Dieses Buch wurde mir von einer anderen Mutter empfohlen, deren Kind genauso tief in der Trotzphase steckt wie meins. Sie war begeistert von den Tipps. Mit entsprechendem Vertrauensvorschuss machte ich mich ans Lesen - und wurde arg enttäuscht. Einige Ansätze finde ich wirklich gut. Zum Beispiel die Empfehlung, Kindern Dinge nur einmal zu sagen. Einmal. Ansage, Abwenden, Weggehen. Klappt wirklich, absolut. Und ist respektvoller als die fünfmalige Wiederholung der Anweisung mit dreimaliger Androhung "Mama geht jetzt." Ebenfalls gut ist das Prinzip "B tritt nicht ein, bevor A abgeschlossen ist." Mehr Konsequenz in der Erziehung ist sicher ein wichtiger Ansatz für viele Eltern. Auch super: Lassen Sie die Realität den Lehrer sein. Nicht die Versäumnisse der Kinder aufholen! Nicht die Hausaufgaben machen! Kein morgendlicher Weck-Kampf! Den Ansatz halte ich auch für wichtig, wenn Kinder auf das Erwachsenendasein vorbereitet werden sollen.
Aber dann kommen Kapitel, bei denen man sich während des Lesens fragt, wieso jemand, der Kinder so schrecklich findet, fünf davon hat. Schlagen ist ein adäquates Mittel zur Disziplinierung von Kindern und für das sofortige Ausmerzen von Trotz? Wer so etwas schreibt, sollte die Zulassung als Psychologe verlieren! Auch die Behauptung, Kinder wären von Natur aus selbstsüchtig, das erkenne man ja schon daran, dass sie von Geburt an Schreien, wenn sie etwas wollen - das ist Quatsch. Die mehrfach verwendete Formulierung, Kinder seien "dumm wie Bohnenstroh" ist auch nicht gerade respektvoll, auch wenn die Randinfo, Eltern seien manchmal "dümmer als Bohnenstroh" es ein wenig abschwächt. Ein weiterer Kritikpunkt für mich ist die religionsbefürwortende Einstellung, mit der Tipps erteilt werden, wie man Teenager, die keine Lust auf Gottesdienst haben, geschickt manipuliert, damit sie doch hingehen.
Fazit: Drei, vier wirklich gute Ansätze, einige unglaublich kinderfeindliche Aussagen, eingebunden in teilweise unglaubwürdige Erfolgsstories früherer Klienten und ebenso unglaubwürdige Selbstbeweihräucherung der harmonischen, selbstlosen, einfach wundervollen Familie Leman, in der alle Kinder und Enkel perfekt funktionieren.
Die Sternvergabe ist für mich etwas schwierig, ich entscheide mich jetzt trotz der massiven Kritikpunkte für drei Sterne, weil die Prinzipien "Ansage, Abwenden, Weggehen" und "B tritt nicht ein, bevor A abgeschlossen ist" in meiner Familie tatsächlich Wunder bewirkt haben.