In Dostojewskis Erzählung »Die Sanfte« treffen zwei vollkommen ungleiche Wesen aufeinander: auf der einen Seite steht der Erzähler, ein verbitterter und kauziger Pfandleiher - einst Hauptmann eines angesehenen Militärregiments -, auf der anderen die sechzehnjährige »Sanfte«, welche er sich zur Frau nimmt, obgleich oder gerade weil sie bis aufs Äußerste verarmt ist. Dafür erwartet er von ihr Dankbarkeit, Unterordnung und Liebe. Um sie nach seinen Wünschen umzuerziehen, begegnet er ihr mit Strenge, Kälte und Schweigen ...
Die Geschichte beginnt damit, dass der Pfandleiher aufgebracht in seinem Zimmer auf und ab geht und zu verstehen versucht, wie all das hatte geschehen können - neben ihm, aufgebahrt, liegt die Leiche seiner Frau. Im Verlauf der Geschichte rekonstruiert er alles, vom ersten Treffen bis zum bitteren Ende, bis ins kleinste Detail. Das Wort richtet er dabei direkt an eine unbekannte Richterinstanz, der er sich verständlich machen und der gegenüber er sein Handeln rechtfertigen will - im Endeffekt richtet er sich also direkt an den Leser.
Und wenn der Erzähler dann bis ins kleinste Detail in endlosen (inneren) Monologen seine Geschichte und sein Handeln seziert, um sich zu erklären, dann überfällt den Leser eine Mischung aus Ekel, Abscheu, kaltem Mitleid und Unverständnis. Wenngleich die Gedankengänge und Motive haargenau und in sich lückenlos logisch dargelegt werden ... Verständnis kommt nur selten auf. So erging es zumindest mir.
Am Ende bleibt eine überaus gelungene Erzählung, bestehend aus einem sehr intelligent geschriebenen, abgründigen Monolog.
Und da ich mich auf die Hörbuch-Version beziehe:
Ralph Misske (Schauspieler, Regisseur, Autor) liest sehr lebendig und emotional. Mich jedenfalls konnte er vollends überzeugen. Mal haspelt er sich schnell und aufgebracht durch die Sätze (jedoch ohne die Betonung zu verlieren), dann senkt er nachdenklich seine Stimme, nur um sofort wieder aufzubrausen ... die Art, wie er vorliest, fügt sich wirklich gut in die Stimmung des Textes ein.
Das macht das Hören sehr angenehm, hat allerdings den kleinen Nachteil, dass es sich nur bedingt zum Einschlafen eignet (zumindest, wenn noch jemand im selben Zimmer schlafen will und in dem Moment nicht ganz so überzeugt ist von der Geschichte), da mit zunehmender Aufgebrachtheit des Erzählers auch die Lautstärke steigt.
Laufzeit der 2 CDs beträgt insgesamt 144 Minuten. Die Aufmachung ist recht schlicht: ein dünner Pappschuber, in dessen Seiten die CDs stecken. Kein Booklet, kein sonst irgendwas. Nur Verlagswerbung für weitere erschienene Klassiker-Hörbücher.