Natürlich kennen wir dieses Buch des englischen Romanciers Graham Greene (1904-1991) längst. 1969 ist die Originalausgabe erschienen, danach gab es einige deutsche Übersetzungen. Also nicht Neues in Greene-Land? Doch: Die sehr schöne Übersetzung von Brigitte Hilzensauer der "Die Reisen mit meiner Tante" beweist nur einmal mehr die literarische Qualität dieses turbulenten und amüsanten Romans.
Henry Pulling, Junggeselle, pensionierte Bankbeamter und Dahlien-Züchter, hat seine Mutter verloren, dafür Tante Augusta gewonnen. Und damit beginnt ein Leben voller Gefahren und Abenteuer. Denn Tante Augusta ist nahe dem Greisenalter, aber längst nicht vergreist. Sie liebt nach wie vor die Liebe, hat eine Vorliebe für finstere Geld- und andere Geschäfte und ist eine fantastische Erzählerin skurriler, heiterer und immer etwas frivoler Geschichten. Aber sie erzählt nicht nur Geschichten, sie erlebt sie auch.
So gerät Neffe Henry in ihren Bann. Sie hat ihn sich - nachdem es doch einige Irritationen mit Mutters Asche gab, in der die Polizei Haschisch gefunden hat - als Reisebegleiter auserkoren. Die Reise geht im Orientexpress nach Istanbul. Hier lernt Henry das Hippiemädchen Tooley kennen, hier raucht er seinen ersten Joint. Außerdem werden Goldbarren in Kerzen geschmuggelt, finstere Devisengeschäfte getätigt. Der türkische Geheimdienst ermittelt und auch sonst ist alles sehr abenteuerlich und gefährlich und für den braven Bankbeamten fremd.
Trotz allem gewinnt Henry seine lebenslustige Tante lieben - und wir Leser ebenfalls; wo auch immer sie auf dem Globus auftaucht, welche Liebesabenteuer sie erleben, welche Gefahren sie bestehen mag. Tante Augusta ist ein Solitär in der Weltliteratur, die Reisen mit ihr äußerst vergnüglich und Graham Greenes Buch ein brillanter Roman, eine schwarze Komödie: heiter, amoralisch und voller Humor - und wahrscheinlich unvergänglich.