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Die Schatten von Aberdeen: Roman
 
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Die Schatten von Aberdeen: Roman [Taschenbuch]

Robert Goddard , Peter Pfaffinger
4.3 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (6 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"Robert Goddard schreibt Bücher, für die man sich gerne eine Nacht um die Ohren schlägt." (Brigitte )

Kurzbeschreibung

Eine alte Burg in Schottland. Eine Serie rätselhafter Todesfälle. Und jeder kann der Nächste sein

Harry Burnett ist nur in seine englische Heimat zurückgekehrt, um seine Mutter zu begraben. Aber als ihn ehemalige Kameraden aus seiner Militärzeit zu einer Wiedersehensfeier in einer alten schottischen Burg einladen, sagt er sofort zu. Doch bereits im Zug begeht einer der Männer Selbstmord, und kurz nach der Ankunft stirbt ein zweiter. Schnell wird deutlich, dass die Todesfälle mit einem psychologischen Experiment zusammenhängen, an dem die Soldaten vor 50 Jahren teilnahmen. Und Harry muss bald fürchten, die Burg nicht lebend verlassen zu können …

Klappentext

"Robert Goddard ist einer der besten Erzähler unserer Zeit."
Sunday Telegraph

"Robert Goddard ist ein meisterhafter Geschichtenerzähler."
Publishing News

"Goddard ist ein passionierter Drechsler von historischen Schnörkeln."
Tobias Gohlis, Die Zeit

Über den Autor

Robert Goddard wurde in Hampshire geboren, wo er auch heute noch mit seiner Frau lebt. Er studierte Geschichte an der Universität von Cambridge. Nachdem er als Journalist, Lehrer und in der Verwaltung gearbeitet hatte, begann er sich ausschließlich seiner schriftstellerischen Arbeit zu widmen. Alle seine Romane sind internationale Bestseller.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Wenn er mit Donna zurückgeflogen wäre, wäre das vollkommen in Ordnung gewesen. Wenn ihre Maschine nur ein, zwei Stunden Verspätung gehabt hätte, dann hätte das auch schon genügt. Wenn er beim Verlassen des Friedhofs einfach nach rechts statt nach links abgebogen wäre, hätte er sich das alles wahrscheinlich erspart.
Aber nichts war in Ordnung; nichts hatte genügt; nichts blieb ihm erspart. Letztlich führte all das »wenn« und »deshalb« nirgendwohin. Das Schicksal hatte ihm an jenem Tag eine Falle gestellt. Und er tat ihm den Gefallen, arglos mitten hineinzutappen.
So fand ein Jahrzehnt, in dem es das Leben gut mit Harry Barnett gemeint hatte, ein jähes Ende, ohne dass er etwas davon ahnte. Hochzeit und Vaterschaft waren in diesen Jahren die Höhepunkte aller schönen Überraschungen gewesen. Er bedauerte allenfalls, dass er erst so spät dazu gefunden hatte, aber genau die Umstände, denen er zu guter Letzt Donna und ihre gemeinsame Tochter Daisy verdankte, hatten eben auch die Verspätung erzwungen. Andererseits war er nie einer von denen gewesen, die sich lange mit verpassten Gelegenheiten aufhielten. Die Gegenwart – und ihre gemeinsame Zukunft als Familie – gehörten ihm und wollten genossen werden.
Seine Zufriedenheit hatte auch der kürzliche Tod seiner Mutter nicht trüben können. Ein schneller und sanfter Abgang im Alter von dreiundneunzig Jahren war kein Anlass zu Kummer. Sie hatte ihren Lauf würdevoll beendet.
Mit dem Tod seiner Mutter waren auch Harrys Verbindungen zu seinem Geburtsort so gut wie abgestorben. Nach Swindon war er nur zurückgekehrt, um ihre Beerdigung zu organisieren und das Haus, in dem sie über siebzig Jahre lang gelebt hatte, zu räumen. Das Wohnungsamt wollte so bald wie möglich einen neuen Mieter hineinsetzen. Die Tatsache, dass die Falmouth Street Nummer 37 so viel von Harrys Vergangenheit barg, konnte es nicht aufhalten. Abgesehen davon lag das auch gar nicht in Harrys Interesse. Es war Zeit, weiterzuziehen.
