"Vielleicht bin ich schwanger" denkt Franziska, als sie in Mailand auf den Trans Rapido nach Venedig wartet. Sie hat während eines Gesprächs ihren Mann verlassen, ist zum Bahnhof gegangen und hat ein Ticket für den nächsten abfahrenden Zug gelöst. Der fuhr nach Venedig und so landet sie allein im Februar in der italienischen Stadt, die künstlich angelegt und kunstvoll getaltet, immer viele Fremde beherbergt. Franziska ist eine rothaarige Frau, eine Ausländerin, die sich allein und ohne Gepäck bewegt. Obwohl sie nur daran denkt, was sie als nächstes tun soll, erscheint klar, daß sie neue Gesellschaft sucht. Sie hat ihren Mann und ihren Geliebten, den Chef ihres Mannes, verlassen, weil sie sich weder geliebt noch anerkannt als eigenständige Frau fühlte. Der Zeitpunkt der vermuteten Schwangerschaft, von ihrem Ehemann lapidar als "Betriebsunfall" bezeichnet, ist für sie der Moment, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. In Venedig tritt sie selbstbewußt auf und versucht sogar sich eine eigene Existenz aufzubauen, indem sie eine Stellung als Übersetzerin sucht. Sie lernt Patrick kennen, ein reicher Jachtbesitzer, der von dem geerbten Geld seines Vaters lebt. Im zweiten Weltkrieg versuchte Patrick für die Engländer in Deutschland zu spionieren. Er geriet in deutsche Gefangenschaft und trifft in Venedig Kramer, seinen ehemaligen Verhörer und Folterer wieder. Franziska gerät in ein Netz von männlichen Erwartungen und Handlungen, aus dem sie sich letztendlich, nach Kramers Tod versucht zu retten, indem sie abermals einen Mann um Hilfe bittet. Sie geht in einer italienischen Bar auf einen Italiener zu und bittet diesen um Unterstützung. Die Fragen nach Abhängigkeiten und individueller Lebensgestaltung sind das zentrale Thema in Andersch Roman. Rache und Schuld als Ergebnis des Weltkrieges sind nur ein Rahmen für die Bewußtwerdung des eigenen Handelns. Andersch hatte sich wohl mehrere verschiedene Romanendungen ausgedacht, denn der Erfolg von Franziskas Handlungen wird zum Schluß wieder in das alte Klischee der unselbständigen Frau in den 50er Jahren geleitet. Das finde ich wirklich Schade, zumal uns die heutige Gegenwart auch einen anderen Schluß gut vorstellen läßt. Ich habe diese Buch von Andersch sehr gerne gelesen und finde darin auch viele Anregungen zu Fragen, die heute noch aktuell sind.