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Nun aber zu dem Buch, um das es hier geht. Meiner Meinung nach handelt es sich um ein einseitiges, an manchen Stellen auch polemisches, aber insgesamt kein schlechtes Buch - wenn man sich die Schwachpunkte vergegenwärtigt und sie "im Hinterkopf" behält.
Dem Autor gelingt es, familiäre und gesellschaftliche Faktoren - die ADS/ADHS begünstigen bzw. mitauslösen - in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken. Damit weist er auf wichtige Dinge hin. Viele Eltern sind - gottlob! - so verantwortungsbewusst, dass ihnen diese Faktoren intuitiv gegenwärtig sind und sie den Medienkonsum ihrer ADHS-Kinder streng reglementieren (und übrigens auch den ihrer anderen Kinder!). Aber welchen Sinn hat es zum Beispiel, einem 8-jährigen Jungen Ritalin zu geben (das indiziert sein mag) und ihm gleichzeitig einen eigenen Fernseher ins Kinderzimmer zu stellen, der ihm den unkontrollierten Konsum von 35 Kabelkanälen ermöglicht? Vorzugsweise von Actionfilmen, versteht sich. Leider ist dieses Beispiel weder fiktiv noch extrem selten. Werfen Sie einen Blick in ihre Nachbarschaft. Dass der Autor den Finger in diese Wunde legt, ist richtig. Hier zeigen sich die Auswüchse eines naiven, biologistischen Krankheitsverständnisses. Leider ist zu befürchten, dass die Eltern, die eine entsprechende Sensibilisierung am dringendsten nötig hätten, dieses Buch nicht lesen werden.
Und was ist nun der Schwachpunkt des Buches? Nun, dieser liegt darin, dass den verantwortungsvoll agierenden Eltern, die auf die Umwelt ihrer Kinder achten, ihnen aber AUCH Methylphenidat (= Ritalin und verwandte Medikamente) verabreichen lassen, ein schlechtes Gewissen eingeredet wird. Durch seine zugespitzten Positionen suggeriert der Autor: Wenn man sich nur richtig kümmert, dann gehts auch ohne Ritalin... Und damit macht er es sich leider zu einfach. Sicher, es gibt Kinder und Jugendliche, bei denen die Symptomatik eher schwach ist und bei denen vielleicht auch die Diagnose nicht korrekt gestellt wurde (es empfiehlt sich, einen erfahrenen Kinder- und Jugendpsychiater aufzusuchen). Aber ebenso sicher gibt es Kinder und Jugendliche, die unter so ausgeprägten Verhaltensstörungen leiden, dass die Gabe von Methylphenidat unumgänglich erscheint. Sonst würden sie in der Schule scheitern. Sonst würden sie vielleicht sogar auf längere Sicht drogenabhängig und/oder kriminell werden. Seriöse ADS/ADHS-Fachleute sind pragmatisch und verantwortungsbewusst genug, entsprechend zu verfahren - ohne damit zu Fürsprechern einer rein medikamentösen Therapie zu werden.
So hat das Buch alles in allem seine Berechtigung als engagiertes Statement in einer angeheizten Diskussion. Als praktischer Ratgeber für betroffene Eltern ist es eher nicht zu empfehlen.
Der Autor bestreitet, dass ADS eine angeborene Stoffwechselstörung im Gehirn ist. Bei ADS handle es sich vielmehr um eine Entwicklungsstörung, die ganz überwiegend durch die unkontrollierte Reizüberflutung in der modernen Hochgeschwindigkeitsgesellschaft verursacht werde. Ritalin könne die Symptome überdecken, den Betroffenen die Anpassung an ihr Lebensumfeld erleichtern, sei aber bei der Bewältigung des Grundproblems nicht hilfreich.
Die vielfach als paradox beschriebene beruhigende Wirkung des „Aufputschmittels" Ritalin erstaunt DeGrandpre nicht, vielmehr zeige sich bei derartigen Drogen durchaus eine sedierende Wirkung - je nach psychologischem Kontext und Umständen, unter denen sie eingenommen werden. Ritalin ersetze dem Betroffenen die innere Stimulation, nach der er verlange.
In den USA werde ADS deshalb mit weit höheren Prozentanteilen festgestellt als in europäischen Ländern, weil die Schnellfeuerkultur („Rapid-Fire-Culture") dort am weitesten fortgeschritten sei.
Auch die wirtschaftliche Interessenlage von Ärzten, die mit der ADS-Behandlung Geld verdienen und der Pharmaindustrie, die z.B. ADS-Selbsthilfegruppen mit namhaften Beträgen unterstützt, findet Erwähnung. Diese Konstellation unterscheidet sich in nichts von der anderer Krankheiten, mit deren Behandlung Geld zu verdienen ist. Die Offenlegung der wirtschaftlichen Beziehungen und die öffentliche Diskussion, wie gerade im Buch von DeGrandpre geschehen, ist eines der besten Mittel, um gegen unlauteren Wettbewerb, Manipulation und Verbrauchertäuschung im Gesundheitsmarkt vorzugehen.
Manche Einseitigkeit schadet der Überzeugungskraft des Autors, auch wenn er überwiegend vorsichtig und differenziert argumentiert. Bei der Diskussion der Frage, ob neurophysiologische Veränderungen Ursache oder Folge hyperaktiven Verhaltens sind, will DeGrandpre offenbar nicht wahrhaben, dass auch die von ihm angegriffenen Autoren Ratey / Hallowell davon ausgehen, dass sich die soziale Umgebung stark auf die Entwicklung des Gehirns und des Verstandes auswirkt (Ratey im Vorwort zu dem - von DeGrandpre gar nicht erst erwähnten - Buch „Women with Attention-Deficit-Disorder" von Sari Solden, 1995, deutsch: „Die Chaos-Prinzession", 1999). Eine biologistische Determination vertritt keiner der angegriffenen Experten.
