Im Mittelpunkt des Buches steht die Diskussion um die Sündenbock-Theorie des französischen Literaturwissenschaftlers René Girard, die international beträchtliche Aufmerksamkeit gefunden hat wegen ihres Bezuges hinsichtlich der Opferproblematik, gesellschaftlicher und individueller Gewalt, Konkurrenz, Begehren,Nachahmung und der Rolle religiöser Institutionen hierbei.In der sachlichen Auseinandersetzung mit Girards Positionen fragt der Verf. danach, ob Girards Interpretation des Sündenbock-Phänomens geeignet ist, das religiöse und insbesondere das geistige Opfer, wie es in den sublimierten Hochreligionen und zentral im Christentum zu finden ist, zu erklären.
Im ersten Kapitel stellt er die beiden wichtigen Publikationen von Walter Burkert und R. Girard ("Homo necans; Die Gewalt und das Heilige")vor, welche die Diskussion um das Verständnis von "Mythos, Kult, Opfer" ganz neu belebten und vor allem bei katholischen Theologen breite Resonanz fanden bezüglich des modernen Opferbegriffes. Während Girard das "Opfer" vom "Sündenbock" her erkläre, den man blindwütig herausgreife und zum Gewaltopfer mache, um so den gesellschaftlichen Frieden wieder herzustellen, zeichne Burkert das "Opfer" aus der bestürzenden Einsicht heraus, töten zu müssen, um leben zu können - auf die Formel gebracht: Leben aus Leben. Girard deute das "Opfer" nicht primär religionsgeschichtlich, sondern soziologisch und psychologisch als kaschierte Gewaltentladung. Gewalt entstehe aus der Nachahmung, dem Trieb, dem erfolgreichen Andern nachzueifern oder ihn gar zu beseitigen. Diesen Zusammenhang nennt Girard "mimetische Gewalt". Mimetische Rivalität ist die Hauptquelle zwischenmenschlicher Gewalt, wobei die mimetische Ansteckung immer mehr Mitglieder der Gesellschaft zu erfassen droht. Eine erste Schranke hatte hier schon die jüdische Thora gesetzt, so wenn es im fünften Buch Mose (Deuteronomium 5,21)im zehnten Gebot heißt: "Du sollst nicht deines Nächsten Weib begehren! Und du sollst nicht Verlangen tragen nach deines Nächsten Haus, Acker, Knecht, Magd, Ochs, Esel, oder sonst nach irgend etwas, was deinem Nächsten gehört!" - Doch will der Mensch diese Gewalt nicht als solche erscheinen lassen und deutet sie deswegen um, zum Opfer des Sündenbocks. In blindem Gewaltrausch werde einer herausgegriffen, dabei für alles mögliche Unheil verantwortlich gemacht und dann getötet. Auf diese Weise entlade sich die innergesellschaftliche Aggression und lasse einen neuen Frieden entstehen. Dabei verwandle sich der zuvor verfluchte Sündenbock: Weil er den Frieden sozusagen herbeigeführt hat, erscheint er nun als sakralisiert, d.h. geheiligt. Demnach ist das religiöse Opfer nichts anderes als kaschierte Gewalt, die sich gesellschaftlich an einem willkürlich herausgegriffenen Sündenbock austobt, diesen aber, weil er zum Unterpfand eines Friedens wird, zuletzt als "sakral" verehrt. Den ganzen Vorgang bezeichnet Girard als "sakrifiziell", d.h. als "heiligmachend" für den Frieden in der Gesellschaft. Eine Wende weg vom sakrifiziellen Opferverständnis erfolge, Girard zufolge, erst konsequent im Christentum: Jesus sei nicht in einem Opferakt, sondern gegen alle Opferakte gestorben, damit es überhaupt keine Opferakte mehr gebe; er habe sich für die Gewaltlosigkeit entschieden und damit die heuchlerische Vertuschung der Gewalt, nämlich als "Opfergabe" an eine Gottheit, radikal bloßgelegt. Nach Girard vollendet des Neue Testament den Prozeß der Entsakralisierung des mimetischen Opfers durch Jesu konsequente Aufdeckung des Sündenbockmechanismus, der schon im Alten Testament durch die Kritik der Propheten am blutigen Opferkult vorbereitet worden war. So zitiert Jesus selbst im Matthäusevangelium den Propheten Hosea in einer Entgegnung auf einige Pharisäer: "Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer (Mt 9,13). Der neue positive Wert des Opferbegriffes besteht für Girard endgültig darin, auf eine Opferung der Anderen und auf die Gewalt gegen sie zu verzichten, freilich mit dem Risiko, selbst "geopfert" zu werden. Girard: "Das Reich Gottes besteht in der vollständigen, endgültigen Beseitigung jeglicher Rache und Vergeltung in den zwischenmenschlichen Beziehungen" (Das Ende der Gewalt, 1983, 204).
