"Die Sünderin" war 1951 ein Skandalfilm. Und es ist ein guter Film, weder trotzdem noch deshalb, sondern weil er einfach vorurteilsfrei eine Geschichte erzählt. Die Geschichte einer Frau, die so einiges gemacht hat, was als sündhaft gilt, aber sicherlich nicht böse ist, wenn sie auch kaum zur Heiligen hochstilisiert wird. Gleich zu Beginn Gemälde-Symbolik, flackernder Kamin, dräuende Schatten, Nacktheit in einem Bild von Marina (Hildegard Knef), einem männlichen Statuen-Torso und von Putten deuten auf Erotik, Verstümmelung (hier im Sinne eines Scheiterns), Tod. Und ein Mann, der Maler Alexander, stirbt. Schon diese Ästhetik verweist auf den Film noir, in der deutschen Variante zwar ohne den hartgesottenen US-Krimi-Rahmen, aber mit deutscher düsterer Melodramatik, schicksalhafter Romantik, so wie das dem deutschen Film vor 1933 nicht fremd war (dem der US-Film noir so einiges zu verdanken hat). Auch die folgende Struktur verweist auf diese schicksalhafte Variante des film noir. Eine lange Rückblende und eine Off-Stimme begleiten uns in eine umfassende Darstellung der Lebensgeschichte Marinas. Der Film riskiert dabei mehrere Zeitsprünge, eine Rückblende in der Rückblende in der Rückblende, und er wiederholt sogar einmal eine Szene, um erst später zu zeigen, wie es zu ihr gekommen ist. Das ist bemerkenswert und ist seit "Pulp Fiction" Mode geworden, im älteren US-Film ist mir das aus Kubricks "The Killing" (1956) und Mankiewiczs "Die barfüßige Gräfin" (1954) bekannt. "Die Sünderin" ist noch älter und damit wegweisend.
Der Film beginnt als Schattenseitengeschichte mit weiterhin deutlichen Noir-Elementen. Es ist zwar öfter einmal von Städten im In- und Ausland die Rede, in denen man sich aufhält, aber im Wesentlichen spielt er in Nachtclubs, Wohnungen (mal prächtig, mal schmierig) und auf einer sehr dunklen, sehr regennassen stadtgesichtslosen Straße. Marina, diese Frau, die die Kerle alle haben kann, dies weiß und auch nutzt, liest einen Betrunkenen auf, nimmt ihn aus einer Regung der Barmherzigkeit bei sich auf (Kerlen das Geld aus der Tasche ziehen macht eben auf Dauer auch nicht glücklich), und irgendwann haben die beiden sich angenehm unspektakulär, aber authentisch und wahrhaftig ineinander verliebt. Der Mann ist natürlich der Maler Alexander, und fortan leben die beiden in "wilder Ehe", aber wahrer Liebe zusammen, die auch nicht leidet, als Marina noch einmal einem Mann für Geld zu Willen ist, um Alexander aus der Patsche zu helfen.
Allein das wäre schon in gewissen Kreisen den Aufschrei wert gewesen, den der Film auch tatsächlich ausgelöst hat, doch "Die Sünderin" riskiert sogar noch mehr - und überzeugt! Die paar Sekunden Knef nackt sind gar nicht mal so wild, aber die Schilderung von Marinas Jugend muss so manchen kräftig erzürnt haben. Die Mutter im Grunde eine Hure, die abends mit reichen Männern loszieht, der Vater erträgt es stumm, beugt sich aber wenigstens nicht den Nazis, die Familie muss bald aus der edlen Villa in ein mieses Loch ziehen, und als Marina 14 und der Stiefbruder 16 ist, verlieren die beiden miteinander ihre Unschuld. Liebe ist da nicht, aber Marina merkt, wie beschränkt die Männer gelegentlich sind und dass ihr die Macht ein bisschen gefällt, sie nutzt es auch im Folgenden aus, wird mit 16 aus dem Hause geworfen und kommt bei der ebenfalls sechzehnjährigen Irmgard unter. In Irmgards erster Szene grabscht ihr ein Jugendlicher in Partylaune an die Brüste, und es heißt von ihr, sie habe bereits zwölf Männer gehabt. Aber Marina überholt sie bald. So schläft sie sich zu einem gewissen Wohlstand. Aber der Film denunziert sie nicht, das war wohl der eigentliche Skandal. Er hält den Männern den Spiegel vor, denn zum sich Hochschlafen gehören ja immer mehrere. Und Marina ist da auch eher zufällig reingeschlittert, es war kein schönes Leben, das sie hatte, sie trauert ihrer Kindheit nach, die jäh beendet wurde, als sie mal ein Kleid ihrer Mutter anprobiert hatte und der Stiefbruder daraufhin gleich das machte, was oben schon erwähnt ist. Alles in allem ist das Bewegende, Wahre und Mutige an dieser Geschichte und Erzählweise, dass wir irgendwie spüren: Hier wird etwas erzählt, was es nicht geben DURFTE, was es aber nun einmal GAB, nicht nur einmal, sondern tausende Male. Zum Beispiel Teenager, die von ihren Eltern wegen etwas "Unsittlichem" auf die Straße geworfen wurden. Wenn sie sehen mussten, wie sie zurechtkommen sollten, so konnte das in Männerbetten führen... oder auch nicht. Das ist das Große: Weder zeigt der Film Marina als eiskaltes Luder noch als Nur-Opfer der Umstände. Er zeigt überhaupt nichts im Sinne von Fingerzeigen. Er erzählt einfach eine Geschichte - einer Sünderin? Nein, einer Frau.
