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Inka Pareis beklemmendes Romandébut «Die
Schattenboxerin»
Hell, «die Frau mit der Pfeife», haust illegal und inzwischen ganz allein im desolaten Hinterflügel eines abbruchreifen Berliner Mietshauses. Bevor die Nazis ihr wahres Gesicht als Massenmörder zeigten, hatte es einer wohlhabenden jüdischen Familie gehört. Nichts geschieht in diesem verschimmelten Gemäuer an der Lehniner Strasse, das wie so vieles in der ehemaligen «Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik» beim «Aufbau des Sozialismus» glattweg übersehen wurde. Die junge Hell hat dessen Potemkinsche Dörfer nicht mitbekommen. Erst seit 1989, dem magischen Jahr der längst entzauberten deutschen Wiedervereinigung, lebt sie im Ostteil jener Stadt, nach der nun gern eine neue Republik benannt wird. Vorher, so jedenfalls meint sie jetzt, sei ihr Leben «an der westlichen Achse» der damals noch geteilten Kapitale «völlig unwirklich gewesen», eine «riskante und sorglose Täuschung» eben.
Gewaltsam ist sie aus dieser ihr nun restlos entfremdeten, illusionären Wirklichkeit herausgerissen worden: Durch eine Vergewaltigung auf der Flucht vor der Polizei bei den kampfartigen Kreuzberger Maidemonstrationen. Inka Parei, Jahrgang 1967, lässt nicht zu, dass ihre Ich-Erzählung sich in Erklärungen dieser Extremsituation verliert. Hell, die den ungenannten und darum um so brutaleren Schock durch Rückzug in die Ödnis (vergeblich) zu bannen hofft, bleibt sich selbst ausgeliefert in dem gespenstisch hässlichen Mikrokosmos des von ihr gleichsam als Festung empfundenen Hauses: Mit starrer Intensität nehmen ihre Augen den Verfall um sie herum wahr, der ihr inmitten des «Chaos der Verwahrlosung» in dieser östlichen Wohnhöhle bitterschöne Geschichten über die Geschichte erzählt. Kakerlaken und kleine Ratten wuseln durch die bizarre Elendsszenerie. An einem vernagelten Fensterkreuz hängt ein dreckverkrustetes FDJ-Hemd. Worte wären hier ohnehin fehl am Platz, nachdem auch «die Frau, die Dunkel heisst» und Hells «Aussenklo-Partnerin» war, das Weite und eine bessere Bleibe gesucht hat.
Das «Gefühl von Nacht»
Immerhin beschäftigt die Weggezogene noch den letzten Rest an Phantasie, welcher der in sich verpuppten Protagonistin verblieben ist. Möglicherweise handelt es sich sogar noch um ein Quentchen Gefühl, um ein Relikt fast zugeschütteter Spontaneität, die bei Hells vertrauten Ausflügen in die Trostlosigkeit ihrer näheren Umgebung gelegentlich nur noch als aggressiver Reflex auf mehr oder minder vermeintliche Bedrohungen aufblitzt: Wenn sie in die «staubigen, kellerartig beleuchteten Szenekneipen und schmutzigen Spiel- und Waschsalons» hineingerät oder hinauf auf die «schmutzigen Plasticstühle» des tristen Bistros des jovialen Rumänen Mirca, der vor Ceausescus Erben die Fliege gemacht hat. Überall lauert das Gemeine und Verkommene, auf das sie gegebenenfalls eben einschlägt, wie sie es im Osten gelernt hat.
Wer kaum mehr einen Pfennig in der Tasche hat wie Hell, kann sich seine Gesellschaft, soweit ihm überhaupt noch daran gelegen ist, nicht aussuchen. Von den «zwei schwulen Variété-Künstlern», der «Nonne einer indischen Sekte» und den «obdachlosen Alkoholikern», die das Vorderhaus in Beschlag genommen haben, wären «Antworten» auf Fragen ohnehin nicht zu erwarten. Hell bleibt zurückgeworfen auf ihr «Gefühl von Leere und Konzentration». Letztere unterstellt ihrer Weltabkehr in dem dauernden «Gefühl von Nacht» immerhin noch einen Grad von Erwartung. Und die füllt sich ein wenig durch das Auftauchen des «Mannes mit dem Rucksack», eines alten Schulkameraden der Dunkel. Diese von ihr sofort sexuell aufgesaugte Präsenz eines ebenfalls Einsamen bringt wachsende Bewegung in Hells Existieren. Kommt dieser ausgeflippte Stiefsohn eines unsympathischen Unternehmers doch geradewegs aus dem «schweinereichen» Westen um Bad Homburg samt «Knarre und annähernd Hunderttausend im Gepäck».
