Eigentlich handelt dieses Buch von drei Lebensgeschichten:
Moritz Carlsen, Schriftsteller in der heutigen Welt.
Julius Steinberg, der das Dritte Reich wegen seiner jüdischen Herkunft verlassen muss.
Giordano Bruno, 1548-1600, ein italienischer Mönch, der aufgrund seiner Thesen und Ideen von der Inquisition auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird. Von einem seiner Werke ("De umbris idearum" = Der Schatten der Ideen) stammt der Titel des vorliegenden Werkes.
Moritz Carlsen, Schriftsteller und Übersetzer, leidet unter einer Schreibblockade. Zudem war seine Scheidung ein "teures Missvergnügen". So kommt die Einladung von einem ehemaligen Studienfreund namens John Shoffe genannt Hocki im richtigen Moment: neun Monate Lehrtätigkeit als Writer in Residence an einem amerikanischen College in Vermont, ausreichende Bezahlung und hoffentlich Ideen für ein neues Buch. Moritz ist ein gesetzestreuer Bürger, eine versehentliche Schwarzfahrt in der U-Bahn versucht ihm Bauchschmerzen, erst als er den richtigen Park-Aufkleber für sein amerikanisches Fahrzeug hat ist er beruhigt. Nein, Moritz ist sicher kein Unruhestifter. Die ersten Seiten handeln von der Bürokratie, die es zu bewältigen gilt, um ein Visum für die Vereinigten Staaten zu erhalten, sowie von der Eingewöhnung am College. Manches ist zwar trocken, aber durchaus amüsant beschrieben, mehr als einmal musste ich schmunzeln.
Von Hocki erfährt Moritz wie man sich am einfachsten am College durchs Leben schlägt. Vor allem gilt es bloß keine politischen Meinungsäußerungen von sich zu geben. Außerdem ist insbesondere bei einem emeritierten Professor namens Lavalle Vorsicht angebracht. Moritz soll einen Übersetzerkurs sowie kreatives Schreiben unterrichten. Für den Übersetzerkurs will er verschiedene Übersetzungen von Melvilles Moby Dick untersuchen lassen. Es stellt sich aber die Frage ob dies praktikabel ist, da der Rachezug des Kapitän Ahab gegen Moby Dick Assoziationen mit dem Krieg gegen den Terror wecken könnte ... und politische Anspielungen sollen laut Hocki ja besser unterlassen werden. Während Moritz über den Semesterplan grübelt, fällt der Strom während eines Gewitters aus. Moritz begibt sich - nur mit einem Feuerzeug ausgestattet - im Dunkeln in den Keller, um den Sicherungskasten zu suchen. Dabei stürzt er gegen ein Regal. Dahinter entdeckt er am folgenden Tag eine Abstellkammer, die nicht nur Wein - Jahrgang 1948 - enthält, sondern auch ein Manuskript und Unterlagen von Julius Steinberg.
Steinberg, eigentlich Historiker, musste in den USA nach seiner Flucht aus Nazideutschland unter anderem als Taxifahrer, Barmann und Holzfäller arbeiten bevor er durch einen glücklichen Zufall begünstigt eine Stellung an eben diesem College, an dem jetzt auch Moritz arbeitet, erhält. Es ist insbesondere seine Tätigkeit in einer Bar, die einem Gewerkschaftsfunktionär gehört, welche ihn später in Schwierigkeiten bringen wird. Noch mehr aber fällt er auf, als er während der McCarthy-Ära ein Seminar über Giordano Bruno von einem verstorbenen Vorgesetzten übernimmt. Insbesondere seine unabsichtlichen Ausführungen über dessen Gedächtnismaschine fallen einem regimetreuen Kollegen namens Harding auf. Steinberg wird vor den Ausschuss für unamerikanische Tätigkeiten geladen und in der Folge zu einem Gefängnisaufenthalt verurteilt. Übrigens erfährt der Leser anhand von Steinbergs Leben in Vermont auch das Eine oder Andere von Zuckmayers Aufenthalt in den Grünen Bergen; die beiden Männer standen in Kontakt.
Moritz Carlsen beginnt - inspiriert durch Steinbergs Aufzeichnungen - mit eigenen Recherchen. Aber es finden sich keine Bücher von Steinberg in der Bibliothek, der Name scheint komplett unbekannt zu sein. Carlsen fragt eine ehemalige Sekretärin aus und fliegt nach Newark, um Harding zu besuchen. Jener - aufgerüttelt von den Fragen Carlsens - setzt eine Maschinerie in Gang, denn niemand soll von Steinbergs Schicksal erfahren. Und mehr soll hier nicht verraten werden.
Dieses Buch beginnt recht herkömmlich, entwickelt sich dann zum Geschichtskrimi und wird zuletzt ein Thriller. Die Spannung steigert sich bis zum Ende hin. Die einzelnen Lebensgeschichten sind raffiniert verschachtelt, wobei der Faden aber nie verloren geht, was durchaus für Modicks Erzähltalent spricht. Alles in allem nicht nur spannend, sondern auch sehr lehrreich und informativ. Zusätzlich zu den bereits beschriebenen Inhalten erfährt der Leser anhand des Seminarunterrichtes am College viel über die Methodik des Übersetzen, wie ein Inhalt in einer Übersetzung auf unterschiedliche Art und Weise gestaltet werden kann, sowie über kreatives Schreiben.