Es ist eine Tatsache, dass wenige neue deutsche Bücher in der Nachkriegszeit über die germanische Kultur und Religion erschienen sind. Deshalb wird jede seriös erscheinende Neuerscheinung hierzulande begeistert aufgenommen, auch wenn sie weit hinter der zeitgenössischen internationalen Forschung zurückliegt. Bernhard Maiers Buch ist ein solches Beispiel. Auf grade einmal 150 Seiten (die restlichen 50 Seiten beschäftigt sich der Autor mit neuheidnischen Ansätzen) versucht Maier eine Rundum-Beschreibung germanischer Religion: "Götter Mythen Weltbild". Dabei macht er zusammengefasst unsere Vorfahren zu Primitiven -die immerhin einer Religion anhingen, die bis zum Jahre 785 in Teilen Deutschland offiziell ausgeübt wurde und in Skandinavien bis ca zum Jahre 1000 - die angeblich priesterlos und mehr oder weniger "primitiv" war. Und natürlich überganglos vom Christentum abgelöst wurde. Fast könnte man den Eindruck bekommen, hier übe sich jemand in kultureller Selbsternierdrigung. Alleine die Komplexizität der germanischen Gesellschaften mit einer starken vertikal geschichteten Gesellschaftsstruktur mit vielen Funktionären und einer fast ständischen Schichtung lässt es als ausgesprochen ungewöhnlich bis seltsam erscheinen, dass eine so komplexe Gesellschaft kein Berufspriestertum gehabt haben soll - so wie übrigens durchwegs ALLE Gesellschaften zu dieser Zeit mit ähnlichem Aufbau.
Alle diese als Tatsachen hingestellten Behauptungen sind im grossen und ganzen von der internationalen Forschung widerlegt worden. Demnach gab zumindest in der späteren Zeit es sehr wohl Berufspriester, es gab Tempel in verschiedenen Ausführungen und ein langes wenn auch schwieriges Nebeneinanderleben von Heiden und Christen.
Leider verfällt Maier aber sogar auf die Idee, die nun in der Literatur vielfach nachgewiesen Priester (godar) auf Island im Nachhinein als "christliche Rückspiegelungen" zu verleugnen, wie auch viele überlieferte Ritualbräuche der Germanen. Fügt man dem noch das Kapitel über heidnische Rekonstruktionsbewegungen hinzu, die durchwegs als "angsterfüllte Realitätsflucht" etc. und als Theosophen bzw. Ariosophen, d.h. tendenziell rechtsgerichtet gebrandmarkt werden, so kann man insgesamt von einer nicht vorurteilsfreien Bewertung des germanischen Heidentums ausgehen.
Menschen mit Interesse an gut recherchierter wissenschaftlicher Literatur zum Thema solten Wilhelm Grönbech lesen oder Dubois "Nordic Religions in the wikling age"