Die Satanische Bibel ist eine Art Aufruf an die "Individualisten", "Freidenker", "Querdenker" und "Exzentriker", sich von den Regelwerken gängiger Religionen zu lösen, und stattdessen sich selbst zu verehren. Es gibt Keine Götter, keine Engel, keine Dämonen, keine anderen höheren Wesen, und kein "Leben danach". Man soll nur für das "Hier und Jetzt" leben, und hat nur sich selbst zu huldigen, wobei Satan letztendlich nichts anderes als eine grosse Repräsentation für das "eigene Ich" ist.
Das klingt durchaus interessant, doch LaVey verliert sich schon nach wenigen Seiten in zahlreiche Widersprüche, die selbst bis zum Ende des Buches nicht geklärt werden:
1. LaVey predigt den Satanismus als absolute Freiheit und die Lossagung von religiösen Dogmen, denn religiöse Regelwerke schränken den Menschen ein. Andererseits gibt es in der "Satanischen Bibel" die überaus strikten "11 Satanischen Regeln der Welt", die dem Satanisten mitunter sogar verbieten in Unterhaltungen Stellungnahmen und Ratschläge abzugeben, wenn er nicht gezielt danach gefragt wird.
Warum LaVey "satanische Regeln" und "satanische Sünden" definiert, wenn er religiöse Regelwerke erst wenige Seiten zuvor als "Behinderung im alltäglichen Leben" abtut, bleibt ungeklärt.
2. Laut LaVey kann nur ein Freidenker bzw. Individualist ein Satanist werden. Hierbei stellt sich allerdings die Frage, warum ich mich, gerade WEIL ich Individualist bin, in die fixe Schablone der 9 satanischen Statements, der 11 Satanischen Regeln, und der 9 Satanischen Sünden, begeben, und mich dadurch erst Recht einem vorgefertigten Raster der Auffassung von Satan, und somit von mir selbst, unterordnen sollte, denn das satanische Regelwerk ist überaus präzise, und wertet sogar einen "Mangel an Ästhetik" als Sünde. Wo ist hierbei die Freiheit? Auch diese Frage wird nicht beantwortet.
3. LaVey nimmt sich das Recht heraus anhand des Satanismus zu definieren, welche Menschen als "dumm" anzusehen sind. Gleichermassen gilt "Anmassung" als schwere Sünde.
4. Über gut die Hälfte des Buches wird darauf gepocht, dass Satan im Satanismus nicht als das Wesen aus der Bibel gesehen, sondern als eine metaphorische Repräsentation verschiedener Eigenschaften, erklärt wird. Hingegen wird Satan in den satanischen Ritualen urplötzlich sehr wohl als biblisches Wesen beschrieben, und es werden sogar einige Rituale auf Henochisch, also der angeblichen Sprache der Engel, abgehalten.
Aus der Tatsache, dass im Satanismus Selbsttäuschung, Hirngespinste, und der Glaube an höhere Mächte als "Dummheit" gelten, klammert der Satanismus die oberhalb angesprochenen Ritualpraktiken grosszügig aus. Die Erklärung wird in einem Satz abgegeben, und lautet, dass "satanische Selbsttäuschung" BEWUSST passiert, und deshalb zu akzeptieren ist. Das ist nur eine der diversen "Ausnahmen", über die man in diesem Buch stolpert.
Widersprüche wie diese gibt es zu Hauf. Was eben noch als wichtiger Grundsatz galt, wird wenige Seiten später als Unsinn abgetan. Was eben noch aufs Podest erhoben wurde, wird kurz darauf als "Dummheit" gewertet, oder als Ausnahme angesehen. Dafür, dass LaVey ständig die Fehler und Widersprüche anderer Lebenseinstellungen und Religionen ankreidet, leistet er sich wahrlich selbst eine Menge davon...
Meine persönliche Meinung ist, dass der Satanismus zu einem grossen Teil von der reisserischen Aufmachung lebt. Angefangen vom modifizierten Siegel des Baphomet nach Eliphas Levi, welches dem Betrachter stimmungsvoll grimmig entgegen blickt, bis hin zu düster klingenden Geboten, in denen u.a. erklärt wird, dass der Satanist jemanden, der ihn zwei mal auf offenem Grund belästigt "vernichten" soll, wird viel Wert auf ein Image düsterer Verruchtheit gelegt, um letztendlich um jeden Preis anders und rebellisch zu wirken. Eine greifbare Lebensphilosophie bietet der Satanismus nicht. Dazu sind die Widersprüche zu zahlreich.
In Summe verbirgt sich hinter dem Satanismus nicht mehr als schlichter Hedonismus, der unter dem Transparent "Satan" schön aufpoliert, rebellisch, provokant, stylish und knallig vermarktet wird.