Achtung Spoilerwarnung
Wer nicht zuviel vom Inhalt wissen will, kann nach unten gehen und unter MEIN FAZIT kurz und knapp meine Meinung über das Buch lesen.
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Belfast im Jahre 2007. Es scheint, als ob der Frieden Einzug gehalten hat in Nordirland. Ehemalige Untergrundkämpfer sitzen als geschätzte Parlamentarier in der irischen Selbstverwaltung im Stormont. Andere wiederum haben durch den Friedensprozess ihren Lebenszweck verloren.
Gerry Fegan ist ein Handwerker des Todes. Sein Merkmal? Innere Härte, unwillkürliche Brutalität, die Bereitschaft, das Notwendige zu tun. Verurteilt wurde er für einen Bombenanschlag, bei dem drei Personen starben. Aber dem politischen Friedensprozess sei gedankt, er kommt nach zwölf Jahren vorzeitig raus aus dem Bau. Dumm nur, dass ihn seitdem zwölf Schatten begleitet. Menschen, die er einst getötet hat. Leider ist es schon sehr früh offensichtlich, dass diese Geister, die Schatten, nur dann verschwinden, wenn Gerry ihrem Wunsch nach Rache entspricht. Spannung? Forget about it. Da hilft es auch nichts, wenn der Autor sich Verwicklungen mit litauischen Menschenhändlern, die den irischen Markt mit Minderjährigen versorgen, ausdenkt. Ganz zu schweigen von diesem englischen Nordirland-Staatssekretär, der mit seinem Bodyguard Golfen geht. Recht nett ist immerhin die aufkeimende Beziehung zwischen Gerry und ... (mehr dazu weiter unten).
Das Thema des Buches lautet: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Die Schatten (oder soll ich sagen Geister) zeigen Gerry durch Handbewegungen, wen er töten soll, und lösen sich in Luft auf sobald die Tat vollbracht ist. Dass die Zielpersonen allesamt alte Weggefährten von Gerry sind, wird wohl niemanden überraschen. Zwölf, elf, neun, ... bis nur noch ein Geist übrig bleibt.
Natürlich gibt es neben Gerry noch jede Menge Nebenfiguren: Korrupte Politiker. Selbstsüchtig auf ihren eigenen Profit aus. Unverbesserliche Kämpfer, die sich einem friedlichen Leben verweigern. Ein Undercover-Agent, der nicht mehr zurück will in ein normales Leben. Ein Pfarrer, der das Beichtgeheimnis verrät. Was für eine böse, böse Welt. Aber halt ...
Ein leuchtendes Licht im Dunkel ist Marie McKenna mit ihrer Tochter Ellen. Gerry trifft sie nach dem Tod ihres Onkels Michael. Ein alter Schulfreund und Weggefährte von ihm, sein erstes Opfer im Auftrag der Rache. Marie sorgte einst in ihrer Familie für Unmut, als sie sich für einen protestantischen Polizisten entschied. Ein Wunder, dass sie diesen "Verrat" überhaupt überlebt hat, so scheint es. Freilich gibt es hierfür einen handfesten Grund, den der Leser am Ende des Buches erfährt. Auf jeden Fall hat die junge Frau beschlossen, dem Hass, der ihr aus ihrer Familie entgegenschlägt, mit Gleichmut zu begegnen, ihn nicht zu erwidern. Und vertreiben lassen, das kommt schon gar nicht in Frage. Gerry ist beeindruckt von Marie McKenna. Es wird niemanden verwundern, dass die junge Mutter mit ihrer Tochter im Showdown am Ende des Buches eine Rolle spielt, und wollen wir mal wetten, in Teil 2 geht es sicher weiter.
Zurück zu Gerry: Es ist nicht das erste Mal, dass Gerry mit den Geistern von Verstorbenen konfrontiert wird. Als neunjähriger Bub begegnete ihm sein verstorbener Vater. Später in einem Jugendcamp sah er nachts Menschen in den Bäumen. Ein übersinnlich begabter Protagonist also. Gerry ist jedoch nicht der einzige Ire mit dieser Gabe. Ellen, die kleine Tochter von Marie McKennan verblüfft den Leser am Ende des Buches, als sie Gerry nach dem Geister-Baby fragt, und ihm damit das Leben rettet. Die Iren ein Volk von übersinnlich begabten Menschen? Ein unschuldiges Mädchen als Deus ex machina? Eigentlich hätte man es ja schon früher wissen können, dass Ellen dieselbe besondere Wahrnehmung besitzt, z.B. auf S. 275, als sie einen leisen Schrei ausstößt während die Geister bei Gerry sind. Wie auch immer, diese Wendung im Schlussteil passt so gar nicht zum Rest des Buches und hinterlässt zumindest bei mir ein unbefriedigendes Gefühl.
Warum ich diesen einen Aspekt des Schlusses so hervorhebe? Nun, wäre es nur Gerry gewesen, der die Geister "sieht", so hätte man es als Metapher für sein schlechtes Gewissen interpretieren können, dafür, dass man sich mit einem Gefängnisaufenthalt eben nicht seiner Schuld entladen kann. Indem auch Ellen diese übersinnliche Wahrnehmung besitzt, wird der vermeintliche Thriller jedoch zu einer seltsamen Geistergeschichte.
Mein Fazit:
Ein Mann, dessen Gewissensbisse sich in Schatten manifestieren, die ihn überall hin begleiten. Eine Gefängnisstrafe reicht nicht aus, um Busse zu tun. Die Schatten bringen ihn dazu, Rache zu nehmen für ihr Schicksal. Außerdem ist in die Handlung noch eine Prise Liebe und Unschuld eingebaut. Und als geschichtlichen Hintergrund wählt Stuart Neville den Nordirland-Konflikt aus. Die einzelnen Charaktere werden nur oberflächlich in Schwarz-Weiß-Manier beschrieben. Differenzierte Betrachtungen sucht man vergebens. Zugegeben, einigermaßen gut geschrieben ist dieses Buch (wenn man von den unnötigen Rechtschreib- und Grammatikfehlern absieht -> siehe Kommentar). Auf jeden Fall liest es sich recht flott. Könnte also durchaus ein Bestseller werden. Mich persönlich hat die Geschichte jedoch enttäuscht.
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Noch ein paar Hinweise zu
den Schatten von Belfast:Im englischen Original lautet der Titel dieses Buches
The Twelve, in den USA
Ghosts of Belfast. Es handelt sich um dasselbe Buch.
Des Weiteren lohnt ein Besuch der Stuart Neville-Webseite: stuartneville.com.
Erstens, weil dort Szenen veröffentlicht sind, die nicht in die endgültige Buchversion aufgenommen wurden.
Zweitens findet man dort Informationen über die Fortsetzung:
Collusion. Gerry Fegan hat auch in New York keine Ruhe, denn jemand will Rache.
Und drittens kann man sich sechs Kurzgeschichten von Stuart Neville herunterladen (wie alles andere natürlich in englischer Sprache).