Im zweiten Kapitel zeigt der Verf., daß sich, religionshistorisch gesehen, innerhalb des griechischen Kult- und Philosophieverständnisses, wie auch bei den alttestamentarischen Propheten etwas ganz Neues anbahnt, nämlich die Heraufkunft eines unblutigen, sublimierten Opferbegriffs, dem "geistigen Opfer", bei dem es nicht mehr um sozusagen materielle Tributentrichtungen an eine vorgestellte, zornige Gottheit geht, sondern um eine Überwindung des abergläubischen Verständnisses vom Blutvergiessen als sühnender "Reinigung". Die griechische Philosophie konzipierte Gott als Geist, der nicht der materiellen Gabe bedürfe, stattdessen geistige Gaben erheische, anstelle der Menschen-, Tier- oder Nahrungsopfer die Bezeugung des Logos und den Ausweis des guten Gewissens zu setzen. So wandte sich schon der tiefsinnige Heraklit (gest. ca. 480 v. Chr.) mit Schärfe gegen entleerte Rituale, indem er die sühnende Reinigung durch Blut, wie sie die alten Blutopfer forderten, als Besudelung kritisierte:"Aber Reinigung von
Blutschuld suchen sie, indem sie sich mit neuem Blut besudeln." Innerhalb der hellenistischen Philosophie wandelte sich der pseudomagische Opferbegriff vom tödlichen Kultritual zur Auffassung eines "geistigen Opfers", der sogenannten "Thysia logiké". So konnte der Römer Seneca deutlich sagen: "Nicht will Gott verehrt werden durch Opfer und Blutströme, sondern durch ein reines Herz und durch einen ehrenwerten Vorsatz, jeder soll ihn in seinem Herzen heiligen." - Ähnlich hatte sich auch innerhalb der jüdischen Religion schon seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. prophetische Kritik am blutigen, superstitiös aufgefassten Kultopfer gemeldet, so bei Jesaja, bei dem schon zitierten Hosea, bei Jesus Sirach, bei Maleachi und im Buch der Psalmen: "An Schlachtopfern und Speiseopfern hast du kein Gefallen; Brand- und Sündopfer forderst du nicht", wie es in Psalm 40 (7) heißt. Schon in der Thora wird der Rachegedanken zurück gewiesen, im dritten Buch Mose: "Räche dich nicht, und trage den Söhnen deines Volkes nicht nach, sondern liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Ein Fremdling, der sich im Land aufhält, darf nicht bedrückt werden, sondern ist wie ein Einheimischer zu behandeln: Du sollst ihn lieben wie dich selbst (Leviticus 19,18,34). - Im Buch Jesus Sirach (2. Jh. v. Chr.) wird unter "Opfer" die Abkehr vom Bösen, von Unrecht verstanden: "Wer das Gesetz befolgt, bringt viele Opfer dar, ein Gemeinschaftsopfer, wer die Gebote beobachtet. Wer Liebe übt, bringt ein Speiseopfer dar, und wer ein Almosen gibt, spendet ein Dankopfer. Das Wohlgefallen des Herrn ist die Abkehr vom Bösen, und ein Sühnopfer die Abkehr vom Unrecht." (35, 1-3).
Die Kapitel drei und vier dienen dem Verf. gleichsam als vorbereitende Abschnitte einer Klärung der christlichen Opferauffassung in ihren unterschiedlichen Dimensionen (liturgisches Gedächtnis, Eucharistie, Hörbereitschaft, Mahl und Opfer, geistiger Gottesdienst, Sozialbereitschaft, Zeugnis und Martyrium), um sodann im fünften Kapitel seine Haupteinwände gegen Girards verengten Opferbegriff zusammenzufassen. Die Christen übernahmen das Alte Testament, lösten sich aber vom Tempel samt seinem blutigen Tieropferkult und erhoben das geistige Opfer zur Ausschließlichkeit. Vor dem Hintergrund, daß im Kult des zweiten jüdischen Tempels weiterhin Brandopfer und Schlachtopfer stattfanden, ist Jesu Opferkritik zu verstehen. Zweimal wiederholt Jesus das alttestamentarische Hosea-Wort gegen sinnentleerte Rituale: "Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer", (Mt 9,13). In der Auseinandersetzung mit den Pharisäern bezüglich der Frage nach dem Sabbatgebot sagt Jesus zu ihnen: "Wenn ihr begriffen hättet, was das heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer, dann hättet ihr Unschuldige nicht verurteilt" (Mt 12,7). Nach dem Ebioniten-Evangelium (ca. 2. Jh.) zufolge ist Jesus gekommen, um die Opfer ganz abzuschaffen. "Opfer" besteht jetzt in der Hörbereitschaft für Gott, im Lobopfer und Dankesopfer (Eucharistie), in der gegenseitigen Hilfe (Caritas), sowie im Zeugnisablegen für die durch Jesu Selbsteinsatz übermittelte zeitlose Wahrheit von der immerwährenden göttlichen Initiative verströmenden Erbarmens und bedingungsloser Liebeskraftentfaltung, die notfalls bis zum eigenen Lebenseinsatz, aber nicht von vornherein zum Opfertod des Märtyrers führen muß. Zentral ist hierbei noch Jesu konsequente Durchkreuzung jeglicher Spielarten einer ideologisch verbrämten Herrschaft-Knechtschaft-Optik, wie das Jesus beispielsweise im Abweisen jeglicher Ansprüche irgendwelcher Rangordnungen in der Diskussion mit seinen Jüngern gezeigt hat: "Ihr wißt, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele" (Mk 10,42-45).
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