder die Frau.
»Echt wahr, und die Verpflegung. Die haben alles dabei. Verbandszeug, extra nur für Bullen, und Freßpakete. Mann, die Freßpakete. Richtiges Abendessen und so.«
»Klar, mit Schinken und Würstchen.«
»Und Schokolade, und Keksen!«
»Sekt, Champagner!«
Hintern und Füße in derbem Lederzeug stemmen sich in den Abhang. Die Leute lachen, lassen sich fallen und kugeln hinunter, während ich an flacherer Stelle weiterhaste, friere, mich schließlich auf einen kleinen Sandberg setze und mein dünnes Kleid über die Knie ziehe, bis es reißt. Erst jetzt beginne ich den Sinn der ledernen Panzer, in denen ich die Leute mittags schwitzen sah, zu begreifen.
Und dann taucht dieser Hund auf.
Er ist schwarzbraun und riesengroß, und er hat keine Leine, nur ein zerknittertes Tuch ist um seinen Hals geschlungen. Er hat sich aus einem Rudel ineinander verbissener Fellknäule gelöst und läuft auf mich zu. Der Galopp seiner Flanken wirkt schwerfällig, fast gemächlich, aber er ist sehr schnell.
Ich sehe mich nach Hilfe um. In einiger Entfernung stehen heiser kichernde Grüppchen, die mir den Rücken zuwenden. Ich springe auf und beginne zu rennen, ...

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