Kurzbeschreibung
"Jetzt bin ich König", sagt der sechzehnjährige Ludwig nach gelungenem Staatsstreich, als der mächtige Günstling seiner Mutter Maria von Medici erschossen auf der Brücke zum Louvre liegt. Mit diesem Theatercoup beginnt der sechste Band der Romanfolge "Fortune de France", in der Robert Merle historisch verläßlich, mit viel Witz und feiner Ironie ein dramatisches französisches Jahrhundert erzählt.
Der Verlag über das Buch
"...ein wundervolles, farbenfrohes, spannend erzähltes Geschichtspanorama." Zeitpunkt
Über den Autor
Robert Merle wurde 1908 in Tébessa in Algerien geboren. Nach Schule und Studium in Frankreich war er von 1940 bis 1943 in deutscher Kriegsgefangenschaft. 1949 erhielt er den Prix Goncourt für seinen ersten Roman "Wochenende in Zuydcoote", 1952 gelang ihm ein weltweiter Erfolg mit "Der Tod ist mein Beruf". Robert Merle starb im März 2004 in seinem Haus in Montfort-l"Amaury in der Nähe von Paris.
Auszug aus Die Rosen des Lebens von Robert Merle. Copyright © 2000. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Fünf Kugeln feuerten die Verschworenen auf den Schurken Concini ab, als er am 24. April 1617 den Louvre über die schlafende Brücke betrat. Die zwei ersten verfehlten ihn, die dritte traf ihn zwischen den Augen, die vierte unterm rechten Auge, die fünfte zerriß ihm die Kehle. So konnte man - leicht übertrieben - sagen, er wurde dreimal getötet, zu Frankreichs Ruhe und Erlösung hätte schon einmal genügt. "Jetzt bin ich König", war alles, was Ludwig danach sagte. Zehn Tage später, einen Tag vor Himmelfahrt, am 3. Mai um halb drei Uhr nachmittags ging die schluchzende Maria von Medici nach Schloß Blois in die Verbannung. Mit undurchdringlichem Gesicht sah Ludwig von einem Fenster des Louvre die Karosse seiner lieblosen Mutter davonrollen. Meine geliebte Patin, die Herzogin von Guise, die mit ihrer Tochter, der Prinzessin Conti, zu den engsten Freundinnen der Ex-Regentin gehört hatte, was in punkto Finanzen für sie ein Glücksfall gewesen war, erholte sich von diesem Schlag nicht so schnell, zumal sie wußte, daß Ludwig kein großer Frauenfreund war, dazu hatte ihn seine Mutter in den sieben unheilvollen Jahren ihrer Herrschaft zu sehr niedergehalten und gedemütigt. Und kein Sturz ist so endgültig wie ein Sturz am Hofe, denn wer von den Höhen der Macht fällt, kann für seine graue Zukunft kaum mehr auf Freunde bauen. Doch Madame de Guise, die unter der Regentschaft zum großen Zorn meines Vaters, des Chevaliers de La Surie und meiner selbst ziemlich hochnäsig auf meinen armen Königssohn herabgesehen hatte - einfältig hatte sie ihn genannt, "gerade nur imstande, seine Zinnsoldaten zu befehligen" -, entdeckte nun quasi von einem Tag auf den anderen seine Tugenden: Entschlossenheit, Kühnheit, Umsicht und eine wahrhaft königliche Verschwiegenheit. Kurz, sie bewunderte, daß ein Knabe von fünfzehneinhalb Jahren diesen erstaunlichen Staatsstreich ersonnen und bis zum erfolgreichen Abschluß geführt hatte. Dieses Lob wurde Ludwig an unserem Tische gezollt, denn durch einen Laufburschen, der sich morgens in unserem Haus in der Rue du Champ Fleuri einstellte, hatte sich Madame de Guise ohne Umstände zum Mittagessen angesagt: Sie habe mir, hatte sie ausrichten lassen, höchst wichtige Dinge mitzuteilen. Daß sie so wichtig seien, bezweifelte ich, obwohl ich meiner Patin alle Sohnesliebe entgegenbrachte, schließlich fließt ihr Bourbonenblut in meinen Adern.1 Ich erwähne dies in aller Bescheidenheit, denn ein weiblicher Fehltritt auch seitens einer Prinzessin von Geblüt berechtigt niemanden, sich als wenngleich illegitimen königlichen Abkommen zu betrachten. Was mich im übrigen wenig bekümmerte, ich fühlte mich bis ins Mark als Siorac und war fest entschlossen, mein Fortkommen in der Gesellschaft, wie schon mein Vater, allein nur meinem Dienst für den König zu verdanken. Vom Mieder bis zum Reifrock, vom Reifrock bis zu ihren Pantöffelchen erstrahlte Madame de Guise in blaßblauem Satin, der