René Jacobs kenne ich seit Jahrzehnten. Es war einer der wenigen counter, deren Stimme ich möchte. Wenn er Mozarts Abendempfindung sang oder die Altpartien aus den Bach-Passionen, war ich berührt. Irgendwie schien der grosse Musiker schon damals durch.
Heute scheue ich mich nicht zu schreiben: es gibt Interpreten und René Jacobs.
Nicht alle seine Interpretationen sind von umwerfender Einzigartigkeit, aber immer auf höchsten Niveau.
So auch diese der Schöpfung.
Aus einer Kritik dazu:Joseph Haydns "Schöpfung" unter René Jacobs wurde bei der Salzburger Mozartwoche zum Ur-Erlebnis.Er kommt vom Singen her, und er ist ein begnadeter Erzähler. Wenn René Jacobs die Buchdeckel der Schöpfungsgeschichte à la Haydn und seines Textdichters Gottfried van Swieten aufschlägt, dann entdeckt er eine spannende Novelle: Die Erde ohne Form und leer? Von wegen. Da irrlichtert es schon im Chaos, da tänzeln die Atome und warten nur darauf, Gestalt zu gewinnen, in Leben zu mutieren, in Blumenstängel oder Tierhaut zu schlüpfen.
Wie genau lässt Jacobs das nicht alles schildern, Schöpfungsakt um Schöpfungsakt! Drei handverlesene Solisten hat er dazu ausgesucht, allen voran den gebürtigen Norweger Johannes Weisser, der seine Stimme so charakteristisch zu färben versteht, lavierend zwischen Bariton- und Basslage, immer ganz nah eben nicht nur am Wort selbst, sondern am Wortsinn. So unprätentiös kann das "Seid fruchtbar alle, mehret euch!" klingen wozu René Jacobs die Bratschen und tieferen Streicher des formidablen Freiburger Barockorchesters an dieser Stelle eingeschworen hat auf einen schlackenlosen Consort-Klang, der wohl schon in Haydns Zeiten wie ein Wink von vorgestern herübergeklungen hätte.
Maximilian Schmitt ist ein deutscher Tenor, dem man schleunigst in einer großen Mozart-Rolle wiederbegegnen möchte. Und von Julia Kleiters Schilderung der bunten Vogelwelt behält man nicht nur das girrende Taubenpaar in Erinnerung, sondern eben auch der Nachtigallen "süße Kehle"...
Der Rias Kammerchor, ... tat das Seine: punktgenau präsent im Rhythmischen, in der Balance der Stimmen geradezu pingelig austariert und selbstverständlich, unter René Jacobs Anleitung! artikulationsgenau bis zum letzten Konsonanten.
Erstaunliche Freiheiten im Continuo. Mit Improvisationen stimmt Sebastian Wieland am Hammerflügel jedes Rezitativ ein. Auch Cello und Bass improvisieren unter René Jacobs Anleitung herzhaft, und die Solisten dürfen ihrerseits so manche Verzierung anbringen.
Ja: eine "Schöpfung" will eben auch eine kreative Leistung sein und diese Modellaufführung lieferte dazu ein wahrhaft intelligentes Design."meint Reinhard Kriechbaum in der Wiener Zeitung.
Auch wenn es inzwischen andere formidable Haydn-Interpreten gibt wie Harnoncourt, Gardiner und Weil und die Garde der Karajans und Jochums abgelöst haben, die einem den Haydn verleideten, ist dann die Aufführung durch Jacobs doch eine Sonderklasse, eine eigenständige Liga- einfach DIE Referenzeinspielung.