Donna war an diesem Tag schon am Morgen nach Seattle zurückgeflogen, wo sie Daisy bei den Großeltern untergebracht hatten. Morgen würden Mutter und Tochter heim nach Vancouver fahren. Harry hatte vor, in ungefähr einer Woche wieder bei ihnen zu sein, sobald er die Kleider, Möbel und das Geschirr seiner Mutter entsorgt hatte. Er hätte sich eine schönere Aufgabe vorstellen können, aber sie musste erledigt werden. Abgesehen davon gab es niemanden, der sie ihm abnahm. Das war nun mal das Schicksal eines Einzelkindes.
Nachdem Harry sich am Heathrow Airport von Donna verabschiedet hatte und allein nach Swindon zurückgefahren war, überfiel ihn plötzlich Selbstmitleid. Er hatte keine Lust, die Schränke zu leeren und Müllbeutel vollzustopfen. So schlug er nach der Ankunft am Bahnhof nicht den Weg zum Haus seiner Mutter ein, sondern wanderte vorbei an der Mauer um die ehemalige Betriebsanlage der Great Western Railway zum Park und weiter zur Radnor Street, wo sich gegenüber seiner alten Grundschule, inzwischen zu einem Bürokomplex umgebaut, der Eingang zum Friedhof befand.
Zum ersten Mal, so weit Harry zurückdenken konnte, fehlte an dem vertrauten Ort nahe der höchsten Stelle des Friedhofs der Grabstein seines Vaters, Stanley Barnett, der bei einem Unfall im Lokomotivenfertigungswerk der Great Western Railway das Leben verloren hatte, als Harry drei Jahre alt gewesen war. Man hatte den Stein entfernt, um nun nach all den Jahren die Inschrift um Ivy Barnetts Namen zu erweitern. Harry blieb minutenlang vor dem mit Blumen übersäten Grabhügel stehen, in dem vor zwei Tagen der Sarg seiner Mutter auf den seines Vaters hinabgelassen worden war. Er sog die klare Frühlingsluft ein und blickte zum flachen Horizont. Schließlich wandte er sich ab und ging langsam davon.
Nachdem er den Friedhof am anderen Ende verlassen hatte, zog er kurz in Erwägung, einen Abstecher zum Beehive zu machen, seiner Stammkneipe in den lange zurückliegenden Jahren, als er schon ausgezogen war und sich als Mitinhaber von Barnchase Motors selbstständig gemacht hatte. Dann aber sagte er sich, dass ein Abgleiten in von Bier benebelte Nostalgie kein guter Beginn einer von Einsamkeit bestimmten, arbeitsreichen Woche sein würde. So steuerte er stattdessen lieber die Markthalle am Fuß des Friedhofshügels an, wo er zwei Lammkoteletts fürs Abendbrot kaufte, und kehrte in die Falmouth Street zurück.
Es war ein milder Aprilnachmittag, die Luft war erfüllt von fahlem Sonnenschein und Vogelgezwitscher. Selbst den Bürogebäuden in der Innenstadt von Swindon gelang es in dem milden Licht, wenn schon nicht schön, so doch wenigstens harmlos auszusehen. Das Eisenbahnviertel wirkte ruhig und friedlich, ein Zustand, den allein der Altersdurchschnitt seiner Bewohner mehr oder weniger garantierte. Tapfer kehrte Harry der verlockenden knallgelben Fassade des Glue Pot den Rücken – oder beschloss zumindest, erst die Lammkoteletts in den Kühlschrank zu legen, ehe er sich ein schnelles Bier gönnte –, dann überquerte er den Emlyn Square und bog in die Falmouth Street ein.
