... als er meinte, Fitzgerald habe zwei sehr gute Romane geschrieben und einen, der sein bester hätte werden können, wenn er nicht vorher verstorben wäre. Wenn man weiß, dass Fitzgeralds Bibliografie viereinhalb Romane umfasst und außerdem noch gut im einfachen Subtrahieren ist, dann kann man sich ausrechnen, dass zumindest laut Hemingway zwei von Fitzgeralds Romanen weniger gut oder eher mittelprächtig sind. Ernest Hemingway, der zu Lebzeiten Francis Scott Fitzgerald als sein größtes Vorbild im literarischen Bereich bezeichnete und gleichzeitig einer seiner besten Freunde war, benannte zwar nicht, welche Romane er meinte als er seine Prognose wagte, aber wer alle vier von Fitzgeralds Romanen gelesen hat und ein funktionierendes literarisches Urteilsvermögen besitzt, kann mit einiger Sicherheit sagen, dass Hemingway wohl Fitzgeralds erste beiden Romane als durchschnittlich oder weniger gelungen betrachtete. Einer von diesen beiden, nämlich der zweite Roman aus dem Jahr 1922 ist "Die Schönen und Verdammten" (Originaltitel: The Beautiful and Damned).
Der Roman ist in drei Bücher aufgeteilt, von denen sich jedes wiederum in drei Teile unterteilt und jeweils mehrere kürzere Kapitel hat. Es ist eine Liebesgeschichte aus der Sicht eines Mannes, deren Intention darin liegt, einen Blick auf das Innenleben des jugendlichen Hauptprotagonisten zu werfen und dessen seelischen, geistigen und emotionalen Werdegang nachzuverfolgen, der sich in den drei Büchern über mehrere Stationen entwickelt, von gleichgültiger Ironie über neugieriges Interesse zu aufkeimender Liebe bis hin zur deprimierten Desillusion: Einzelkind Anthony Patch hat seine Eltern in jungen Jahren bei einem Unfall verloren. Sein Großvater, ein millionenschwerer Philanthrop, unterstützt seinen Enkel seitdem finanziell, so dass dieser sich um pekuniäre Angelegenheiten keine Sorgen machen braucht. Dieser lebt in New York und hat sich zu einem ziel- und motivationslosen Müßiggänger entwickelt, der sorglos in den Tag hereinlebt und insgeheim nur darauf wartet, dass sein Großvater endlich das Zeitliche segnet, damit er als einziger Enkel seinen Reichtum ererbt und noch sorgenfreier leben kann, als er dies ohnehin schon tut. Anthony Patchs sinnfreies und relativ inhaltsleeres Leben erfährt eine Wendung, als er eine unnahbare junge Frau namens Gloria Gilbert kennenlernt und sich unsterblich in sie verliebt. Von da an richtet er sein Leben ganz auf diese mysteriöse Dame der Upperclass ein, um sie zu erobern, zu verführen und zu ehelichen. Die beiden werden ein Paar und bewegen sich in den höchsten Kreisen der New Yorker High-Society. Doch wie sich herausstellt, birgt auch die Zweisamkeit die eine oder andere Tücke und so wenig wie trautes Heim gleich Glück allein ist, ist auch nicht alles Gold, was glänzt...
Hauptfigur ist ein junger Mann aus gutem Hause, der seinen jugendlichen Narzissmus überwindet und sich erst zu einem erwachsenen Menschen entwickeln muss. Die Figuren in diesem Roman sind Menschen der New Yorker Oberschicht, die sich selbst für etwas Besseres halten und sich dementsprechend benehmen. Mir erschienen sie fast unsympathisch weil ziemlich snobistisch, was sich oft in den Dialogen niederschlägt, denen etwas selbstverliebt-oberflächliches anhaftet, das ins humorvoll-lächerliche abdriftet, wie zum Beispiel dem nachfolgenden Zitat zu entnehmen - Anthony und Gloria haben sich gerade erst kennen gelernt, schlendern durch einen Park und unterhalten sich:
'"Ich will eine Million Rotkehlchen hören, die einen entsetzlichen Lärm veranstalten. Eigentlich mag ich Vögel."
"Alle Frauen sind Vögel", äußerte er sich.
"Und was für einer bin ich?" - schnell und erwartungsvoll.
"Eine Schwalbe, glaube ich, und manchmal ein Paradiesvogel. Die meisten Mädchen sind natürlich Spatzen - siehst du dort drüben die Gruppe Kindermädchen? Das sind Spatzen - oder sind es Elstern? Und natürlich trifft man Kanarienvögel - und Rotkehlchen."
"Und Schwäne und Papageien. Alle erwachsenen Frauen sind Habichte, glaube ich, oder Eulen."
"Was bin ich - ein Bussard?"
Sie lachte und schüttelte den Kopf.
"O nein, du glaubst doch nicht, dass du ein Vogel bist? Du bist ein Russischer Wolfshund."
Anthony erinnerte sich, dass sie weiß waren und stets unnatürlich ausgehungert aussahen. Andererseits wurden sie gewöhnlich mit Herzogen und Prinzessinnen fotografiert, und so fühlte er sich denn gehörig geschmeichelt.'
Wer sich für die Literatur des 20. Jahrhunderts interessiert, kommt nur schwerlich an Fitzgerald vorbei. Als Einstiegslektüre kann meiner Meinung nach aber nur "Der große Gatsby" dienen - ein echter Klassiker der Weltliteratur, den jeder Literaturliebhaber mal gelesen haben sollte. Wer dann noch mehr von Fitzgerald will, der greift zu "Zärtlich ist die Nacht". Dann kennt man die beiden Fitzgerald-Romane, von denen Hemingway vermutlich so schwärmte. "Die Schönen und Verdammten" muss man nicht unbedingt gelesen haben, es ist eine eher langweilige Schilderung einer komplizierten Liebesgeschichte, die sich zwischen zwei von großem materiellem Wohlstand verwöhnten jungen Menschen abspielt. Ein - verglichen mit dem "großen Gatsby" - belangloseres Zeugnis der vergnügungssüchtigen Zeit der goldenen Zwanzigerjahre, der sogenannten "Roaring Twenties". Fitzgeralds zweiter, autobiographischer Roman ist wohl gleichzeitig sein schwächster, den man nicht zuerst lesen sollte.