Obwohl sofort offensichtlich ist, dass die Protagonisten alle ziemlich schablonenhaft geraten sind, gelingt es der Autorin anfangs, mit lebendig beschriebenen Szenen und spannenden Andeutungen über noch im Dunkeln liegende Handlungsstränge den Leser in ihren Bann zu ziehen.
Mit dem Voranschreiten der Geschichte kommt aber die Ernüchterung, als sich nach und nach alle Stereotypen des modernen, frauenbewegten Mittelalter-Reißers zu einem fröhlichen Stelldichein einfinden:
- der böse Ehemann der Heldin, der schließlich zum geifernden Psychopathen degeneriert,
- der begnadete Künstler und kuschelweiche Frauenversteher als neue (und selbstverständlich einzig wahre) Liebe der Heldin,
- ein religiöser Fanatiker (männlich) und eine mutige Heilige (weiblich),
- eine Gruppe adliger und reicher Männer, die eine Verschwörung gegen das einfache Volk planen,
- sowie eine bunte Sex-Auswahl von Homosexualität über Sadismus bis zur Pädophilie.
Nicht nur, dass man diese stereotypen Versatzstücke schon geschätzte hundertmal gelesen hat, werden sie hier auch noch mit heiligem Ernst und von politischer Korrekheit beseelt vorgebracht. Das Strickmuster ist klar: Böse und perverse Männer gegen gute und marienfromme Frauen und deren (schrecklich) süße Waisenkinder.
Dazu kommen unglaubwürdige und schwer verkitschte Szenen wie z.B. die, in welcher die von ihrem Ehemann sexuell angeblich geradezu traumatisierte Heldin bei ihrem neuen Liebsten schwuppdiwupp alle Hemmungen und Ängste ablegt und mit ihm im "langsamen genussvollen Tanz ihrer Körper" den Gipfel der Lust erstürmt.
Die von Matteo wegen des kirchlichen Verbots im Geheimen vorgenommenen Leichenöffnungen sind dagegen ziemlich sinnlos und für die Geschichte im Grunde überflüssig. Was zum Hippokrates will er denn dabei für Beweise entdecken, wenn er mangels medizinischer Fachkenntnisse sowieso keine Rückschlüsse aus seinen Beobachtungen ziehen kann? Es ist der reine Zufall, dass er ganz zum Schluss die Bemerkung einer anderen Person mit einer an den Leichen beobachteten Auffälligkeit in Verbindung bringt. Ähnlich wie das Thema Homosexualität und die von Matteo aufbewahrten okkulten Geheimschriften ist das Ganze offenbar nur dazu da, um eine Breitseite gegen die unterdrückerische Kirche abfeuern zu können, die finster drohend der Liebe, der Toleranz und dem Fortschritt im Wege steht. DAS Standardklischee überhaupt unter den Mittelalterromanen.
Schließlich gibt es am Ende noch eine Überraschung der besonderen Art, als die Autorin das ständig angedeutete Geheimnis um eine gewisse Person auflöst und diese Auflösung dermaßen an den Haaren herbeigezogen ist, dass man ungläubig losprusten möchte.
Ich gebe gerne zu, dass ich schon schlechtere historische Romane gelesen habe, aber das bedeutet leider nicht, dass dieser hier gut ist. Mag die treue Fangemeinde von Frau Riebe auch noch so viele Lobeshymnen verfassen.
Mein Fazit lautet daher: "Die Sünderin von Siena" fängt ordentlich an, lässt dann nach und entpuppt sich zu unguter Letzt als vorhersehbarer und klischeebeladener Frauen-Historienroman.