Der Erzähler auf der Reise
Javier Marías' schriftstellerische Anfänge
Missgünstige Menschen nennen Javier Marías den besten englischen Autor spanischer Sprache. Zwei Quellen speisen dieses giftige Bonmot, Marías' Erfolg, mit dem er viele seiner Kollegen seit den neunziger Jahren überstrahlt, und das angelsächsische Ambiente, in dem die meisten seiner Werke spielen, und zwar seit seinen literarischen Anfängen. Sein erster Roman, «Los dominios del lobo» (1971), persifliert amerikanische Familiengeschichte vor dem Hintergrund des schillernden Hollywood der vierziger und fünfziger Jahre, sein zweiter, «Die Reise über den Horizont», ist, knapp gesagt, ein Abenteuerroman aus dem viktorianischen England. Dieses Buch, 1972 erschienen, Javier Marías war gerade 21 Jahre alt, ist jetzt erstmals auf Deutsch übersetzt worden. Wer damals literarisch etwas zu melden hatte, schrieb, zumal im franquistischen Spanien, entweder politische Kassiber, oder er behandelte, poetically correct, die Problematik des Erzählens in Büchern, in denen die Helden für eine Treppenstufe 50 Seiten brauchten. Dass es auch anders ging, konnten die Spanier schon bei den Autoren des anrollenden Lateinamerika-Booms nachlesen.
Und Marías? Der schuf sich seine Nische, eine Art Abenteuerroman zweiten Grades, der von Liebe und Mord handelt, von existenziellen Geheimnissen und exotischen Ländern, aber immer auch davon, wie solche Geschichten erinnert werden, wie sie sich in Sprache verwandeln und im Akt des Erzählens wieder verändern. Dieses Romanmuster hat er in den letzten 30 Jahren variiert, nur die Gewichte haben sich verschoben: In seinem letzten Roman, «Schwarzer Rücken der Zeit», überwiegt die retardierende Reflexion, in «Die Reise über den Horizont» hingegen das Abenteuer. Joseph Dunhill Kerrigan, amerikanischer Geschäftsmann, Hasardeur und Millionär mit Wohnsitz London, hat die zündende Idee, eine Antarktisexpedition auszurüsten, aber nicht nur mit Wissenschaftern, sondern vor allem mit Künstlern: Schriftstellern, Musikern, Malern. Das Projekt findet begeisterten Anklang. Wenige Monate später schifft sich die illustre Gesellschaft von Marseille aus ein und segelt erst einmal ums Mittelmeer die Mehrzahl der Gäste wünscht diesen touristischen Schlenker, ohne sich jedoch für die angelaufenen Häfen sonderlich zu interessieren.
Man ist sich selbst genug, hat seine Konversation, seinen geregelten Tagesablauf. Den stört weder der ungeklärte Mord am Bootsmann noch ein tödliches Duell im Morgengrauen. Erst als Expeditionsleiter Kerrigan, von Depressionen getrieben, die Kontrolle über sich verliert und von der Mannschaft arretiert werden muss (und dann spektakulär von Bord flieht), kommt man überein, doch lieber die Heimreise anzutreten. Diese Geschichte wird dem Erzähler vorgelesen, und zwar aus dem unveröffentlichten Roman «Die Reise über den Horizont» von Victor Arledge, einem der Schiffsreisenden. Arledge war nur mit von der Partie gewesen, um seinem Freund Kerrigan einen Gefallen zu tun und um hinter das Rätsel der kaum glaublichen Entführungsgeschichte des Pianisten Hugh Everett Bayham zu kommen, der auch an Bord war. Wer Marías kennt, ahnt es schon: Dieses Rätsel wird nicht gelöst, und am Ende blickt man nicht mehr recht durch. Warum hat Arledge sich eigentlich nach der gescheiterten Expedition aus dem Leben zurückgezogen nur um «Die Reise über den Horizont» zu schreiben, ein Buch, von dem es am Ende doppelbödig heisst, es sei «letztlich mittelmässig» und offenbare «den literarischen Ehrgeiz eines begeisterten Jünglings»? Egal, um kartesianische Klarheit geht es Marías offensichtlich nicht.
Die historische Verkleidung liefert ihm das Alibi, ohne weitere Rechtfertigung und befreit vom Ballast alles Gegenwärtigen von Expeditionen und Entführungen, Morden und Duellen, Liebe und Heldenmut erzählen zu können. Eine Simulation, die er detailreich und (auch in der deutschen Fassung von Elke Wehr) stilistisch geschmeidig mit Leben erfüllt. Nur die genretypischen Schlusssteine alle Gefahren überstanden, Sieg der Liebe, Lösung aller Rätsel enthält er dem Leser vor. Das macht er so nonchalant, dass man ihm nicht einmal böse ist und das Buch einfach charmant findet. Albrecht Buschmann