Er entdeckte die zwei Männer, bevor ihm klar wurde, dass sie ausgerechnet vor der Tür seiner Mutter standen. Sie waren etwa in seinem Alter, das er früher einmal mit in die Jahre gekommen beschrieben hätte, jetzt aber, da er es erreicht hatte, als verblüffend hoch bezeichnete. Einer der beiden Männer war klein und gedrungen und mit Trainingsanzug, Anorak und Baseballmütze bekleidet. Der andere, der deutlich schlanker, wenn auch kaum größer war, trug schäbige, altmodische Sachen: einen Regenmantel ohne Gürtel, zerknitterte Hosen, Schnürschuhe, die dringend poliert gehörten. Er hatte strubbeliges, volles weißes Haar, ein kantiges Gesicht mit markanter Hakennase und einen ausgesprochen krummen Rücken. Im Gegensatz zu ihm schien sich sein Gefährte in seiner Haut wohlzufühlen; die Hände lässig in die Anoraktaschen gesteckt, starrte er Kaugummi kauend zur Nummer 37 hinüber, während das Sonnenlicht im Rhythmus der Bewegungen seines gut gepolsterten Unterkiefers auf seiner Brille aufblitzte. Ein träges Zucken seiner Schultern legte den Schluss nahe, dass sie sich wohl gerade beiläufig über etwas unterhielten. Neben ihnen standen ein abgewetzter Lederkoffer und eine durchaus elegante Reisetasche neueren Datums auf dem Bürgersteig. Harry kannte die Männer nicht und hatte keine Ahnung, was sie hier wollten. Was immer es jedoch sein mochte, er war sich sicher, dass sie nicht seinetwegen gekommen waren.
Dann bemerkte ihn der dünnere Mann und berührte den anderen am Arm. Sie wechselten ein Wort, wandten sich um und blickten Harry an. Erst jetzt blieb er stehen. Und mit ihm erstarrte alles andere, selbst das Kaugummikauen.
»Ossie?«, fragte der Dicke nach einem Moment völliger Stille und Reglosigkeit. »Das bist du doch, oder?«
Seit den Tagen des Wehrdienstes beim National Service, die er vor fünfzig Jahren hinter sich gebracht und fast genauso lange völlig vergessen hatte, hatte ihn niemand mehr Ossie genannt. Während sein Gehirn einen nicht allzu schnellen Trupp auf die Suche nach Erinnerungen losschickte, mit denen sich diese unvermutete Wendung vielleicht erklären ließe, öffnete er den Mund, um etwas zu sagen – aber ihm fiel nichts ein.
»Wir sind’s, Jabber und Crooked.«
Diese Worte schlangen sich wie ein Lasso um Harrys herumirrende Gedanken und bändigten sie. Jabber und Crooked, die Spitznamen zweier seiner Kameraden während der eigenartigsten und denkwürdigsten Episode seiner Zeit in Uniform. Mervyn Lloyd, den sie wegen seiner Geschwätzigkeit Jabber – Plappermaul – genannt hatten, und Peter Askew, dem sie die Bezeichnung Crooked – krummer Hund – verpasst hatten, konnten beide als lehrreiche Beispiele für den Humor bei der Armee gelten. Was Harry betraf, bezog sich »Ossie« auf seinen zweiten Vornamen, Mosley, den ihm sein Vater zu seinem lebenslänglichen Verdruss angehängt hatte, um Oswald Mosley zu ehren.
