Nagib Machfus Buch ist eine philosophische und spirituelle Reise durch verschiedene Gesellschaftsverfassungen, deren äußere Formen sich in den Lebensauffassungen und Glaubenshaltungen ihrer Bewohner, gleichsam in ihrem Inneren, widerspiegeln. Der Held, Ibn Fattuma, vor seinem Liebeskummer und der Korruptheit seines islamischen Vaterlandes fliehend, macht sich auf die Reise ins mythische Gaballand - mit dem Vorsatz alle Länder auf seinem Weg kennen zu lernen und das in ihnen enthaltene Gute zurück in seine Heimat zu bringen.
Es gehört gewiss zur Weisheit des Autors, dass er im Laufe seiner Erzählung anschaulich zu machen weiß, dass äußere Welt und innere Verfasstheit miteinander in Wechselwirkung stehen und einander bedingen. Aus diesem Grund ist auch die Erzählung im Grenzgebiet zwischen realer Welt und Phantasie angelegt: es bleibt in der Schwebe, ob die Heimat Ibn Fattumas das reale Ägypten oder ein Märchenland aus Tausendundeinernacht ist, oder ob den legendären Gesellschaften, die der Held bereist, Staaten der realen Welt entsprechen. Diese Schwebe gibt der ganzen Reise etwas Mythisches, Phantastisches und zugleich den einzelnen Stationen das Exemplarische ohne je platt zu wirken.
Jede Station auf Ibn Fattumas Weg, jede Gesellschaft, greift einen Aspekt des Menschseins heraus, betont ihn, birgt in ihm etwas Erhaltenswertes, überfordert dieses Prinzip jedoch und verfehlt deshalb das wahre Menschentum und wirkt deshalb sympathisch - offenbart sich aber zugleich in einem oder mehreren Punkten als gescheitert; Die Mondanbeter des Maschriklandes wirken wie glückliche Hippies, die den Weg "zurück in den Garten" gefunden haben, sind dabei jedoch Sklaven ihrer dunklen Natur, in die das Licht des fruchtbaren Zweifels nicht fällt. Im Feudalkapitalismus des Haira-Landes ist der Mensch bereits Knecht des Egos geworden, entfremdet von seinen viel einfacheren natürlichen Impulsen und darum in Selbstbetrug gefangen - Hier ist der Herrscher, der das Ego symbolisiert, der Gott und angebetete Götze. Das Halbaland entspricht am ehesten realen Vorbildern, nämlich unseren westlichen Demokratien, in denen große Freiheit, Toleranz, Wohlstand verwirklicht sind, in denen aber niemand sagen kann, zu welchem Zweck die hart errungene Freiheit eingesetzt, genutzt werden soll; dies ist eine Kritik des Ägypters Machfus aus islamisch geprägter Sicht, die sich für den westlichen Leser vielleicht am schwersten verständlich oder verdaulich erweisen könnte. Bezeichnend, dass der Held gerade hier die Suche nach der Liebe seines Lebens aufgibt und mehr oder weniger ungerührt eine andere Frau erwählt...
Schließlich lernen der Reisende, und mit ihm der Leser, noch eine sozialistisch-kollektivstische Utopie kennen, in der aber das Individuum so bevormundet ist, dass es sein Glück auch hier nicht erlangen kann.
Was Machfus unter einer glücklichen Gesellschaft versteht, wird erst im Lande Ghurub deutlich: hier versammeln sich die Sinnsuchenden, um sich spirituell auf ihre letzte Reise ins sagenhafte Gaballand vorzubereiten. Es wird klar, dass die gerechte Welt in der Befriedung des Geistes gefunden werden muss. Schließ bricht Ibn Fattumas Bericht ab, als er an der, berghohen, Schwelle zum eigentlichen Gaballand steht.
Machfus erweist sich in diesem Buch auch für den westlichen Leser als ein Autor von philosophischer Tiefe, von erzählerischer Könnerschaft und als ein freier selbständiger Geist, der das Gute in den verschiedensten Erscheinungen zu schätzen weiß, der aber auch über den soliden Maßstab großer Vision verfügt, durch welche er die Dinge an ihren rechten Platz rückt und ihre wahren Dimensionen erkennbar macht.