Helga Schnabel-Schüle, Professorin für Neuere Geschichte, datiert die Reformation von 1495 bis 1555. Das ist programmatisch: nicht Luther soll allein im Mittelpunkt stehen, die Reformationsgeschichtsschreibung nicht weiter theologisiert, sondern konsequent säkularisiert werden. Zum Ereigniszusammenhang gehört der Reichstag von Worms 1495 mit seinem Thema des Ewigen Landfriedens (die Sympathisanten der Reformation Rechtsbrecher?) und einen gewissen Abschluss bildet der Reichstag zu Augsburg von 1555 mit dem Augsburger Religionsfrieden, der die religöse Spaltung zementiert. Dazwischen wird fakten- und detailreich der Ereigniszusammenhang dargestellt, immer mit Blick auf die politischen und theologischen Akteure, denen auch noch ein eigener Abschnitt gewidmet ist. Theologie wird oft von der Politik vorgeschoben, macht- und interessenpolitisch funktionalisiert. Unter den Aspekten, die diskutiert werden, ist auch der Sachverhalt, ob die Reformation auch die politischen Gemeinden reformiert und ihren Mitgliedern mehr Freiheit gebracht hat. Da besteht noch Forschungsbedarf.
100 Jahre nach Luthers Thesenanschlag, am Vorabend des Dreissigjährigen Krieges, wird der Reformation kontrovers gedacht. Auf der einen Seite hat die lutherische Orthodoxie Luther zum Kirchenvater gemacht, der fast wie ein Religionsstifter verehrt wurde, was er gelehrt hatte, wurde wie Gottes Wort geachtet. Auf der anderen Seite gab Rom 1617 als Jubiläum "zur Ausrottung der Ketzerei" aus.
Wieder hundert Jahre später gab es keine zentralen evangelischen Feiern, Beleidigungen des konfessionellen Gegners wurden verboten.
1817 dann machte sich der Einfluss des Pietismus hin zu christlicher Toleranz und religiöser Glaubensfreihet geltend.
1917 wurde Luther von Historikern national vereinnahmt.
Helga Schnabel-Schüle fragt dann, wie die Erinnerung an die Reformation 2017 wohl weitergehen wird.
Abschließend fordert die Verfasserin eine unbefangene, vorurteilsfreie historische Forschung, die die Ambivalenz der Reformation herausarbeitet.
Eine engagierte, lesenswerte Darstellung!