Da es in Hells Hinterhof gerade wieder beklemmend nach Brandstiftung riecht, akzeptiert ihr Schutzinstinkt den dilettantischen kleinen Bankräuber, der auf der Suche nach seinem leiblichen Vater nach Berlin gekommen ist. Ja sie macht sich ebenso unüberlegt wie kompromisslos zu seiner Komplizin. Jedenfalls «läuft» mal wieder was, wenn auch als ein bisschen klischeegerechte Rebellion und Krimimärchen verpackt. Denn natürlich ist auch der Erzeuger des jungen Mannes eine funeste Erscheinung, und Hells Vergewaltiger kommt auch noch einmal ins Spiel. Dank ihrem ungewaschen schweissigen Bettgenossen, der damit gegen seine Herkunft aus der hessischen Nobelvilla anstinkt und der ausgerechnet auch noch den literarisch vielstrapazierten Namen März trägt. Doch wen scheren diese Anfängerverkrampfungen der Inka Parei, wenn dabei am Ende doch eine bestechende Parabel jungdeutscher Verlorenheit herauskommt. Eine so zwingend verzweifelte Schau auf das geschichts- und gegenwartsbelastete Berlin in einer schneidend klaren, zupackend konkreten Sprache, der es auf ganz erstaunliche Weise gelingt, die Poesie des Schmerzes nicht auszusparen.
Vandalismusgeräusche
Inka Parei weiss, dass Literatur Weglassen bedeutet: Konzentration auf Bild- und Gedankensplitter, die das Niemandsland der «Tage ohne Belang» verunsichern, ist die Stärke dieser Chronistin einer morschen, brüchigen Welt, in der «Wachsen nichts anderes ist als Weitergehen, die Zeit zerteilen von Stein zu Stein und von Blatt zu Blatt». Darauf versteht sich das grotesk vereinzelte Individuum Hell immerhin noch, die in Berlin, dem makabren Zwitter aus verrottetem und neudeutsch aufgeputztem Grössenwahn, gerade noch zu überleben versucht. Nicht zuletzt durch ihr Kampfsporttraining bei der Chinesin Wang, durch ihre Versuche im «Schattenboxen», auch wenn es nur ein schemenhaftes Agieren hinter einer durchsichtigen Trennwand ist.
Ohne grosses verbales Aufgebot macht die Autorin das gestisch so eindringlich sparsame Gefecht des Durchhaltens ihrer scherenschnitthaft präzis konturierten Heldin nachvollziehbar. Wenn Hell manchmal durch die irrwitzig «boomenden» Viertel des heutigen Vorzeige-Berlin geht und dessen zeitentsprechende «Vandalismusgeräusche» hört, die Gewalttätigkeit rein materiellen Aufbruchs spürt, dann ahnt sie, dass sie selbst und das ganz allein den Ausbruch nach innen schaffen muss. Bei der Wiederbegegnung mit der Dunkel, letztlich ihrem positiven Schatten, setzt sie schliesslich dazu an. Ohne vereinigungsbeduselte Sentimentalität und ohne die Larmoyanz einer traumatisierten Frau will sie «Luft holen, Nase und Kinn der Dunkel entgegenstrecken und sie fragen, ob sie eine Mitbewohnerin braucht». Mit dieser ungeschönt spröden Annäherung dessen, was so fatal vorschnell, so plump unbedacht immer als zusammengehörig bezeichnet worden ist, hat Inka Parei mehr als nur die Talentprobe eines literarischen Débuts erbracht.
Ute Stempel
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Die Geschichte ist zu bemüht, zu konstruiert, zu klischeebeladen. Schon die Benamsung der Nachbarinnen - "Hell" und "Dunkel" - würde mich davon abhalten, das Buch zu kaufen, wenn ich es in einer Buchhandlung in die Hand bekäme.
Nun war ich gezwungen, es zu lesen, und habe das auch recht schnell geschafft, aber zu keinem Zeitpunkt dachte ich, es habe sich nun doch gelohnt. Ein anderes Buch von Frau Parei würde ich durchaus nochmal anlesen um zu sehen, ob es mir eher zusagt. Aber dieses kann ich wirklich nicht weiterempfehlen.
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