Zugegeben, wer wissen will, wer die Sachsen waren, wie sie gelebt haben und welche geschichtliche Rolle sie bis in das 8. Jahrhundert gespielt haben, wird aus diesem Buch nicht viel erfahren. Der Wert dieser Darstellung liegt vielmehr, über das Thema des Buches hinausgreifend, in der schonungslosen Offenlegung der Schwächen der sogenannten "herrschenden Meinung". Springer zeigt, was die Geschichtswissenschaft jahrzehntelang vorgab, über die Sachsen zu wissen und entlarvt diese Deutungen in vielen Fällen als Resultat von Wunschdenken und oberflächlichem Quellenstudium. Als Ergebnis steht, daß wir aus Schriftquellen kaum sicheres Wissen über die alten Sachsen herleiten können. Vermeintlich sichere Erkenntnisse werden mit überzeugenden methodischen Ansätzen und bestechenden Argumenten erschüttert oder widerlegt. Wie es statt dessen tatsächlich war, vermag Springer zwar ebenfalls nicht zu sagen. Es gilt insoweit der alte juristische Grundsatz: "Nichts läßt sich nicht beweisen". Das mag im Ergebnis für manchen unbefriedigend sein. Überzeugender und wahrhaftiger aber ist es, einige Seiten des Buches der Geschichte leer zu lassen, als sie mit zweifelhaftem "Wissen" zu füllen.
Das Buch empfiehlt sich als praktische Methodenlehre der Geschichtswissenschaft und schärft den Blick für die kritische Betrachtung von "Quellen" und solche Niederschriften, die vorgeben, "Quellen" zu sein. Mit ähnlichen Ansätzen ließe sich die gesamte Geschichtsschreibung des Frühmittelalters kritisch durchforsten und manche, scheinbar gesicherte "Tatsache" als Legende entlarven.
Kein Buch der richtigen Antworten, sondern ein Buch der richtigen Fragen.