Bereits die Entstehungsgeschichte der "Reiterarmee" hat es in sich: Isaak Babel hatte sich inkognito Budjonnyjs Reiterarmee während des polnisch-russischen Krieges 1920/21 angeschlossen - kein geringes Wagnis, wenn man den nicht nur latenten Antisemitismus der Kosaken bedenkt. Wegen seiner ungeschönten Darstellung der Roten Armee in seinem Erzählzyklus "Die Reiterarmee" wurde Babel bald nach dem ersten Erscheinen des Buches angefeindet, von Budjonnyj wurde er sogar der Verleumdung bezichtigt. Als Konsequenz konnte die "Reiterarmee" anschließend jahrzehntelang nur in einer Fassung erscheinen, die zuvor von den Zensurbehörden kräftig "redigiert" worden war. Urbans Neuübersetzung liegt endlich der authentische Text der Ausgabe von 1927 zugrunde, den Babel selbst veröffentlicht hat.
Die "Reiterarmee", spiegelt als Erzählzyklus Babels Eindrücke und Erlebnisse aus dem polnisch-russischen Krieg wider, der mit barbarischer Grausamkeit geführt wurde und der auch die (oftmals jüdische) Zivilbevölkerung nicht schonte. Babel erspart sich und seinen Lesern nichts; eine "leichte Lektüre" hält man hier nicht in Händen.
Babels Interesse galt weder der Verherrlichung des Krieges noch dessen Wertung; er beschrieb scheinbar unbeteiligt, wie ein Chronist, die Einzelschicksale der Täter und der Opfer. Der zunächst wie ein Kaleidoskop wirkende Erzählzyklus ist alles andere als "zufällig" aufgebaut:
Der Erzähler nimmt verschiedene Perspektiven ein, etwa die der jüdischen und katholischen Polen, aber auch die der Kosaken. Seine Themen sind z.B. das jüdische Leben in Wolhynien oder Galizien, die teilweise fremd wirkende Welt des katholischen Polen, die oftmals unreflektierte Ergebenheit der Soldaten in ihr Schicksal - aber auch die geschundene Kreatur, sei es nun Mensch oder Tier. Diese und andere Themen tauchen immer wieder auf, ebenso wie sich viele Motive (z.B. "Sehen/Augen" oder "Erinnerung") durch die einzelnen Erzählungen ziehen und in allen nur denkbaren Spielarten und Sprachebenen variiert und reflektiert werden - innerhalb der Einzelerzählungen und erst recht in der Wechselbeziehung zwischen den verschiedenen Erzählungen. Die Formenvielfalt wird durch Babels ganz eigenen Stil zusammengehalten, lakonisch knapp einerseits, und doch entstehen durch präzisest-mögliche Wortwahl eindringliche Bilder.
Wie nahe Babels Bericht übrigens an der Wirklichkeit war, zeigen seine Tagebucheinträge aus dieser Zeit; in der "Reiterarmee" griff er häufig auf seine Notizen zurück. Allerdings ist Babel kein einfacher Kriegsberichterstatter; die Faszination dieser Erzählungen beruht nämlich nicht zuletzt auf der schier unglaublichen Bandbreite seiner sprachlichen Fähigkeiten.
Peter Urban kommt das Verdienst zu, Babels unverwechselbare Prosa vorbildlich ins Deutsche übersetzt und das Tagebuch hervorragend ediert zu haben. Hinzu kommt ein Anmerkungsapparat, der seinesgleichen sucht: Erzähungen Babels aus dem Umkreis der "Reiterarmee", journalistische Arbeiten Babels ("5 Beiträge des Korrespondenten K. Ljutov") sowie Skizzen und Entwürfe zu weiteren Erzählungen in deutscher Erstübersetzung -- und natürlich ein Editionsbericht und ausführlicher Anmerkungsapparat, schließlich ein kundiges Nachwort.