»Erkennst du uns nicht?«

Auszug aus Die Schatten von Aberdeen. von Robert Goddard , Peter Pfaffinger. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Wenn er mit Donna zurückgeflogen wäre, wäre das vollkommen in Ordnung gewesen. Wenn ihre Maschine nur ein, zwei Stunden Verspätung gehabt hätte, dann hätte das auch schon genügt. Wenn er beim Verlassen des Friedhofs einfach nach rechts statt nach links abgebogen wäre, hätte er sich das alles wahrscheinlich erspart. Aber nichts war in Ordnung; nichts hatte genügt; nichts blieb ihm erspart. Letztlich führte all das »wenn« und »deshalb« nirgendwohin. Das Schicksal hatte ihm an jenem Tag eine Falle gestellt. Und er tat ihm den Gefallen, arglos mitten hineinzutappen. So fand ein Jahrzehnt, in dem es das Leben gut mit Harry Barnett gemeint hatte, ein jähes Ende, ohne dass er etwas davon ahnte. Hochzeit und Vaterschaft waren in diesen Jahren die Höhepunkte aller schönen Überraschungen gewesen. Er bedauerte allenfalls, dass er erst so spät dazu gefunden hatte, aber genau die Umstände, denen er zu guter Letzt Donna und ihre gemeinsame Tochter Daisy verdankte, hatten eben auch die Verspätung erzwungen. Andererseits war er nie einer von denen gewesen, die sich lange mit verpassten Gelegenheiten aufhielten. Die Gegenwart - und ihre gemeinsame Zukunft als Familie - gehörten ihm und wollten genossen werden. Seine Zufriedenheit hatte auch der kürzliche Tod seiner Mutter nicht trüben können. Ein schneller und sanfter Abgang im Alter von dreiundneunzig Jahren war kein Anlass zu Kummer. Sie hatte ihren Lauf würdevoll beendet. Mit dem Tod seiner Mutter waren auch Harrys Verbindungen zu seinem Geburtsort so gut wie abgestorben. Nach Swindon war er nur zurückgekehrt, um ihre Beerdigung zu organisieren und das Haus, in dem sie über siebzig Jahre lang gelebt hatte, zu räumen. Das Wohnungsamt wollte so bald wie möglich einen neuen Mieter hineinsetzen. Die Tatsache, dass die Falmouth Street Nummer 37 so viel von Harrys Vergangenheit barg, konnte es nicht aufhalten. Abgesehen davon lag das auch gar nicht in Harrys Interesse. Es war Zeit, weiterzuziehen. Donna war an diesem Tag schon am Morgen nach Seattle zurückgeflogen, wo sie Daisy bei den Großeltern untergebracht hatten. Morgen würden Mutter und Tochter heim nach Vancouver fahren. Harry hatte vor, in ungefähr einer Woche wieder bei ihnen zu sein, sobald er die Kleider, Möbel und das Geschirr seiner Mutter entsorgt hatte. Er hätte sich eine schönere Aufgabe vorstellen können, aber sie musste erledigt werden. Abgesehen davon gab es niemanden, der sie ihm abnahm. Das war nun mal das Schicksal eines Einzelkindes. Nachdem Harry sich am Heathrow Airport von Donna verabschiedet hatte und allein nach Swindon zurückgefahren war, überfiel ihn plötzlich Selbstmitleid. Er hatte keine Lust, die Schränke zu leeren und Müllbeutel vollzustopfen. So schlug er nach der Ankunft am Bahnhof nicht den Weg zum Haus seiner Mutter ein, sondern wanderte vorbei an der Mauer um die ehemalige Betriebsanlage der Great Western Railway zum Park und weiter zur Radnor Street, wo sich gegenüber seiner alten Grundschule, inzwischen zu einem Bürokomplex umgebaut, der Eingang zum Friedhof befand. Zum ersten Mal, so weit Harry zurückdenken konnte, fehlte an dem vertrauten Ort nahe der höchsten Stelle des Friedhofs der Grabstein seines Vaters, Stanley Barnett, der bei einem Unfall im Lokomotivenfertigungswerk der Great Western Railway das Leben verloren hatte, als Harry drei Jahre alt gewesen war. Man hatte den Stein entfernt, um nun nach all den Jahren die Inschrift um Ivy Barnetts Namen zu erweitern. Harry blieb minutenlang vor dem mit Blumen übersäten Grabhügel stehen, in dem vor zwei