In dieser Monographie wird interessierten Laien der Forschungsstand zur Evolutionslehre nahegebracht. Dawkins klärt zunächst kontroverse Bedeutungen des Begriffes 'Theorie' und stellt die Frage, was genau 'Tatsachen' sind, kontrastiert den platonischen Essentialismus mit dem evolutionären Populationsdenken und zeigt an Beispielen, was unter einem 'gemeinsamen Vorfahren' eigentlich zu verstehen ist.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, auf den Genpool einzuwirken: natürliche Selektion der am besten ausgestatteten Individuen (z.B. in der Jäger-Beute-Relation), sexuelle Selektion, Koevolution (z.B. von Blütenpflanzen und Insekten), Domestikation (durch Züchter). Interessante Experimente mit Mais, Ratten, Hunden und Silberfüchsen belegen die natürliche Selektion.
Erklärt werden die eindeutige Lage von Fossilien im Sedimentgestein und die Meßmethoden zur Bestimmung ihres Alters. Dawkins führt Beispiele für beobachtbare evolutionäre Veränderungen an verschiedenen Tieren an, wobei die im Labor erzeugten Mutationen des Darmbakteriums Escherichia coli besonders aufschlußreich sind. Anschließend diskutiert er vermeintliche 'Lücken' in Fossilienfunden, widerlegt einige besonders dümmliche kreationistische 'Argumente' und stellt 'fehlende Bindeglieder' vor, auch anhand von Tieren, die ins Meer zurückkehrten und Funden zur Anthropogenese.
Dawkins erläutert Theorien der Ontogenese am Beispiel der Epigenese, einer Art 'Selbstmontage' anhand lokaler Regeln, zeigt Analogien der Embryonalentwicklung bei Viren und im Origami und beschreibt die Funktionsweise und Bedeutung von Proteinmolekülen.
Den Leser erwartet eine sorgfältige Darstellung vielfältiger Einzelphänomene: der evolutionären 'Initialzündung' durch Aufspaltung und geographischer Trennung einer Art ('Inselphänomen'); der Plattentektonik, welche das hohe Alter der Erde beweist; der Unterschiede zwischen Homologien und Analogien; der drei Wege, auf denen der Verwandtschaftsgrad der Lebewesen ermittelt wird, des 'Stammbaumes der Verwandtschaft'; der Rolle von 'Pseudogenen', neutralen und 'fixierten' Mutationen für die Funktionsweise der 'molekularen Uhr'. Die Anatomie der Lebewesen verrät ihre evolutionäre Vergangenheit, gut erkennbar etwa an Delphinen, Koalas, flugunfähigen Vögeln und Fliegen. Das ökonomische Vorgehen der Evolution zeigt sich an zahlreichen anatomischen 'Fehlkonstruktionen', etwa dem menschlichen Auge, dem rückläufigen Kehlkopfnerv, dem Samenleiter und den Folgeschäden der Bipedalität.
Dawkins beschreibt die Photosynthese, die Nahrungskette und den 'Rüstungswettlauf' zwischen allen Organismen. Natürliche Selektion kümmert sich nur um das Überleben und die Fortpflanzung der Gene. Sie ist nicht geplant und insgesamt zwecklos! Das Leiden in der Natur ist ungeheuerlich aber unvermeidlich. Die höheren Vermögen - Geist und Intellekt - sind Nebenprodukte, die sich unmittelbar aus dem Krieg der Natur, aus Hunger und Tod ergeben. Abschließend entwickelt er die vier evolutionär entstandenen 'Gedächtnisse': DNA, Immunsystem, Nervensystem und Kultur, das wahrscheinlich in einer RNA-Welt erfolgte erste Auftreten von Replikatoren und die 'Kladesselektion', die Theorie, daß die Fähigkeit zur Evolution selbst sich im Laufe der Zeit verbessern kann.
Man wird Dawkins vorwerfen, daß er wenig Neues bringt. Mir ist jedoch kein Werk bekannt, daß einen so komplexen Gegenstandsbereich wie den der Evolution derart umfassend, nachvollziehbar und gut verständlich vorstellt. Klare Sprache, systematischer Aufbau, überzeugende Beispiele, anschauliche Illustrationen und einfühlsame Einführung in noch kontroverse Forschungsprobleme machen das Buch zu einem erstrangigen Referenzwerk, das ich nicht genug empfehlen kann! Kreationisten freilich wird er damit wohl nicht erreichen. Die scharfe Konfrontation metaphysischer Geltungsansprüche mit der empirischen Wissenschaft ist jedoch ein Spezifikum der Abrahamitischen Religionen und anderen Kulturen (etwa volksreligiös oder buddhistisch geprägten) durchaus fremd.