"Die Realität der Massenmedien" von Niklas Luhmann ist eine systemtheoretische Beschreibung der Massenmedien. Unter Massenmedien definiert Luhmann dabei
"alle Einrichtungen der Gesellschaft, die sich zur Verbreitung von Kommunikation technischer Mittel der Vervielfältigung bedienen".
Das Buch basiert auf einem Vortrag, den Luhmann am 13.07.1994 an der Akademie für Wissenschaften in Düsseldorf gehalten hat. Ergänzt hat er ihn in schriftlicher Form um Gesichtspunkte, die aus dem Rahmen der kommunikationswissenschaftlichen Medienforschung herausfallen.
Der Autor steigt ein mit der These:
"Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien"
Dabei unterstellt er keinen Manipulationsverdacht, sondern betrachtet die Massenmedien als ein Funktionssystem der modernen Gesellschaft:
Die Massenmedien sind ein System, vielmehr ein "geschlossenes" System, mit verschiedenen Funktionen. Diese sorgen dafür, dass sich die Elemente (hier: Informationen) immer wieder erneuern. Luhmann spricht in diesem Sinne auch von "Reproduzierbarkeit". Die Massenmedien können nur existieren, wenn eine Anschlussfähigkeit besteht: aus einer gesendeten Information wird sofort eine Nichtinformation über die Funktionen muss das System nunmehr daran anknüpfen und sofort neue Informationen generieren.
Um ein System als "geschlossen" zu bezeichnen und damit von seiner Umwelt abzugrenzen, braucht es einen Code. Diesen Code sieht Luhmann nicht in der Unterscheidung zwischen "wahr/unwahr" sondern zwischen "Information/Nichtinformation".
Aufgrund des Codes wird bestimmt, welche Operationen zum System gehören. Damit ist auch klar herausgestellt, was nicht zum System und damit zur Umwelt gehört. Nach Luhmann gibt es jedoch nicht "eine" Umwelt für verschiedene Systeme, sondern immer eine systemabhängige Umwelt, die aus Sicht jedes einzelnen Systems erschaffen wird. Luhmann beantwortet damit die Frage nach der Realität der Massenme-dien: sie konstruieren, nicht manipulieren, Realitäten. Somit "leisten die Massenmedien einen Beitrag zur Realitätskonstruktion der Gesellschaft".
Luhmann untersucht auch strukturelle Kopplungen verschiedener Systeme. Er sieht sie ganz besonders durch die Unterteilung in drei Pro-grammbereiche: Nachrichten/Berichte, Werbung und Unterhaltung, so z. B. besteht eine strukturelle Kopplung nach Luhmann zwischen Werbung und Wirtschaft.
Für denjenigen Leser, der sich mit Luhmanns Systemtheorie und seinen Begriffen wie: System/Umwelt-Differenz, Operation, Funktion, Autopoiesis noch nicht befasst hat, ist dieses Buch schwer verständlich, da Definitionen und die allgemeine Systemtheorie als bekannt vorausgesetzt werden. Auch für Kenner der Theorie ist es nicht einfach, sich durch das theoretisch, abstrakte Konstrukt zu kämpfen. Noch dazu ist die Theorie von Luhmann insgesamt sehr umstritten.
Wer nach der Hinterfragung von Qualität oder der Manipulation von Massenmedien sucht, wird hier nicht fündig werden. Aber der Leser er-hält tiefen Einblick in eine systemtheoretische Blickweise, über die Funktionsweise der Gesellschaft und all ihrer Systeme.
Leser, die in Luhmanns Theorien Wahrheiten und Erklärungen finden, werden seine hier gelieferte Sichtweise auf die Medien sicherlich befürworten. Nicht zuletzt bleibt aber die Frage offen, ob seine Betrachtungsweise nicht ebenso eine Konstruktion ist, wie die von ihm be-schriebene Konstruktion der Realität durch Medien.