Laut DeGrandpre ist die US-amerikanische „Kultur der Vernachlässigung" verantwortlich für die Krise der Familie in der Gesellschaft und damit für die Krise des Kindes und die starke ADS-Zunahme. Die „Kernfamilie" habe mehr als ein Jahrhundert lang als sicherer Hafen vor dem wachsenden Druck der Außenwelt gedient. Heute erfülle die amerikanische Familie ihre Grundfunktion immer weniger, die Lebensqualität der Kinder nehme ab. Kennzeichen dieser Entwicklung sei, dass Millionen neuer Mütter in das „Heer der ganztägigen Arbeitskräfte" gingen (entlarvend die deutsche Übersetzung: „Doppelverdiener"), für die Kinder bleibe zu wenig Zeit, sie würden der Obhut „Fremder" überlassen. An anderer Stelle werden die stabilen Beziehungen innerhalb der amerikanischen „Amish"-Sekte als beispielhaft gelobt.
Der Autor wollte mit seinem Buch keine konkrete Handlungsanleitung für Betroffene, ihre Eltern und Angehörigen liefern. Dennoch gibt es Hoffnung, dass ADS wenn schon nicht überwunden und endgültig „geheilt", so doch mit eigenen Kräften und mit tatkräftiger Unterstützung durch Angehörige, Selbsthilfegruppen und Therapeuten so weit kontrolliert werden kann, dass ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben möglich ist.
Der Autor weist in seinem Buch nach, daß ADS keine genetische Störung ist. Dies mag auf den ersten Blick verblüffend klingen, aber die wissenschaftlichen Beweise im Anhang des Buches sprechen eine deutliche Sprache. Man sollte sich keineswegs vom Lesen des Buches nur deswegen abschrecken lassen, weil man bisher fest von der biologischen Determiniertheit von ADS überzeugt ist. DeGrandpre streitet einen biologischen Hintergrund von ADS auch gar nicht ab. Aber er macht gleichzeitig klar, wie die westlichen Gesellschaften und allgemeine familiäre Zerrüttung ADS extrem begünstigen.
Die Forschung ist nach DeGrandpre einem Irrtum über Ursache und Wirkung aufgesessen. Denn seiner Ansicht nach ist die veränderte Gehirnchemie von ADS-Kindern nicht die genetische URSACHE, sondern die FOLGE familiärer und gesellschaftlicher Mißstände. Seine Ansicht ist für mich als Leser nachvollziehbar. Ich selber denke auch manchmal, daß die veränderte Gehirnchemie von psychisch Kranken wohl eher die Folge problematischer Lebensumstände als die vererbte Ursache psychischer Probleme ist. Ebenso wie DeGrandpre bin ich der Auffassung, daß es besonders empfindliche und schutzbedürftige Kinder gibt, die auf Störungen im sozialen Umfeld eher als "robustere" Kinder reagieren. So ein Temperament mag vererbt sei. Wogegen ich mich wende und was DeGrandpre gut ausdrücken kann, ist, daß SPEZIFISCH ADS vererbt wird.
Was mir an diesem Buch weniger gefallen hat, sind die verschachtelten und deswegen manchmal schwer lesbaren Sätze gewesen. Außerdem wimmelt das Buch von Rechtschreib-, Grammatik- und Übersetzungsfehlern. Darüber bin ich unangenehm gestolpert. Stutzig machte mich, wieso die deutsche Ausgabe in Auszügen gekürzt wurde. Traut man dem deutschen Leser etwa nicht zu, daß er die interkulturellen Unterschiede zwischen Europa und den USA ausreichend würdigt? Aber dies sind Probleme, die ich eher den Übersetzern und dem deutschen Verlag ankreide. Deswegen auch der Abschlag in der Bewertung und nur vier von fünf möglichen Sternen. Inhaltlich bleibt das Buch sehr lesenswert.
Für jeden ADS-Betroffenen und vor allem Eltern von ADS-Kindern ist das Buch eine Empfehlung. Ebenso sollten Kinderärzte das Buch lesen. Denn Pädiater sind es ja, die das Ritalin zumeist verschreiben. Das Buch fordert geradezu heraus, zu einer zusätzlichen Psychotherapie zu ermuntern (wie es übrigens auch der Ritalin-Beipackzettel dringend empfiehlt). Das Buch fördert die Bildung einer umfassenderen Meinung zum Thema ADS, zusätzlich zur gängigen Meinung der meisten Psychiater. Doch Vorsicht: für Eltern betroffener ADS-Kinder ist das Buch vermutlich eine harte Nuß. Wer denkt schon gern über sich selbst nach, mit der Konsequenz, daß einem mögliche Mißstände im eigenen Leben verdeutlicht werden? Für einen Neueinstieg in die Thematik eignet sich das Buch weniger. Man sollte zumindest die Bücher von "ADS-Befürwortern" (wie Ratey, Hallowell, Hartmann) kennen, um sich mit Kritik an der gängigen Auffassung beschäftigen zu können.
FAZIT: Ritalin ist und bleibt eine Krücke, die familiäre Probleme nicht löst, sondern benebelt. Die unbegründete biomedizinische These der ADS-Entstehung verwechselt Ursache und Wirkung der ADS-Entstehung. Deswegen ist dieses psychiatrische Etikett auch so gefährlich. Denn manche Eltern fühlen sich deswegen sogleich von der Beschäftigung mit möglichen eigenen familiären Mißständen entbunden. Das Buch öffnet die Augen und räumt auf mit einseitiger Meinungsbildung.
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