Tagen der Sarg seiner Mutter auf den seines Vaters hinabgelassen worden war. Er sog die klare Frühlingsluft ein und blickte zum flachen Horizont. Schließlich wandte er sich ab und ging langsam davon. Nachdem er den Friedhof am anderen Ende verlassen hatte, zog er kurz in Erwägung, einen Abstecher zum Beehive zu machen, seiner Stammkneipe in den lange zurückliegenden Jahren, als er schon ausgezogen war und sich als Mitinhaber von Barnchase Motors selbstständig gemacht hatte. Dann aber sagte er sich, dass ein Abgleiten in von Bier benebelte Nostalgie kein guter Beginn einer von Einsamkeit bestimmten, arbeitsreichen Woche sein würde. So steuerte er stattdessen lieber die Markthalle am Fuß des Friedhofshügels an, wo er zwei Lammkoteletts fürs Abendbrot kaufte, und kehrte in die Falmouth Street zurück. Es war ein milder Aprilnachmittag, die Luft war erfüllt von fahlem Sonnenschein und Vogelgezwitscher. Selbst den Bürogebäuden in der Innenstadt von Swindon gelang es in dem milden Licht, wenn schon nicht schön, so doch wenigstens harmlos auszusehen. Das Eisenbahnviertel wirkte ruhig und friedlich, ein Zustand, den allein der Altersdurchschnitt seiner Bewohner mehr oder weniger garantierte. Tapfer kehrte Harry der verlockenden knallgelben Fassade des Glue Pot den Rücken - oder beschloss zumindest, erst die Lammkoteletts in den Kühlschrank zu legen, ehe er sich ein schnelles Bier gönnte -, dann überquerte er den Emlyn Square und bog in die Falmouth Street ein. Er entdeckte die zwei Männer, bevor ihm klar wurde, dass sie ausgerechnet vor der Tür seiner Mutter standen. Sie waren etwa in seinem Alter, das er früher einmal mit in die Jahre gekommen beschrieben hätte, jetzt aber, da er es erreicht hatte, als verblüffend hoch bezeichnete. Einer der beiden Männer war klein und gedrungen und mit Trainingsanzug, Anorak und Baseballmütze bekleidet. Der andere, der deutlich schlanker, wenn auch kaum größer war, trug schäbige, altmodische Sachen: einen Regenmantel ohne Gürtel, zerknitterte Hosen, Schnürschuhe, die dringend poliert gehörten. Er hatte strubbeliges, volles weißes Haar, ein kantiges Gesicht mit markanter Hakennase und einen ausgesprochen krummen Rücken. Im Gegensatz zu ihm schien sich sein Gefährte in seiner Haut wohlzufühlen; die Hände lässig in die Anoraktaschen gesteckt, starrte er Kaugummi kauend zur Nummer 37 hinüber, während das Sonnenlicht im Rhythmus der Bewegungen seines gut gepolsterten Unterkiefers auf seiner Brille aufblitzte. Ein träges Zucken seiner Schultern legte den Schluss nahe, dass sie sich wohl gerade beiläufig über etwas unterhielten. Neben ihnen standen ein abgewetzter Lederkoffer und eine durchaus elegante Reisetasche neueren Datums auf dem Bürgersteig. Harry kannte die Männer nicht und hatte keine Ahnung, was sie hier wollten. Was immer es jedoch sein mochte, er war sich sicher, dass sie nicht seinetwegen gekommen waren. Dann bemerkte ihn der dünnere Mann und berührte den anderen am Arm. Sie wechselten ein Wort, wandten sich um und blickten Harry an. Erst jetzt blieb er stehen. Und mit ihm erstarrte alles andere, selbst das Kaugummikauen. »Ossie?«, fragte der Dicke nach einem Moment völliger Stille und Reglosigkeit. »Das bist du doch, oder?« Seit den Tagen des Wehrdienstes beim National Service, die er vor fünfzig Jahren hinter sich gebracht und fast genauso lange völlig vergessen hatte, hatte ihn niemand mehr Ossie genannt. Während sein Gehirn einen nicht allzu schnellen Trupp auf die Suche nach Erinnerungen losschickte, mit denen sich diese unvermutete Wendung vielleicht erklären ließe, öffnete er den Mund, um etwas zu sagen - aber ihm fiel nichts ein. »Wir sind's, Jabber und Crooked.