Klaus Modick Die Schatten der Ideen Eichborn
ISBN-10: 3821858273
Wenn man nach dreißig Jahren den Anruf eines ehemaligen Mitstudenten aus gemeinsamen Universitätsjahren bekommt, kann das schon eine Überraschung sein. Moritz Carlson hört die Stimme von Johannes Schöffe aus weiter Ferne, als dieser sich 2003 aus Amerika bei ihm meldet. Er lädt ihn zu einer Gastprofessur an das College von Centerville in Vermont ein. Moritz hat nichts zu verlieren und nimmt die Einladung gerne an. Er ist Schriftsteller und leidet gerade in letzter Zeit an einer Schreibblockade. Finanziell geht es ihm auch nicht so gut, denn die Scheidung von seiner Frau hat seine letzten Reserven aufgebraucht.
Seine abenteuerliche Reise führt ihn nach Amerika. Das Land mit seinen Einreisebestimmungen und das Collegeleben in Centerville in Vermont, in das man sich erst einfinden muss, beschreibt Modick so echt und realistisch, dass man sich fast selbst wie ein Einreisender fühlen könnte. Carlson wird im Gästehaus der Universität einquartiert, bekommt ein Auto zur Verfügung gestellt, lernt die Kollegen und Studenten kennen und genießt die grüne, bergige Landschaft Vermonts mit den Flüssen, Seen und Wiesen. Das amerikanische Leben gefällt Carlson sehr! Nur der Irakkrieg wühlt die Gemüter auf und beeinträchtigt das gemütliche Leben. Dann stößt Carlson im Keller seines Gästehauses überraschend auf einen Fund von Aufzeichnungen und Akten, die ihn neugierig machen und seine Aufmerksamkeit bannen. Sie stammen von Julius Steinberg, einem jüdischen Immigranten aus Deutschland, der offensichtlich hier auch einst eine Professur hatte. Steinberg ist dem Holocaust entkommen und konnte unter dramatischen Bedingungen in Amerika ein neues Leben beginnen. Was ihm widerfahren ist, das wird in der Folge zu einer brennend faszinierenden Kriminalgeschichte.
Nicht nur Steinbergs Geschichte fesselt den Leser: es sind die amerikanischen Verhältnisse, die uns bewegen. Das freie Leben und der Aufstieg aus der Armseligkeit zeigt die eine Seite dieses freien Landes. Die andere beleuchtet die Einschränkungen, die mit der Truman- Doktrin 1947 Einzug in das amerikanische Staatswesen hielten. Was früher als liberal galt, das wurde jetzt sehr schnell als linke Gesinnung gebrandmarkt, und mit der Liberalität hatte es bald ein Ende.
Durch zwei Erzählstränge sieht man zuerst die Jahre von 1937 bis in die frühen fünfziger Jahre heraufziehen. Damals spielte die Mafia eine gewichtige Rolle, die sich mit Gewerkschaften und Kommunisten regelrechte Buschkriege lieferte. Sie mündeten in die McCarthy Ära, einer Treibjagd gegen unamerikanische Umtriebe im Zusammenhang mit dem kalten Krieg. Auf unglückselige Weise geriet auch Steinberg nach erfolgreichen Jahren in die Mühlen der Verfolgung. 2003, nach dem Irakkrieg, bahnte sich eine vergleichbare Entwicklung an. Liberalität und Nationalismus bewegen die Massen und wiegeln Freund gegen Feind auf.
Das Buch nimmt einen hohen politischen Rang ein, ist gesellschaftskritisch und gibt Auskunft über das Land der Demokratie und Freiheit, das sehr unterschiedliche Gesichter offenbart. Deutschland und der Nationalsozialismus, Verfolgung, Krieg, Judentum und das Amerika von gestern und heute bieten eine breite Palette an Anschauungsmaterial.
Der Roman ist lesenswert, gut recherchiert und vermittelt ein Stück amerikanischer Gesellschaftsgeschichte des letzten halben Jahrhunderts, das von hohem Unterhaltungswert ist und zuletzt in einen aufregenden Thriller mündet.