Natürlich kann man das im zweiten Teil, in dem die Noir-Ästhetik verschwindet und die hehre Liebe zu Alexander durchkommt, ein bisschen als die allzu uralte Hure-mit-goldenem-Herzen-Geschichte kritisieren (wie auch die Off-Stimme gelegentlich schwach ist, wenn sie zu überdeutlich erklärt, was ich mir lieber anhand der Bilder und Gesichter erschlossen hätte). Es ist ja schön, dass Marina einen Mann rettet und selbst ge- bzw. errettet wird, aber das geht vielleicht etwas zu glatt, zu idealistisch. Auch wenn es - gerade angesichts einer Krankheit Alexanders - nicht immer einfach ist, die beiden halten zusammen wie Pech und Schwefel, sie kann nichts entzweien. Zu idealisiert ist diese große Liebe, wir zwei gegen den Rest der Welt. Aber das kostet definitiv keinen Stern. Es ist bewegend anzusehen (und von der Knef überzeugend gespielt), wie diese Marina weiche Knie und ein großes Herz bekommt, weil da endlich einmal ein Mann ist, der nicht auf so verlogene Weise geil ist wie alle anderen. Die Tragik des Vamps: Er findet es scharf, Männer scharf zu machen, verachtet sie und sich aber dafür, dass das so verdammt einfach geht. Da ist dieser völlig andere Alexander schon eine recht überzeugende Befreiung für Marina. Und was idealisierte Liebe betrifft, gibt es ja immerhin starke Vorbilder, die sich zu den Großen der Weltliteratur rechnen, "Romeo und Julia" zum Beispiel, woran diese Beziehung zweier verlorener Seelen irgendwie erinnert.
Am Ende - ich werde den Kontext nicht verraten - fällt ein Licht auf ein Bildnis Marinas, der Frau all das verzeihend, was man so als Sünde bezeichnet (und es kommt noch eine ganz klassische "Sünde" hinzu). Ja, man kann ihn schon verstehen, den Zorn mancher Deutscher im Jahre 1951. Doch der Film ist mutig, ehrlich, emphatisch, ungeschminkt. Er singt bestimmt kein Lob der Promiskuität. Wir sehen nie die Akte, aber immer das Davor, manchmal das Danach, hingegen bei der reinen Liebe zu Alexander ÜBERHAUPT NICHTS davon, da spielt der Akt höchstens in der Malerei eine Rolle, das Leben der beiden wird als reine unverdorbene Romantik in der "verdorbenen" wilden Ehe präsentiert. Und bei allen Protesten in der Adenauerära: Der Film konnte wenigstens gedreht und aufgeführt werden. In den USA dieser Zeit wäre das definitiv nicht möglich gewesen, da gab es Zensurbestimmungen, die so ziemlich alle der oben genannten Szenen verboten hätten. Von daher wieder einmal ein Anlass, Vorurteile über die angeblich miefigen fünfziger Jahre in Deutschland zu korrigieren - wenigstens teilweise. "Die Sünderin" ist ein herausragender, wichtiger, authentischer und sehr emotionaler, aber nicht kitschiger Film dieser Zeit wie auch ein Meilenstein im Werk der schönen Hildegard Knef.