Das Werk von David Schah, vom Autor als Roman bezeichnet, besteht eigentlich aus Tagebucheintragungen vierer Studenten, von denen der Leser gleich am Anfang erfährt, daß sie alle Opfer eines Amoklaufs geworden sein sollen. Die Eintragungen decken den Zeitraum von etwa einem Studiensemester ab und die beschriebenen Geschehnisse finden entweder auf dem Campus oder in seiner Nähe statt, womit schon eine Art klassischer Zeit-Ort-Handlung- Einheit gewährleistet ist. Die gewählte Tagebuch-Perspektive ermöglicht dem Autor die Erschaffung eines mehrdimensionalen Puzzle-Bildes, in dem die gleichen Begebenheiten aus unterschiedlichen subjektiven Perspektiven vorgestellt werden. Dies verleiht dem Geflecht der zwischenmenschlichen Beziehungen eine ungeahnte Tiefe und Kontrastschärfe.
Es handelt sich dabei eigentlich um scheinbare Banalitäten und Alltäglichkeiten des studentischen, aber auch des allgemein menschlichen Lebens: Seminare und WGs, Dozenten und Kommilitonen, Politik und Lebenseinstellungen, Freundschaft und Liebe, Sex und Gewalt, Leben und Tod.
Besonders empfehlenswert ist dieses gelungene Buch natürlich für diejenigen von uns, die noch studieren oder ihr Studium in den letzten zehn Jahren abgeschlossen haben. Mit scharfsinniger Ironie beschreibt Schah das moderne Studentendasein, scheinbar beiläufig setzt er sich mit (fast) allem auseinander, was die deutschen Massenuniversitäten ausmacht. Und dabei nimmt er sich kein Blatt vor den Mund, beugt sich nicht den Zwängen der political correctness. So kommt es, daß die Burschenschafter schon fast sympathisch erscheinen, die universitären Linken ("Öko-Schlampen" und andere) kommen bei Schah ziemlich schlecht weg. Und das alles in einem lockeren, alltäglichen Tagebuch-Stil, ohne das (von konservativen Autoren leider immer noch bevorzugte) schwerfällige Moralisieren; beiläufige, unbeschwerte Ironie ist eben oft bissiger und entlarvender als anstrengender, ausgedachter Sarkasmus.
"Die Säulenhalle" ist aber mehr als eine Art "Schwanitz für das Studentenmillieu" [S. Rémeur]. Schah schafft es, seine Charaktere äußerst lebendig, vielschichtig und "rund" [Nabokov] darzustellen. Seine Charaktere sind nicht nur Archi-Typen für das moderne Uni-Leben, sondern auch (und vor allem!) für unsere ganze heutige Gesellschaft. Dem Autor gelingt es, das universitäre Leben als eine Mikrozelle der Gesellschaft zu erfassen und zu entzaubern - als eine Art Stichprobe, von der der aufmerksame Leser auf die Gesamtheit der zeitgenössischen westlichen Zivilisation schließen kann.
Die Multiperspektivität des Tagebuch-Romans lässt uns wahrnehmen, wie oft die Hauptfiguren sich oder andere (in der Regel seelisch, aber auch mal körperlich) verletzen - und wie oft der Grund dafür "lediglich" ein Mißverständnis in Kommunikation und Verhalten ist.
Die Unterschiede in der Darstellung ein und derselben Person sind gravierend - je nachdem, von wem der Eintrag stammt.
Eine objektive Normalität gibt es nicht. Eine interessante Steigerung stellt das voranschreitende Verrücktwerden eines der Tagebuch-Schreiber dar, welches ihn schließlich in einen Mord treibt. Die Künstlichkeit und Abnormalität seiner inneren Welt scheint nicht viel abnormaler zu sein, als die von "normalen" Selbstzweifel, Einsamkeit und Unsicherheit geplagten inneren Welten der anderen Studenten.
Der moderne Mensch als homo neuroticus.
Dabei werden die eigenen Neurosen nicht - wie etwa bei Woody Allen - mit Freude ausgekostet. Man leidet darunter - und versucht sich mit ihnen zu "arrangieren".
Indessen kann die innere Widersprüchlichkeit der Charaktere wohl kaum größer sein: eine engelhafte, blaßhäutige zurückhaltende Schönheit als groofty-girl und Horror-Movie-Liebhaberin; eine femme fatale der linken Artisten als ungehaltene Rassistin und auch noch nymphomanisch; ein Afghane, der sich für arische Rassentheorien begeistert; ein sonst unauffälliger Student, der eine skurill-bescheuerte Bewegung gründet, deren Lebensphilosophie das "Verkrampftsein und [...] die Bekämpfung jeglicher Lockerheit" zum Hauptziel erklärt. Und auch noch ein Libertärer, der auf die Sexualmoral achtet.
Jeder in diesem Buch scheint ein Doppelleben zu führen, eine Alibi-Identität angelegt zuhaben - ein Pseudo-Ich, daß ihm oder ihr ein Gefühl des "Besonders-Seins", des "Etwas-Wert-Seins" vermittelt bzw. vermitteln soll.
"Die Säulenhalle" demaskiert somit meisterhaft die Atomisierung unserer Gesellschaft - eine Entwicklung, die hinter den Kulissen des stolzen Individualismus und des selbstsicheren Wohlstands schon so weit vorangeschritten ist, daß sie nicht nur die Figuren des Romans und mit ihnen den ganzen Campus, - sondern auch uns, unsere ganze Gesellschaft in den seelischen Abgrund und (geistigen) Tod zu stürzen droht.
Mein Fazit: Ungeachtet einiger stilistischer Makel und politischer Einstellung des Autors ein sehr lesenswertes Buch. Nicht nur für Studenten.