"Wer ein Land verstehen will, muss mit seinen Menschen sprechen."
Genau das machte Lieve Joris, gebürtige Belgierin und eine der herausragenden europäischen Reiseerzählerinnen, und zwar sehr einfühlsam.
Die acht "Reiseberichte aus einer magischen Welt" führen nach Schwarzafrika, in die arabische Welt und auf die karibische Insel Trinidad. Da gibt es z.B. den Schauspieler Abdelaziz aus Kairo, der - wie viele Kairoer - allen Autos Tiernamen gibt. "Ein Fiat ist ein Affe, ein Volkswagen ein Kaninchen, das vorletzte Mercedes-Modell nannten wir Mutterschwein. [...] Das letzte Modell Mercedes heißt Zalamukka, Hühnerbürzel." sagt er grinsend. Auch "Josephs Geschichte" wird in Joris' Reportagen erzählt: Während des Golfkrieges musste Joseph, ein (zu) kritischer Journalist, aus dem Libanon flüchten und ging nach Paris, wo er schließlich weiter schrieb und selbst eine arabische Zeitung gründete, die jedoch starke Probleme hatte: Nicht nur, weil die Zeitung nicht durch die irakische Zensur kommt, wenn das Foto Saddam Husseins unter dem des syrischen Präsidenten Hafis Assad steht und anders herum. Ja, und dann erfährt der Leser die sehr interessante Einstellung und Lebensphilosophie des aus Trinidad stammenden Schriftstellers V.S. Naipaul, dem 2001 der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde.
Alle farbigen und lebendigen Porträts bringen dem Leser Menschen aus den verschiedensten Kulturen und sozialen Schichten auf bemerkenswerte Weise näher, "weil Joris ihnen die Freiheit gibt, sich selbst darzustellen", wie es im Klappentext heißt.
Obgleich Joris z.T. einen anspruchsvollen Schreibstil hat und man als Leser ein Gefühl und etwas Hintergrundwissen über die Kulturen sowie deren gesellschaftlichen Umstände und weltpolitische Situation mitbringen sollte, ist "Die Sängerin von Sansibar" ein absolut interessantes Buch über interessante Menschen.