Als bekennender Fan von Endzeit-Romanen musste ich natürlich früher oder später an die Metro2033-Reihe gelangen. Wer es nicht kennt, die Prämisse der Metro-Reihe ist schnell erzählt: Ein verheerender Atomkrieg radiert die Zivilisation wie wir sie kennen aus und treibt die wenigen Überlebenden in die U-Bahn-Schächte der Großstadt-Metros - dort haben sich über die Jahre hinweg verschiedene, rivalisierende Gesellschaften und Ökonomien entwickelt.
Während der erste Roman mit diesem frischen Setting und seiner düsteren, beklemmenden Atmosphäre bei den Lesern und mir für reichlich Spannung und Gruselei gesorgt hat, war die Fortsetzung "Metro 2034" aus meiner Sicht leider höchstens noch durchschnittlich. Trotzdem: Die Franchise hat in meinen Augen so viel Potential, dass ich ohne großes Grübeln noch mal einen Blick riskieren wollte. (Kurzfazit am Schluss)
Nun halte ich mit "Die Reise ins Licht" einen Spinoff-Roman der Serie in den Händen. Es handelt sich um das Erstlingswerk des Autors Andrej Djarkow. Der hat das Setting direkt mal von Moskau in die Metro von St. Petersburg verlegt. Ein kluger Schachzug, um nicht mit vorher geschaffenen Tatsachen des "Metro-Vaters" Dmitri Gluchowski zu kollidieren. So kann Djarkow seine eigenes "kleines" Universum in der großen Metro-Welt schaffen. Und das gelingt ihm recht gut.
Ein Grund dafür ist, dass er schon früh Redundanzen vermeidet und die Metro hinter sich lässt und Neuland erkundet: Der größte Teil des Romans findet an der in den vorherigen Romanen nur sehr spärlich thematisierten Oberfläche statt. Die Geschichte dreht sich um den Waisenjungen Gleb und den Stalker (=Oberflächen-Abenteurer) Taran. Diese werden von einem Verbund der Metro angeheuert, mit einer Expedition mysteriöse Lichtsignale an der Oberfläche zu untersuchen. Mit dabei: Der grimmige Anführer, ein Spaßvogel, ein Mutant, ein Priester der lokalen Sekte "Exodus" und weitere Haudegen. Und so beginnt die mühsame Reise über die verseuchte Oberfläche. Dort lauern neben Naturgewalten, mutierter Fauna und Flora noch weitaus grausigere Gefahren...
An sich muten diese Erzählelemente äußerst gewöhnlich an: Die kleine Gruppe aus Abenteurern - in gewisser Weise eine Ansammlung von Stereotypen - auf dem Weg zum Ziel. Aber das ist nicht schlimm: Würde dieses Konzept nicht aufgehen, hätte es uns nicht bereits hunderte von Filmen, Büchern und Erzählungen beschert. Aufgepeppt wird das ganze sowieso durch das ungewöhnliche und frische Setting. Ist man erstmal bereit, den all zu kritischen Teil seines Hirns abzuschalten ("Wie zum Teufel können 20 Jahre Strahlung denn SOWAS hervorbringen?!"), erlebt man eine Welt, in der es so gut wie keine Grenzen gibt. Dabei macht Djakow aus meiner Sicht eines zum Glück völlig richtig: Er lässt das Übernatürliche so weit es geht draußen. Was mich in der originalen Metro-Reihe ein bißchen Irritiert hat und nicht so recht in die nüchtern-düstere Postapokalypse passen wollte, bleibt hier außen vor. Prima!
Ansonsten wird die Geschichte solide, schnörkelos und spannend erzählt. Es gibt keine größeren Längen, nicht viel trivial-uninteressantes "Gelaber", die Geschichte bewegt sich wie am Faden dem Ende zu. Mit nur etwa 380 Seiten lässt sich Djakow damit auch nicht all zu viel Zeit. Die Geschichte der Charaktere, ihre Interaktionen und Beziehungen untereinander kommen dabei leider etwas zu kurz. Dafür erhält der Leser aber eine überraschend starke Auflösung - die aber ganz zum Schluss vielleicht einen Tick zu kitschig ist.
Fazit:
Mit seinem Erstlingswerk "Metro 2033: Die Reise ins Licht" hat Andrej Djakow einen mehr als würdigen Beitrag für die große Franchise abgeliefert, und übertrifft damit in meinen Augen sogar das mäßige "Originalfortsetzung" Metro2034. Der Roman ist actionreich, spannend, düster und entwickelt sich zum Ende hin zu einem echten Pageturner. Bemängeln könnte man überkritisch höchstens die etwas flache Charakterentwicklung und den Verlust des typischen klaustrophobischen "Metro-Charmes". Für Fans der Reihe und allgemein von "postapokalyptischer" Belletristik kann hier ohne Reue zugegriffen werden - und auch Genrefremde auf der Suche nach knackiger Action können einen Ausflug wagen, sofern sie nicht Wert auf all zu viel Tiefgang legen.
Die Lektüre der vorherigen Metro-Romane ist meines Erachtens nicht notwendig, kann aber sicherlich nicht schaden.
In diesem Sinne gibt es von mir abgerundete 4.5/5 Sterne. Abgerundet deshalb, weil mir für das Prädikat "Meisterwerk" irgendwo das gewisse Etwas fehlt, was mir am Ende auch in einigen Wochen, Monaten in Erinnerung bleibt. Nichts desto trotz - Gut gemacht, Andrej Djakow!