Kurzbeschreibung
Innerhalb der aktuellen Diskussion läßt sich ein breites Spektrum verschiedener und zum Teil überaus heterogener Formen des Neopragmatismus unterscheiden. Als Orientierungshilfe kann die Aufteilung in zwei Grundtypen dienen. Sie ergibt sich, wenn man den Blick auf die jeweils verfolgten akademischen Diskursstrategien richtet.
Die eine Strategie besteht darin, den Pragmatismusbegriff bewußt weit (inflationär) zu fassen, um dem Neopragmatismus auf diesem Weg eine möglichst breite Verankerung im fachphilosophischen Diskurs zu sichern. Die andere Strategie pocht auf eine restriktive (deflationäre) Verwendung des Pragmatismusbegriffs mit dem Ziel der provokativen Abgrenzung vom professonalisierten Selbstverständnis der modernen Universitätsphilosophie. Gemeinsam ist beiden Varianten die inhaltliche Abwendung von der als "repräsentationalistisch" kritisierten Debatte um Realismus und Antirealismus.
Im Zentrum dieser Debatte, die das Denken des zwanzigsten Jahrhundert stark geprägt hat, steht das Problem, ob unsere Vorstellungen von der Wirklichkeit realistisch als Abbildungen oder antirealistisch als Konstruktionen zu verstehen sind.
Von den Deflationisten wird das als fruchtloser Streit um die fast schon religiöse Frage nach einer erhabenen, nichtmenschlichen Instanz interpretiert, die unser Sprechen und Denken entweder von außen oder von innen her determiniert. Statt weiter nach einer solchen Autorität zu suchen, schlagen sie vor, unser Wissen als Werkzeug einer demokratisch ausgerichteten Wirklichkeitsgestaltung zu verstehen, für die allein wir selbst verantwortlich sind (Rorty). Im Unterschied zu dieser politisch-humanistischen Kritik formulieren die "Inflationisten" ihre Einwände gegen die erkenntnistheoretische Opposition von Finden und Machen aus einer logisch-analytischen Perspektive. Als Alternative zum Repräsentationalismus schlagen sie eine Epistemologie vor, deren Grundlagen im Rahmen einer normativen Pragmatik (Brandom), eines undogmatischen Empirismus (McDowell) oder einer interpretationistischen Wahrheitstheorie (Davidson) entwickelt werden.
Über den Autor
Wichtige Veröffentlichungen: (Hg., mit Walther Ch. Zimmerli) "Klassiker der modernen Zeitphilosophie" (1993); (Hg., mit Walther Ch. Zimmerli) "Zeit -- Medien -- Wahrnehmung" (1994); (Hg., mit Antje Gimmler und Walther Ch. Zimmerli) "Die Wiederentdeckung der Zeit. Reflexionen, Analysen, Konzepte" (1997); "Die Verzeitlichung der Zeit. Grundtendenzen der modernen Zeitdebatte in Philosophie und Wissenschaft" (1998); (Hg., mit Winfried Marotzki) "Subjektivität und Öffentlichkeit. Kulturwissenschaftliche Grundlagenprobleme virtueller Welten" (2000).
Auszug aus Die Renaissance des Pragmatismus. von Mike Sandbothe. Copyright © 0. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Beide Strategien werden von den Autorinnen und Autoren entweder auf der Grundlage eines theoretisch-deskriptiven oder auf der Basis eines humanistisch-transformativen Verständnisses von Philosophie angewendet. Während Brandom, Ramberg, Wellmer und Margolis im Rekurs auf jeweils unterschiedliche Traditionen des theoretischen Verständnisses der philosophischen Tätigkeit für einen weiten Pragmatismusbegriff plädieren, tun Rorty, Fine und Gimmler dies auf der Grundlage eines transformativen Philosophieverständnisses, das bestimmte Aspekte der theoretisch akzentuierten Philosophietradition in sich aufnimmt. Demgegenüber plädieren Sandbothe und Allen für eine Deflation von 'Pragmatismus', indem sie vorschlagen, den Begriff für transformativ ausgerichtete Positionen zu reservieren, die es in ihrer Eigenart anzuerkennen und fachphilosophisch auf neue Weise ernst zu nehmen gelte. Eine metaphysisch bzw. religiös akzentuierte Variante dieser Strategie verfolgen Nagl und Putnam. Welsch zielt demgegenüber auf die Rückbindung der analytischen Aspekte, die sich auch in Rortys transformativem Pragmatismus noch finden, in ein theoretisches Philosophieverständnis und trägt damit implizit zu einer deflationären Fokussierung des Pragmatismusbegriffs auf diejenigen Aspekte pragmatischen Denkens bei, die sich nicht als Beitrag zur Lösung oder Auflösung der traditionellen Grundprobleme der Philosophie rekonstruieren lassen.
Vor diesem diskursanalytischen Hintergrund wird deutlich, daß sich mit den unterschiedlichen Strategien der Renaissance des Pragmatismus zugleich unterschiedliche Optionen sowohl für den Umgang mit der philosophischen Tradition als auch für die Lösung der Aufgaben ergeben, vor die sich Philosophie und Wissenschaft im einundzwanzigsten Jahrhundert gestellt sehen. Als gemeinsame Grundlage der neopragmatistischen Diskursstrategien tritt dabei die inhaltliche Abwendung von der als repräsentationalistisch kritisierten Debatte um Realismus und Antirealismus hervor. Im Zentrum dieser Debatte, die das Denken des zwanzigsten Jahrhunderts stark geprägt hat, steht das Problem, ob unsere Vorstellungen von der Wirklichkeit realistisch als Abbildungen oder antirealistisch als Konstruktionen zu verstehen sind.
Von den humanistisch argumentierenden Pragmatisten wird das als ein fruchtloser Streit um die quasi-religiöse Frage nach einer erhabenen, nichtmenschlichen Instanz interpretiert, die unser Sprechen und Denken entweder von außen oder von innen her determiniert. Statt weiter nach einer solchen Autorität zu suchen, schlagen sie vor, unser Wissen als Werkzeug einer demokratisch ausgerichteten Wirklichkeitsgestaltung zu verstehen, für die allein wir selbst verantwortlich sind (Rorty). Im Unterschied zu dieser soziopolitisch ausgerichteten Kritik formulieren die theoretisch und deskriptiv orientierten Pragmatisten ihre Einwände gegen die erkenntnistheoretische Opposition von Finden und Machen aus einer logisch-analytischen Perspektive. Als Alternative zum Repräsentationalismus schlagen sie eine antirepräsentationalistische Epistemologie vor, deren Grundlagen unter anderem im Rahmen der normativen Pragmatik (Brandom), des undogmatischen Empirismus (McDowell) oder der interpretationistischen Wahrheitstheorie (Davidson) entwickelt werden.
Jenseits dieser sich auf einer gemeinsamen Grundlage ergebenden Differenzen verbindet die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Bandes die Einsicht, daß die Vorstellung von einer scharfen Trennung zwischen den philosophischen Traditionen des analytischen und des kontinentalen Denkens zu einem Anachronismus geworden ist, an dessen Stelle transkulturelle Denkzusammenhänge treten. Im Zeitalter der Globalisierung kann die ökumenischer werdende Gegenwartsphilosophie einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die autonomen Einzelwissenschaften zu einem transdiziplinären Fächernetzwerk zu verbinden, das sich bei der Gestaltung der menschlichen Zukunft auf einen philosophisch fundierten Pragmatismus stützt. Der vorliegende Band liefert die Grundlagen für dieses Projekt.
(Einleitung)