Zwar bin ich im allgemeinen kein großer Freund des italienischen Westerns - Leone und zwei, drei Filme von Corbucci seien hier einmal ausgenommen -, doch zählt Giulio Petronis Rachegeschichte "Da uomo a uomo" ("Die Rechnung wird mit Blei bezahlt") aus dem Jahre 1967 für mich zu den Glanzlichtern dieses sonst eher oberflächlich-formversessenen Sub-Genres. Der Film beginnt mit einer klassischen Schauerszene, in der vier Banditen im strömenden Regen bei Nacht eine Ranch überfallen, den Rancher töten, seine Frau und seine Tochter vergewaltigen und dann ebenfalls erschießen. Der etwa zehnjährige Sohn muß das Grauen aus einem Versteck mitansehen, wobei sich entscheidende Merkmale der Maskierten, wie etwa Schmuck, eine Tätowierung und eine Narbe, seinem Gedächtnis einbrennen, bevor er dann von einem Mann mit einem Totenkopfamulett ins Freie getragen wird.
Jahre später: Ein Mann namens Ryan (Lee Van Cleef) wird aus dem Gefängnis entlassen und holt sich zunächst einmal vom Gefängnisdirektor seine Waffe und seine siebenundzwanzig Patronen zurück - daß er über die Menge seiner Munition stets gut im Bilde ist, wird sich im Verlauf des Filmes immer wieder herausstellen. Ryan ist zufällig mit jenen vier Männern geritten, die die Familie des kleinen Jungen auf dem Gewissen haben, und wurde von ihnen verraten, da sie damit ihre eigene Haut retten konnten. Nun ist er entschlossen, sich von den teilweise inzwischen zu Ansehen und Vermögen gekommenen Männern für seine Haftstrafe fürstlich entschädigen zu lassen. Dabei läßt ihm der Zufall den jungen Bill Meceita (John Phillip Law) über den Weg laufen - eben jenen jungen Mann, der als Kind Zeuge der Vernichtung seiner Familie wurde und der sich seit Jahren nichts Sehnlicheres wünscht, als für dieses Verbrechen Rache zu nehmen. Die beiden unterschiedlichen Männer schließen sich zu einer Art losen Zweckgemeinschaft - wie sie für den italienischen Western typisch ist - zusammen und müssen schon bald merken, daß die von ihnen gesuchten Männer zwar nach außen hin respektabel geworden sind, aber - der "Graf von Monte Christo" läßt grüßen - immer noch eine Menge krimineller Energie haben.
An "Da uomo a uomo" stimmt eigentlich fast alles - bis auf John Phillip Law in der Rolle des jugendlichen Rächers, denn Law spielt einfach zu gewollt und wirkt so wie ein kleiner Junge, der, im vollen Bewußtsein, ihm sei eine wichtige Aufgabe übertragen wollen, diese gewissenhaft, aber steif und beflissen ableistet. Doch wird dieser Makel beinahe ausgeglichen durch Lee Van Cleef, der mit der ihm eigenen Coolness einen Charakter spielt, der trotz seiner kriminellen Vergangenheit auch menschliche und sympathische Züge trägt und im Laufe der Handlung für Bill zu einem väterlichen Freund wird. Es ist auch dieser Wandel im Verhältnis zwischen den Protagonisten - bis zur abrupten, für den Zuschauer indes keinesfalls überraschenden Enthüllung am Ende -, der die Beziehung als eine zwischen Lehrer und Schüler, die sich beide mit einer gewissen, wachsenden Achtung begegnen, definiert, wodurch die für den italienischen Western so typischen eine Beziehung prägenden Katz-und-Mausspiele auf ein erträgliches Maß - ich mag es nicht, wenn der Held eines Westerns ausschließlich durch Eigennutz vorangetrieben wird - reduziert werden. Auch die Rollen der Widersacher, gegen die sich unsere Helden durchsetzen müssen, sind erstklassig besetzt worden - vor allem sind hier Anthony Dawson mit seinen tödlichen blauen Stahlaugen und Luigi Pistilli zu nennen, den man ja auch aus anderen Italo-Western kennt.
Petroni greift natürlich auch die für Leone so typischen Detailaufnahmen auf, geht aber im Vergleich zum Meister sparsamer mit ihnen um. Mit der Salz- und Sonnenfolter hat er zudem ein Bild geschaffen, das für einen Westernliebhaber Ikonencharakter haben dürfte, ähnlich wie das am Stiefel eines Gehängten entzündete Streichholz in Corbuccis "Il Mercenario" ein Jahr später.
Was diesen Film aber zu einem besonderen Genuß macht, ist die - auch von Tarantino wiederaufgegriffene - Filmmusik aus der Feder Ennio Morricones. Besonders der tragische Trauermarsch, von der Gitarre gespielt, mit dem die Helden in ihrer Deckung weichgekocht werden sollen, gehört für mich zum Besten, was für einen Western je komponiert wurde. Auf Augenhöhe mit diesem Stück rangiert natürlich noch die mit wilden Choreinlagen und irren Flötenfetzen aufgepeitschte Gitarrenmusik, die zum musikalischen Hauptmotiv des Filmes geworden ist. Diese beiden Stücke sind wirklich große Kunst.
Große Kunst, das ist der Rest von "Da uomo a uomo" vielleicht nicht unbedingt, aber doch - und das ist nichts Geringes - großartiges Handwerk, mit dem Regisseur Petroni einen spannenden, sehr unterhaltsamen Western auf die Leinwand brachte, der auch einen Italo-Western-Verächter wie mich vollauf begeistert - und das immer wieder.