Minette Walters kann schreiben - man muss sich nicht erst hineinlesen, das Vergnügen beginnt mit der ersten Seite.
Ihre psychologischen Szenarien - wie man liest, aus realen Fällen adoptiert - erweisen sich oft als extrem, manchmal schwer fassbar, aber real geschildert, mit gut profilierten Personen und glaubwürdigen Entwicklungen.
Dazu kommt in der "Schandmaske" eben diese: ein "pädagogisch" gedachtes Blechgestell, das (nicht nur) Kindern übergestülpt wird und mit einem Metallstück die Zunge blockiert. Mit genau so einer Schandmaske wird die alte Mathilda tot in der Badewanne aufgefunden. Die Pulsadern sind aufgeschnitten. Aber im Stirnreifen der Schandmaske stecken liebevoll dekorierte Blumen ...
Mir ging es bei der Lektüre nicht anders als vielen anderen Lesern: Es hat gefallen, war spannend, aber die Fülle von Handlungszügen, Gesprächen und Figuren verlangt einfach sehr viel Aufmerksamkeit. Wer nicht das Talent hat, sich (ggf. auch mit Lese-Pausen) unzählige Personen samt den dazugehörigen Geschichten zu merken, könnte leicht die Übersicht verlieren. So ist es jedenfalls mir gegangen, vielleicht auch, weil ich einen solchen Krimi zur Entspannung lese und nicht als kriminalistische Studienarbeit.
Auch existiert keine Leitfigur im Roman, die einen durch das Geschehen führt und Züge aufweist, die eine Identifizierung ermöglichen. Genau durch eine solche Hauptfigur habe ich kürzlich ein anderes Buch der gleichen Autorin ("Der Schatten des Chamäleons") als angenehmer empfunden; allerdings kann man bei den dortigen Rezensionen Leserstimmen hören, die das genau umgekehrt sehen.
Es kommt also schon ein wenig auf den Leser, seine Stimmung und die Situation an, welches Minette-Buch gerade besser gefällt.
Wer Vergnügen an psychologischen Dramen mit kriminellen Hintergründen hat, über ein vorzügliches Gedächtnis verfügt und einen Reigen von unzähligen kleinen Abläufen auch mal ganz reizvoll findet, liegt bei der "Schandmaske" aber vermutlich richtig.
jury 3* A0590 5.3.2011e 7A