« Diese Worte schlangen sich wie ein Lasso um Harrys herumirrende Gedanken und bändigten sie. Jabber und Crooked, die Spitznamen zweier seiner Kameraden während der eigenartigsten und denkwürdigsten Episode seiner Zeit in Uniform. Mervyn Lloyd, den sie wegen seiner Geschwätzigkeit Jabber - Plappermaul - genannt hatten, und Peter Askew, dem sie die Bezeichnung Crooked - krummer Hund - verpasst hatten, konnten beide als lehrreiche Beispiele für den Humor bei der Armee gelten. Was Harry betraf, bezog sich »Ossie« auf seinen zweiten Vornamen, Mosley, den ihm sein Vater zu seinem lebenslänglichen Verdruss angehängt hatte, um Oswald Mosley zu ehren. »Erkennst du uns nicht?« Eigentlich hätte die korrekte Antwort »gerade so eben« lauten müssen. Die Zeit war nicht gerade rücksichtsvoll mit den beiden umgesprungen. Lloyds walisischer Zungenschlag hatte überlebt, seine drahtige Figur nicht. Hätte er geleugnet, Mervyn Lloyd zu sein, Harry hätte ihm nicht widersprochen. Askew wiederum war von den Jahren gebleicht und gebeugt worden wie eine Topfpflanze, die man zu viele Winter im Freien hat stehen lassen. »Himmeldonnerwetter«, brachte Harry schließlich hervor, »ihr seid's wirklich.« »Schön, dich zu sehen, Harry«, sagte Askew, der nie zu den glühendsten Anhängern von Spitznamen gehört hatte, was vielleicht auch daran lag, dass er seinen eigenen verabscheut hatte. »Äh ... es ist toll, euch zu sehen.« Harry schüttelte beiden die Hand. »Aber ...« »Du wirkst irgendwie überrascht«, sagte Lloyd. »Das bin ich auch.« »Hast du Dangers Brief denn nicht gekriegt?« Worauf das hier auch immer hinauslief, offensichtlich steckte auch Johnny Dangerfield mit drin. Es musste eine Art Treffen zur Feier des fünfzigsten Jahrestags ihrer Entlassung sein. Eine andere Erklärung konnte sich Harry einfach nicht vorstellen, obwohl er das Jubiläum völlig unbeachtet hätte verstreichen lassen, wenn es nach ihm gegangen wäre. »Ich habe keinen Brief gekriegt«, sagte er mit einem verwirrten Stirnrunzeln. »Das kann nicht sein. Das hier ist die Adresse, die Danger uns gegeben hat.« »Ich lebe hier schon seit Jahren nicht mehr. Seit Jahrzehnten, genauer gesagt. Das ist das Haus meiner Mutter. Sie ist kürzlich gestorben. Ich bin nur gekommen, um den Haushalt aufzulösen.« »Dann haben wir ja Schwein gehabt, was meinst du, Crooked?« Lloyd grinste. »Weißt du, Ossie, Danger hatte uns gebeten, auf gut Glück vorbeizuschauen, weil es für uns mehr oder weniger auf dem Weg liegt.« »Das mit deiner Mutter tut mir leid, Harry«, murmelte Askew. »Danke, Peter.« »Wo lebst du denn jetzt?«, wollte Lloyd wissen. »Kanada.« »Manche haben's echt gut erwischt. Wie hat es dich dorthin verschlagen?« »Das ist eine lange Geschichte.« »Glaub ich gern. Wann fliegst du zurück?« »In einer Woche ungefähr.« »Wunderbar. Hast du Lust, ein paar Tage nördlich der Grenze zu verbringen?« »Grenze?« »In Schottland, Ossie. Johnny hat für das kommende Wochenende ein Treffen von uns allen im Kilveen Castle auf die Beine gestellt.« »Soll das ein Witz sein?« »Nein. Der ganze alte Trupp. Na ja, diejenigen, die noch unter den Lebenden weilen und die er aufspüren konnte. Bei dir hatten wir fast schon aufgegeben.« »Meine Mutter muss vergessen haben, den Brief weiterzuleiten«, sagte Harry. »Oder er ist irgendwo verloren gegangen.« »Na gut, man weiß ja, was aus der Post geworden ist. Aber reg dich nicht auf.« Lloyd klopfte Harry auf die Schulter. »Jetzt haben wir dich ja gefunden.«

