Deutsche Titel: Die Schöne und die Bestie; Die Schöne und das Biest; Es war einmal; Das Untier und die Schöne; Originaltitel: La Belle et la Bete
Produktionsland: Frankreich. Premiere: 1946
Mit: Jean Marais, Josette Day, Mila Parely, Nane Germon, Marcel Andre, Michel Auclair, Raoul Marco u. A. Regie und Drehbuch: Jean Cocteau
Literarische Vorlage: nach dem gleichnamigen Roman von Jeanne-Marie Leprince de Beaumont aus dem Jahre 1756
Musik: Georges Auric
Genre: Märchen > Fantasy
Das ist wirklich ein Märchen, welches nicht mit den Maßstäben des realen Lebens gleichgesetzt werden darf. Es ist aber keinesfalls ein Märchen für Kinder, sondern mit horrorartigen Elementen durchsetztes Erwachsenenmärchen. Schon allein das mit durchgebissener Kehle am Boden tot liegende Reh lässt keinen Zweifel aufkommen, dass es sich bei dem Film um eine äußerst ernste, erwachsene Sache handelt. Es geht erstens um tatsächlich gezeigte menschliche Gemeinheiten im alltäglichen Leben, die zuhauf präsentiert werden, wie zB. einfach der sorglose Abschuß eines Pfeiles durch das Fenster in das Damengemach, der einen Menschen hätte töten können. Oder die gegenseitigen Gemeinheiten zwischen den Geschwistern, der Faustschlag des Freundes ins Gesicht seines Kameraden. Und bald tritt die Bestie in Erscheinung als zwanghaft getriebenes Raubtier auf der Jagd nach Beute und Künder des Todes. Bald entscheidet sich die einzige ohne Falsch denkende unter den Töchtern zum Selbstopfer, welches von der Bestie verlangt wird, damit der Vater am Leben bleiben darf. Es entsteht dadurch ein dialektisches Spiel um den Zusammenhang von Liebe und Tod. Liebe erweist sich erst dann als wahr, wenn sie zum Sterben bereit ist. Der Prüfer aber, der den Tod verlangt, erlangt durch das freiwillige Opfer die Gewißheit der wahren Liebe, in welcher der Tod überwunden wird. Die wahrhaftige Liebe nämlich, die sich stets opfert, weil sie nicht unwahrhaftig sein kann, triumphiert über das Gericht und konstituiert ein neues Leben. Weiters vereint sich mit der Pointe über Liebe und Tod die zweite Pointe über die Beziehung der inneren Liebe zum äußeren Hässlichen. Ist das äußerlich Hässliche tatsächlich auch böse, weil es hässlich ist? Oder ist es innerlich umso schöner, je hässlicher es äußerlich ist? Diese Thematisierungen kennt man in der Literatur aus Der Glöckner von Notre Dame, vielen Märchen wie der Froschkönig, aus Filmen, wie der Elefantenmensch, Der Mann ohne Gesicht, etc. Oder ist es eher so, dass das hässliche Antlitz als hässlich erscheint, weil es der Betrachter als böse wahrnimmt und deutet? So, dass äußere Hässlichkeit im Grunde ein Effekt ist, den das Subjekt am Objekt selbst formt, also eine Interpretation des Seins aus der subjektiven Sicht des Betrachters ohne Objektivitätsanspruch? Diese Fragen thematisiert der Film, um im äußeren Gewand des Märchens die wahren Werte zu objektivieren.
Die Schöne begibt sich also in das Wagnis des lauernden Todes und durchlebt hier das Abenteuer einer neuen Schöpfung. Das Wagnis des Todes ist in der Tat ein schöpferisches, kreatives Element der Poesie. Aber Poesie nicht nur als Resultat des begabten Genius, sondern tragendes Fundament allen Daseins.
Besteht also der Sinn der Geschichte darin, dass sich im Grunde nicht die Bestie in den Prinzen verwandelt, sondern die Betrachterin mit neuen Augen die Bestie nicht mehr als Bestie, sondern als Prinzen wahrnimmt? Dass also die Verwandlung eine Verwandlung im Inneren des Betrachters ist und nicht im äußeren Bereich des Objektes? Das also die vollendete Liebe die Hässlichkeit in Schönheit verwandelt, ohne dass sich diese äußere Hässlichkeit nur einen Millimeter umgeformt hat?
Tiefe Philosophie.
Die Spezialeffekte sind einerseits sehr innovativ, andererseits aber relativ schlicht kreiert, was sie deswegen liebenswert und reizend macht. Die düstere Atmosphäre mit Nebel und Schatten, dem von Bäumen und Sträuchern überwucherten Schloß, ist sehr stimmig.
Es geht auch um die Annhäherung zwischen dem Hässlichen und dem Schönen, in welcher sich das Vertrauen bildet. Zwei unvereinbare Gegensätze sind schicksalhaft zusammengetroffen und müssen nun versuchen, eine Vereinbarkeit zu finden. Und sie finden diese Vereinbarkeit über die gegenseitige Vertrauenszureichung. In diesem Prozess beginnt sich ein Konsens zu formen, der aus einer Unvereinbarkeit etwas Koexistentes schafft. Sogar eine Art mystischer Synthese, in welcher das irdische Hässliche und irdische Schöne in die unsterbliche Form gegossen sind.
Die Musik ist gut gewählt in ihrer Mischung von Romantik und Mystery.
Ein beeindruckendes Filmwerk mit humaner Botschaft unmittelbar nach Jahren der menschlichen Bestialität.