Da ich eigentlich eher ein Freund der klassischen englischen Detektive bin, wobei ich auch einen peniblen Belgier nicht vergessen will, bringt mich meine momentane Hörbuchodyssee immer wieder in neue Gefilde. Mit "Die Schatten und der Regen" von Hakan Nesser habe ich nun also meinen ersten Schwedenkrimi absolviert und kann sagen, daß ich die Popularität dieser Krimis gut nachzuvollziehen vermag, wenn sie alle das Niveau dieses Romans haben.
Nesser erzählt die Geschichte der jungen und sensiblen Halbwaisen Victor Vinblad, deren Vater in einem Anfall von Eifersucht seine Mutter getötet und dann Selbstmord begangen hat. Nach einem Unfall in der Schule kann der junge Victor, der inzwischen bei einer Pflegefamilie untergekommen ist, nicht mehr sprechen und zieht einige Jahre später in eine Wohngemeinschaft ein, die ebenfalls aus gesellschaftlichen Außenseitern - um sich deren Lage besser vergegenwärtigen zu können, sollte man berücksichtigen, daß der Schauplatz der Handlung eine schwedische Kleinstadt ist - besteht. Eines Sommertages nun wird Victors Freundin Sarah getötet, und noch am selben Tag ist Viktor spurlos verschwunden. Für die Leute in der Stadt und die örtliche Polizei ist somit klar, daß der junge Sonderling der Mörder ist.
Die eigentliche Geschichte beginnt nun damit, daß David Mörtblad, Victors Pflegebruder, nach mehr als zwanzig Jahren zurück in seine Heimatstadt kommt, nachdem er einen Anruf von seiner Schwester Maria erhalten hat, die sich sicher ist, den verschollenen Victor wieder gesehen zu haben. David ist entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen.
Mit "Die Schatten und der Regen" hat Nesser weitaus mehr als nur einen Krimi, vielmehr eine Alltagstragödie, geschrieben: Die Story lädt uns ein, aus der Retrospektive die unterschiedlichen Lebenswege Victors, Davids und Marias zu betrachten und auch nachzudenken über die Familie der Mörtblads, in der - so läßt uns Victors Beobachtung, daß dort eigentlich kein Familienmitglied jemals ein anderes berührte - so wenig Liebe herrschte. David, der Erzähler des ersten Teils, ist ein ziellos umherdriftender Mann, unfähig, Fuß zu fassen und Verantwortung zu übernehmen, und ganz am Ende der Geschichte wird ihm die Leere seines Lebens auch vollauf bewußt. Maria hat zwar geheiratet, doch so sehr sie sich diese auch wünschte, Kinder sind ihr mit ihrem phlegmatischen Mann Rune versagt geblieben. Auch hier wird erst ganz am Ende deutlich, warum Maria in dieser auf so vielfältige Weise sterilen Beziehung verharrt. Im nachhinein erscheint noch das Leben Victors, des Außenseiters und Einzelgängers, am erfolgreichsten, doch kann ich hier nicht näher ins Detail gehen, ohne zu viel zu verraten.
Nesser erzählt seine Geschichte aus drei verschiedenen Blickwinkeln, wobei er durch einen steten Wechsel der Zeitebenen ein narratives Puzzlespiel in die Luft wirft. Dabei wird sehr früh deutlich, welch großes literarisches Erzähltalent der Verfasser besitzt, wenn er etwa schildert, wie Victor mitten während einer Unterrichtsstunde aus dem Fenster stürzt. Seine Figuren, obwohl immer aus einer gewissen Distanz gezeichnet und manchmal nur durch Erinnerungsfetzen der Erzähler zum Leben erweckt, wirken dabei lebendig und psychologisch glaubwürdig, und schnell entsteht der Mikrokosmos der Kleinstadt mit seiner Aura aus Bigotterie, Heimlichkeiten und ungesühnten Schandtaten. Der Autor weicht jedoch niemals ins Satirische aus, sondern bleibt stets ernst und realistisch, auch wenn man sich als Leser an manchen Stellen bei einem Lächeln ertappt.
Das diamantene Innere dieses Romans ist eine Parabel über einen Reisenden, der durch eine Wüste reist und anhand der abgestorbenen schwarzen Bäume erkennt, daß er sich im Kreise bewegt. Er bemerkt, daß die Bäume Buchstaben einer fremden Schrift sind und arbeitet sich, Woche um Woche, näher an die versteckte Botschaft heran.
Mich hat Nessers Erzählung schnell in ihren Bann gezogen, was unter anderem auch an der sympathischen Lesestimme Diemar Bärs lag, der den nüchternen Text irgendwie sehr lakonisch liest. Obwohl es sich bei der CD um eine gekürzte Lesefassung handelt - die Lesung dauert ungefähr 410 Minuten -, kann ich die CD dennoch sehr empfehlen.