Ein Mythos umgibt die Rosenkreuzer, eine Aura des Geheimnisvollen. Gerüchten nach wür-den sie das wahre Wesen Gottes kennen und ein frühantikes Initiationssystem überliefern, um von Stufe zu Stufe zu höheren Ebenen des Menschseins aufzusteigen. Natürlich hätten sie längst den Stein des Weisen gefunden. Goldherstellung und Unsichtbarmachung dürften zu ihren leichteren Übungen gehören.
Gleich zu Beginn des 17. Jahrhunderts lässt eine Unsichtbare Fraternität R. C. aufhorchen, die nach einander drei Schriften veröffentlicht, die so genannten Rosenkreuzerischen Manifeste. Gekonnt stricken schon die anonym bleibenden Verfasser an diesem Mythos und erklären symbolhaft, ihre Bruderschaft habe im Grab ihres Gründers Vatter R.C. das gesamte Wissen über die Natur und den Menschen wiedergefunden und sei bereit, es an gut Vorbereitete wei-terzugeben.
Dieses unterhaltsam geschriebene und eindrucksvoll gestaltete Buch stellt Inhalte dieser Ma-nifeste samt ihrer echten und vermeintlichen Herausgeber in Bild und Text vor. Es zeigt die politischen, sozialen und psychologischen Hintergründe auf, die den Mythos entstehen ließen und erklärt, was an den Gerüchten Wahrheit ist und was Missverständnis. Dabei wird der Le-ser auf eine ideengeschichtliche Zeitreise mitgenommen, die im alten Ägypten beginnt, über die griechische Antike und Mystik des Mittelalters zunächst bis in die Zeit der Reformation führt. Dann werden alle ehemaligen und noch bestehenden größeren Orden und Organisatio-nen aus der 400jährigen Geschichte vorgestellt. Sie alle arbeiteten und arbeiten noch daran, eine ewige Sehnsucht des Menschen zu stillen, weit über sich selbst hinauszuwachsen und dabei ihre Lebensaufgabe zu finden. Und einigen Anhängern dieser Idee scheint es gelungen zu sein. Überhaupt gab es viele sehr beachtliche Personen in ihren Reihen, aber wohl auch einige Scharlatane.
Leider lässt das sehr kreative Layout nicht immer auf den ersten Blick erfassen, welche der Bildunterschriften mit ihren offensichtlich mehrbödigen Botschaften zu welchem Bild gehört. Doch dies ist nur ein kleiner Schönheitsfehler in einem ansonsten prachtvollen Band. In seiner systematischen Strukturierung und dem aufschlussreichen Bildmaterial ist das Buch jedem Interessierten zu empfehlen. Mir persönlich haben besonders die vielen symbolischen Bilder gefallen, wobei die Texte dazu die Tiefe der rosenkreuzerischen Lehre erahnen lässt.