Der Weg, der den jungen Harry Barnett im März 1955 zur Burg Kilveen Castle führen sollte, hatte schon zwei Jahre zuvor im Arbeitsamt von Swindon begonnen, als Harry bei einer flüchtigen Gesundheitsuntersuchung für wehrdiensttauglich befunden und ihm nahegelegt worden war, sich zur Royal Air Force zu melden, die gemeinhin im Vergleich zur Landarmee und zur Navy als weniger hart galt. Den Ausschlag gaben schließlich ein halbes Dutzend Schnupperwochenenden bei der Luftwaffenreserve in Wroughton und ein Gutschein für eine Zugfahrt dritter Klasse zum RAF-Standort in Padgate, der sechs Wochen später im Briefkasten des Hauses in der Falmouth Street Nummer 37 landete. Nach der traumatischen Grundausbildung wurde er nach Stafford abkommandiert, wo seine unterbrochene Berufslaufbahn als Angestellter in der Registratur des Landratsamtes von Swindon als hinreichende Grundlage für die Arbeit im Magazin erachtet wurde. Gewagte Himmelsflüge sollte es für den Gefreiten Barnett trotz all seiner Kindheitsfantasien von tollkühnen Taten in der Manier der Helden beim Luftkampf um Großbritannien nicht geben. Seine Einheit war fest am Boden verankert. Es war in den Tiefen der Katakomben des Zeugamts, wo Harry seinen künftigen Geschäftspartner Barry Chipchase bei der Bestandsaufnahme der Ausrüstung von nach dem Krieg aufgelösten Truppen kennenlernte. Obwohl er ungefähr in Harrys Alter war, hatte Barry irgendwo eine vorzeitige Reife erworben, die sich unter anderem in einem unfehlbaren Instinkt für die große Chance zeigte. Der Tag, an dem Barnchase Motors wegen seiner Mauscheleien Pleite machte und Harry seinen Freund endgültig durchschaute, lag zu dem Zeitpunkt noch zwanzig Jahre in der Zukunft. Fürs Erste war Harry froh, sich von Chipchase in allem anleiten zu lassen, was das Streben nach weiblicher Gesellschaft und schnellem Geld betraf. Was eine entsetzlich öde Dienstzeit in den Midlands hätte sein können, wurde so unter Chipchase' Fittichen eine Ausbildung in den Finessen einer raffinierteren Lebensart. Am Anfang finanzierte Chipchase seine Unternehmungen mit redlichem Schwarzhandel, doch das Ende der Rationierung zwang ihn, sich auf andere Methoden des Gewinnerwerbs zu besinnen. 1954 war der Tausendsassa der Alleinherrscher über den Handel in der Garnison, an dem keiner vorbeikam, egal, ob es um Wochenendpässe oder bequeme Arbeit ging, und der jenseits des Tores so ziemlich alles verscherbelte, was nicht niet- und nagelfest war. Am Anfang ihrer Unternehmungen war Harry sein getreuer Helfer und an ihrem Ende sein zuverlässiger Partner. Dieses Ende kam Anfang 1955, als Chipchase wenige Monate vor Ablauf ihrer Dienstzeit den Bogen überspannte. Treibstoff vom Panzer der Garnison abzuzapfen, um ihn an Farmer aus der Umgebung zu verkaufen, und nicht mehr benötigte Möbel aus der Offiziersmesse rauszuschmuggeln und in den Pubs von Stafford loszuschlagen genügte ihm nicht mehr. Er wollte höher hinaus - und eine große Nummer werden. Im Lager ruhten die Silbervorräte mehrerer Geschwader, die nicht so bald neu aufgestellt werden würden, solange nicht gerade ein Dritter Weltkrieg ausbrach. Ein Großteil des Silbers würde nach Chipchase' Einschätzung nie vermisst werden und darum eine viel segensreichere Verwendung finden, wenn sich damit eine von ihm sogenannte »Ausmusterungskasse« ausschließlich für seine und Harrys Zwecke einrichten ließe - ein Notgroschen für eine lässige und flotte Zukunft als Zivilisten. Der Plan scheiterte - wie so oft bei solchen Vorhaben - am schieren Pech. Als der Kommandant der Garnison, Air Chief Marshal Bradshaw, in einem Birminghamer Laden ein Silbertablett mit den Insignien eines Geschwaders entdeckte, das er einmal befehligt hatte, leitete er eine Untersuchung ein, die die Militärpolizei auf langen, verzweigten Wegen nach Stafford zur Tür der Baracke der Gefreiten Barnett und Chipchase führte. Ihr Spiel war aufgeflogen. Vergeblich beteuerte Chipchase vor Harry, dass er sich bei seinem Geschäft mit einem