Da ich mich längere Zeit mit Elefanten beschäftigt (und auch eine Novelle darüber geschrieben) habe, interessierte mich dieses Buch in besonderem Maße. Davon, daß ein Elefant einst zu Fuß durch mehrere Länder "gereist" ist, um seinen Besitzer zu wechseln, wußte ich, konnte aber bislang keinen Roman hierzu finden. Kurzum: Ich war neugierig. Jedoch muß ich vorausschicken, daß "Die Reise des Elefanten" mein erster "Saramago" war, wenngleich ich von seinen anderen Büchern schon einmal gehört habe.
Über den Inhalt ist schon einiges geschrieben worden, daher will ich mich hier auf meine persönlichen Eindrücke konzentrieren.
Zunächst bin ich über den Stil gestolpert, der vom Leser eine recht hohe Konzentration verlangt. Saramago schreibt sehr lange Sätze und verarbeitet darin sowohl die wörtliche Rede als auch den Erzählertext, ohne jedoch Absätze, Anführungszeichen oder gar die Groß- und Kleinschreibung in gewohnter Form zu berücksichtigen. Auf Seite 195 zum Beispiel geht so ein Satz über eine halbe Seite:
(Auszug: Er stieg vom Elefanten und erhielt auf seine an den ersten dort versammelten Menschen gerichtete Frage, Was ist passiert, die prompte Antwort, Die Vorderachse der Kutsche Seiner Königlichen Hoheit ist gebrochen, Was für ein Unglück, rief der Mahut aus, Der Wagenmeister und seine Helfer setzen bereits eine neue Achse ein, in einer Stunde können wir weiterziehen, Und wo hatten sie die her, Wo hatten sie was her, Die andere Achse, Du magst zwar einiges von Elefanten verstehen, aber auf den Gedanken ... usw ...).
Natürlich liest man sich ein, trotzdem mußte ich öfter zurückblättern, um den Zusammenhang zu verstehen. Zweifelsohne ist dieser Stil interessant, aber er ermüdet auch sehr. So manche Logik erschloß sich mir daher leider nicht.
Positiv von "Die Reise des Elefanten" zu erwähnen ist, daß man viel über die damalige Zeit erfährt und die seinerzeitigen Gedankengänge recht gut nachvollziehen kann. Saramago bezieht den Leser dabei mit ein, indem er in der Wir-Form schreibt. So ist man einerseits ganz in der Geschichte drin, gewinnt aber andererseits auch wieder eine Distanz. Das macht die Sache zwar lebendig, wirkt sich aber, zumindest aus meiner Sicht, wiederum negativ auf die Spannung aus.
An vielen Stellen mußte ich schmunzeln, zum Beispiel als Mahut und Elefant neue Namen bekommen (das gibt es in zoologischen Gärten tatsächlich) oder als der Mahut, um seinen finanziellen Verlust wieder auszugleichen, Elefantenhaare als Allheilmittel verkauft - um nur einige Beispiele zu nennen. Daß der Elefant vor einer Kirche eine Kniebeuge macht, ist einer der ironischen Höhepunkte.
Ab und an beschlich mich aber trotzdem das Gefühl, daß der Elefant oft nur an zweiter Stelle steht, es dafür mehr um die Menschen und ihre Gedanken geht. Ich hatte mir mehr Informationen über dieses gewaltige Tier bzw. mehr besondere Verhaltensweisen gewünscht.
Das Ende ist ernüchternd, für dieses sanfte Buch schon fast "brutal". Es ist traurig und entzaubert das Buch leider. Auf so etwas war ich nicht gefaßt, muß jedoch eingestehen, daß es realistisch geschrieben ist ... mehr darf und will ich hier nicht verraten.
Mit großer Wahrscheinlichkeit wird der inzwischen verstorbene José Saramago (Nobelpreis für Literatur) zu denjenigen Autoren zählen, dessen Bücher auch noch in zwanzig oder mehr Jahren im Sortiment der Buchhandlungen bestehen bleiben. Wegen seiner Ideen, und vermutlich wegen seines besonderen Stils. Gerade diejenigen, die konventionelle Regeln brechen und sich ihren eigenen, unverwechselbaren Stil aufbauen, haben Bestand.
Es bleibt Geschmackssache.