Der passionierte Trinker Wenja Jerofejew schildert in diesem 1969 entstandenen "Poem" seine Reise von Moskau nach Petuschki (einen real existierenden Ort 125 km östlich von Moskau, "Petushki" bedeutet wörtlich übersetzt "Hähnchen", in Plural), zu seiner Geliebten. Die Handlung spielt im Wesentlichen in einem Vorortzug, die Kapitelbezeichnungen entsprechen den Steckenabschnitten. Der Schwerpunkt des "Poems" ist Alkoholkonsum in seinen verschiedenen Hypostasen. Der Hörer wird Zeuge eines theoretisch untermauerten und bedächtigen Bacchanals, an dem sich, nach Wenjas Solo-Anlauf, dann einige seiner Mitreisende enthusiastisch beteiligen. Wir werden in die hohe Kunst des Leistungssaufens eingeführt und dürfen an philosophischen Diskursen und geistigen Höhenflügen, bei denen es um Erdarbeiten, Kartenspiel, russische Idiosynkrasien, den Geheimrat Goethe, die Kreuzigung Jesu (um nur Einiges zu nennen) geht, teilhaben. Alle Themen werden in ihrer Bezüglichkeit auf Alkoholkonsum erörtert. Auch lernen wir einige eigenwillige Cocktailrezepte, zu deren Zutaten, unter anderem, Nagellack und Mittel gegen Schweißfüsse gehören, kennen. Ziemlich enthemmt also das Ganze.
Der Mitschnitt ist eine Live-Aufnahme aus dem Literaturhaus Hamburg. Die drei Vorleser (Harry Rowohlt, Robert Gernhardt, Josef Bilous) wechseln sich ab, einer von ihnen (nicht Rowohlt) nuschelt. Die Vortragsweise ist locker und genüsslich, sie macht den Sprechern offensichtlich Spaß. In ihrer Hingerissenheit stolpern sie jedoch des Öfteren über russische Ortsbezeichnungen. Und dann sind da noch mitgeschnittene - aus meiner Sicht durchaus entbehrliche - Lacher aus dem Saal. Das Happening lässt einen streckenweise irgendwie an die Laienkunst der Werktätigen (so nach dem Feierabend in einem Fabrikklub) denken.
Die Übersetzung - für welche die Vorleser freilich nichts haben - hat aus meiner Sicht auch noch Potenzial. Manch eine Pointe aus dem Original bleibt in der etwas biederen deutschen Fassung schon mal auf der Strecke: wo es im Urtext, zum Beispiel, um den Unterschied zwischen "Übergeben" und "Kotzen" geht, verwendet der Übersetzer "Schlecht werden" und "Übergeben". Daneben ist einiges unnötigerweise unverständlich gemacht: Z.B. wer weiß schon in Deutschland, dass "der Vorsitzende des landwirtschaftlichen Sowjets" ein Burgermeister ist?
Alles in allem hat mich sowohl die Performanz der Sprecher als auch die Übersetzung, vor dem Hintergrund der Bekanntschaft mit der Urfassung dieses postmodernen Knallers, etwas enttäuscht. Ich vergebe drei Sterne.