gewissen namenlosen Individuum fest darauf verlassen hätte, dass die Stücke eingeschmolzen und nicht so, wie sie waren, verkauft würden. Harry fand, Chipchase hätte doch klar sein müssen, dass er sich auf Leute einließ, denen man einfach nicht trauen konnte. Nun, in den Wochen, die sie bis zum Zusammentreten des Kriegsgerichts in Arrestzellen verbrachten, bekam Harry ausreichend Gelegenheit, sich zu diesem Punkt zu äußern. Ihre Aussichten waren düster, wie ihnen der als ihr Verteidiger benannte Fliegerhauptmann erklärte. Für ein derart ungeheuerliches Vergehen sowohl gegen das Eigentum als auch gegen die Ehre der Air Force sei mit einer Haftstrafe von sechs Monaten - wenn nicht noch mehr - zu rechnen. Zudem würde ihr Dienst um dieselbe Zeit verlängert. Und mit einer Vorstrafe wegen Diebstahls belastet, würde Harry bei seiner Rückkehr nach Swindon feststellen, dass dort keine Arbeit auf ihn wartete. Plötzlich sah die Zukunft alles andere als rosig aus. Auch Chipchase konnte ihn keineswegs damit aufmuntern, wenn er stur darauf beharrte, dass ihm beizeiten irgendwas einfallen würde, um sie rauszupauken. Dann - mirabile dictu - kam die Rettung tatsächlich noch. Chipchase versuchte, das Verdienst dafür sich selbst zuzuschreiben, während Harry eher dazu neigte, seinem Schutzengel zu danken. Kurz vor Zusammentreten des Kriegsgerichts befahl sie der Kommandant, Group Captain Wyatt, unter strenger Bewachung in sein Büro und bot ihnen zu Harrys ungläubigem Staunen einen Ausweg an. Für ein spezielles Projekt, das auf drei Monate angelegt war, wurden Freiwillige gesucht. Weitere Details waren Wyatt nicht zu entlocken - bis auf die trockene Zusicherung, dass nicht vorgesehen sei, sie mit dem Fallschirm über Russland abspringen zu lassen. Wenn sie sich also dazu verpflichteten, während der gesamten Zeit zu tun, was man von ihnen verlangte, ohne Fragen zu stellen, und dabei eine reine Weste behielten, würde die Anklage fallen gelassen. Anderenfalls ... Eine Weigerung stand für sie so gut wie außer Frage. Das musste Wyatt bereits einkalkuliert haben, denn er hatte ihre Seesäcke schon packen lassen. Er wollte sie loswerden. Und sie waren nur allzu froh, so davonzukommen. Später sollte Chipchase Spekulationen darüber anstellen, dass es pensionierten hohen Tieren bei der Luftwaffe sauer aufstoßen würde, wenn sie erfuhren, wie schlecht bei ihrem alten Geschwader das Tafelsilber gehütet wurde. Ein Kriegsgericht hätte wohl ein höchst unerwünschtes öffentliches Echo ausgelöst. Vermutlich war also von höchster Stelle die Parole ausgegeben worden, dass das um jeden Preis verhindert werden musste. Kurz, er und Harry hätten ein besseres Angebot herausschlagen sollen. Andererseits war das vorliegende schon ziemlich gut. Achtundvierzig Stunden später trafen sie auf Kilveen Castle ein, einem Außenposten der Royal Air Force in der Nähe von Aberdeen, wo sie die anderen Freiwilligen für besondere Aufgaben unbekannter Natur kennenlernten. Sie waren insgesamt fünfzehn Männer gewesen, von denen fünfzig Jahre später drei gemütlich bei Tee in der Küche des Hauses Falmouth Street Nummer 37 zusammensaßen. In Peter Askews Fall war »gemütlich« natürlich ein relativer Begriff. Sein Gefühl sagte Harry, dass Peter wohl zu den Menschen gehörte, die die Kunst zu leben nie richtig beherrschten; wirklich schade, wenn er bedachte, wie viel unwiederbringlich an ihm vorbeigegangen war. Für Mervyn Lloyd dagegen schienen Hemmungen ein Fremdwort zu sein. Genauso wie Schweigen. Gerade jetzt im Moment machte er seinem Spitznamen alle Ehre, da er Harry eine Zusammenfassung von Johnny Dangerfields Brief gab, der ihn nicht erreicht hatte.

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