Vorbemerkung: Ich werde hier keine detaillierten Informationen zum Inhalt erwähnen und keine Handlungen zusammenfassen. Die Rezension richtet sich dementsprechend an Personen, die mit dem ersten Band der "Geisterthron"-Trilogie ("Die Assassine") vertraut sind.
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Wer bei "Die Regentin" eine Fortsetzung im Stil von "Die Assassine" erwartet, liegt damit nur zum Teil richtig.
Was gleichgeblieben ist:
- Palmatiers Schreibstil: Ich-Erzählung, detaillierte Kämpfe und der fast schon inflationäre Gebrauch von Flüssigkeiten in den Beschreibungen (kaum eine Stelle, wo nicht Speichel tropft, Blut fliesst, Schweiss durchdringt oder Galle hochkommt) erzeugen eine Intensität, die das Buch wohltuend von der Masse abheben
- Das Personal: Weitestgehend die selben Figuren, die im ersten Band angerissen wurden und allmählich vertieft werden; auch das ein angenehmer Unterschied zu Autoren, die Spannung mit ständig neuen Figuren erzeugen wollen
- Die Magie: obwohl man sehr viel mehr über die Magie der "Geisterthron"-Welt erfährt, erklärt der Autor konsequent nur das, was auch die Ich-Erzählerin über ihre magische Begabung lernt. Es passt zum Erzählstil und ist meiner Meinung nach ausreichend.
Was sich geändert hat:
- Das Buch ist viel politischer geworden. Statt des nackten Überlebens stehen politische Ränkespiele, Intrigen und Misstrauen im Mittelpunkt.
Im Prinzip ist das die logische Fortsetzung der Entwicklung, die sich während des ersten Bandes ergeben hat - mir ging die ganze Geschichte allerdings ein wenig zu schnell. Varis, die fast ihr ganzes Leben auf der Gosse verbracht hat, fügt sich (obwohl intelligent) erstaunlich problemlos in die ihr völlig unvertraute Lebensweise ein. Selbstzweifel oder ängstliches Zurückweichen vor der Meinung anderer sucht man vergeblich - Varis' häufigste Emotion ist Wut.
- Kämpfe. Varis kämpft kaum noch selber - allerdings ist es dem Autor durch eine Wendung in der Geschichte (ohne hier zuviel verraten zu wollen) gelungen, den Leser trotzdem Kämpfe miterleben zu lassen, und das sogar wie gewohnt in der intensiven Ich-Perspektive.
- Die Spannung, leider. Während man im ersten Band mit kleineren (meist von Kämpfen begleiteten) "Highlights" immer bei der Stange bleibt, merkt man der "Regentin" ein wenig das "Mittelteil-Syndrom" an. Obwohl das Buch im letzten Drittel richtig spannend wird, kränkelt es davor hauptsächlich an einem Punkt:
Varis gelingt alles viel zu mühelos. Treten Probleme auf, weiss Varis einen unorthodoxen, aber pfiffigen Rat. Kann man jemandem nicht trauen, helfen der Geisterthron und magische Fähigkeiten sehr schnell weiter. Gibt es Intrigen oder einen Aufstand, steht ein hilfreicher Verbündeter unvermittelt zur Seite. Eine drohende Hungersnot in der Stadt wird mit einer Leichtigkeit abgewehrt, über die sich wohl ein echter Staatsmann in einem armen Land nur wundern könnte.
Damit zerstört der Autor das Empfinden von Realität, die man im ersten Band gespürt hat. Gerade weil Varis Not litt, weil nicht immer alles glatt ging, weil nicht für jedes Problem eine einfache Lösung zu finden war, weil es nicht nur schwarz und weiss gab, war der erste Band sehr authentisch. Und gerade deswegen wirken manche der Probleme hier im Nachhinein belanglos - weil ihre Lösung von den Protagonisten so mühelos zu finden ist.
Ein echter Politiker würde sich die Hände reiben, wenn Regieren so einfach wäre. ;-)
Warum das Buch dann doch trotz gewisser Schwächen knappe 4 Sterne wert ist?
- Weil das letzte Drittel einen kaum mehr loslässt, und der grosse Showdown, der sich anfängt abzuzeichnen, auch richtig packend ist und in einem Finale endet, das sich wirklich erst auf den letzten Seiten abzeichnet.
- Weil die Figur der Varis trotz obengenannten "Mühelosigkeiten" kein "Standard-Charakter" ist, und auch die Nebenfiguren ganz gut gezeichnet sind.
- Weil der Autor keine "Kuschelpolitik" betreibt - für harte Vergehen gibt es auch harte Strafen statt Lösungen aufgrund glücklicher Fügung, und es passt in die geschilderte Welt.
Lesenswertes Buch, auch wenn ich "Die Assassine" etwas authentischer fand.