ihre himmelblauen Augen in Geltung setzte. Ungeachtet der Perlen an ihrem Gewand wie der blitzenden Diamanten in ihrer Puderfrisur war ich, wenn sie erschien, ganz Aufmerksamkeit nur für ihren bald zärtlichen, bald zornigen Blick, ihr fröhliches, melodisches Lachen, ihren unversieglichen Appetit, ihre sprunghaften Einfälle und Aufregungen, und wie stets bewunderte ich im stillen diese fabelhafte Gesundheit, dank derer sie nicht nur fünf Geburten überlebt hatte, sondern die ihr auch die Gebrechlichkeiten des Alters ersparte und eine prächtige Lebenslust erhielt. Kaum hatte sie zur Rechten meines Vaters Platz genommen, machte sie sich unverweilt über Wein und Schüsseln her, und erst als sie gesättigt war, sprach sie. Kurioserweise, doch ganz ihrer Art gemäß eröffnete sie die Mitteilung ihrer höchst wichtigen Dinge damit, daß sie mich abkanzelte. "Also, wirklich, mein Herr Patensohn!" begann sie und maß mich mit hochfahrendem Blick, "wer bin ich für Euch? Das fünfte Rad am Wagen, wie? Spielt den Geheimniskrämer! Konspiriert hinter meinem Rücken! Und gegen wen? Gegen die Königin von Frankreich!" "Um Vergebung, Madame", sagte mein Vater mit einem halb liebevollen, halb spöttischen Lächeln, "Maria von Medici ist die Königinmutter. Sie ist nicht Königin von Frankreich. Dieser Titel steht allein Anna von Österreich zu." "Ist doch egal!" "Oh, Madame", fiel ich lebhaft ein, "das ist nicht egal! Es ist ganz und gar nicht egal! Ich habe konspiriert, einverstanden, aber an der Seite meines Königs und gegen die Tyrannei eines schurkischen Abenteurers und einer Mutter, die sich immer noch an den Thron klammerte, obwohl ihr Sohn längst für großjährig erklärt worden war." "Na schön, na schön", sagte Madame de Guise, indem sie ihre molligen Hände hob, "bitte, lassen wir doch diese Spitzfindigkeiten ... Geschehen ist geschehen, jetzt haben wir die Suppe auszulöffeln." Bei diesen Worten wechselten mein Vater und La Surie einen Blick, denn meine Patin hatte die Angewohnheit, alles, aber auch alles, was ihrer Ansicht widersprach, als Spitzfindigkeiten abzutun. "Außerdem, wozu sich noch mit der Vergangenheit aufhalten, gibt uns die Gegenwart nicht genug Anlaß zur Sorge?" fuhr Madame de Guise fort, wobei sie vergaß, daß sie selbst ebendies getan hatte. "Im Grunde genommen, Söhnchen, verübele ich Euch die unwürdige Geheimniskrämerei ja nicht so sehr, nur ..." "Nur, Madame", sagte mein Vater, indem er seine breite Rechte auf die kleine Hand meiner Patin legte - eine Berührung, bei der sie noch nach so vielen Jahren erschauerte und rosig anlief -, "könnt Ihr nicht begreifen, daß es keine Verschwörung ohne Geheimhaltung gibt, nicht wahr? Sogar mir hat Pierre-Emmanuel kein Sterbenswörtchen verraten. Und er hatte recht damit." "Aber, Marquis!" versetzte sie aufgebracht, doch ohne ihre Hand unter der seinen wegzuziehen, "läßt es Euch etwa kalt, daß unser Pierre-Emmanuel leicht bis ans Ende seiner Tage in der Bastille hätte schmachten können? Oder, noch schlimmer, auf dem Richtblock enden, unterm Henkersschwert?" "Madame, wozu ein Was-wäre-wenn beweinen, lacht uns denn nicht die Wirklichkeit?" sagte der Marquis de Siorac. "Ich jedenfalls bin von Herzen froh, daß Pierre-Emmanuel einer von jener Handvoll Männern war, die unter Gefahr für Freiheit und Leben den Plan des Königs ausgeführt haben." "Aber das ist es doch gerade!" rief Madame de Guise, "deshalb bin ich ja hier! Ich finde, Pierre-Emmanuel ist viel zu bescheiden und zurückhaltend, während die Meute derer, die mit ihm im Komplott waren, laut und vernehmlich nach Stellen, Ehren, Titeln und Pfründen schreit." "Ach, und die bekommen sie?" fragte ich stockend. "Ja, selbstverständlich!" sagte sie mit einem hochfahrenden Anflug. "Ludwig ist gerecht und vergißt nicht zu belohnen, wer ihm so gut gedient hat!" Noch zwei Tugenden, die sie ihm plötzlich zuerkennt, dachte ich: Gerechtigkeit und Dankbarkeit. Wie sich die Zeiten ändern!
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.